Ratgeber Stress

Resilienz in der Arztpraxis: Coach-Tipps für Ärzte und MFA

Wie Sie als MFA einen Schutzschirm im operativen Tagesgeschäft aufbauen und wie Sie als Führungskraft auch in schwierigen Zeiten Resilienz in der Praxis fördern, erklärt Business-Coach Cornelia Müller-Saxler.

Durch die aktuelle Situation sind die medizinischen Fachangestellten und Ärzte oft am Limit der Belastbarkeit angelangt oder haben ihre Grenzen bereits überschritten. Der Arbeitsalltag wird nur noch als stressig und mitunter sogar frustrierend empfunden. Wie kann es denn sein, dass es MFA häufig so ergeht und sie sich überfordert fühlen, obwohl das Internet voller Ratgeber mit Selbstwirksamkeits- und Anti Stress-Techniken ist?

Albert Einstein bringt es auf den Punkt: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten“. Es wäre nur zu einfach eine Wunderpille einzunehmen und die Situation wäre wieder wie gewünscht. Erwachsene verbringen über 70 % ihrer Lebenszeit mit beruflichen Aktivitäten. Die Fischverkäufer vom Pike Place Fischmarkt in Seattle, USA machen uns seit Jahren vor wie sie Ihre Kunden und sich selbst begeistern, indem sie einfache Prinzipien bei ihrer täglichen Arbeit anwenden und trainieren.

1. Prinzip: Fülle Deinen Berufsalltag mit Freude

Unsere Erfahrungen/ Wahrnehmungen und Glaubenssätze entscheiden über unsere Einstellungen zum Leben. 95% unserer Aktivitäten laufen unbewusst, automatisch ab.

Da unser Gehirn 20% der gesamten Körperenergie verbraucht, liebt es diese Routinen und Gewohnheiten. Unseren so genannten messerscharfen Verstand können wir uns als Messer vorstellen. Was würden Sie einem Patienten raten, wenn er täglich mit einem Messer herumfuchtelt und sich selbst schneidet. Genau in diesem Zustand sind wir, wenn wir negativ bewerten – uns im negativen Sinne stressen oder sogar ärgern. Unser Immunsystem reagiert so, als hätten wir uns wirklich verletzt.

Das Unterbewusstsein spielt uns durch unsere Erfahrungen, was wir wissen und was wir können in Kombination mit unseren Glaubensätzen, was wir von uns selbst und anderen glauben, Streiche. Vera Birkenbihl bezeichnete unser Bewusstsein, wenn wir es messen würden, mit einer Länge von 5mm im Vergleich zum Unterbewusstsein von 11 km Länge. Diese mächtige Instanz sammelt all unsere Wahrnehmungen, filtert diese Millionen von Eindrücken pro Sekunde und entscheidet was an unser Bewusstsein durchdringt. Es bilden sich schon in der Kindheit entsprechende Muster im Gehirn – Strategien, die unser Überleben sichern und zu bestimmten Einstellungen führen. Die Einstellungen entscheiden, ob Ärger entsteht. Zum Beispiel immer, wenn wir andere Ziele oder Erwartungen haben.

Wie können wir Ärger und nun Stress begegnen?

Kurzfristige Strategien, die Ihnen helfen:

  1. Versuchen Sie zwischen dem was sich ereignet hat (= Ereignis = sprich was ist passiert) und Erlebnis (wie erlebe ich es, wie sind meine Gefühle) zu unterscheiden.
    Wenn negative Gefühle überwiegen, ersetzen Sie diese durch positive Gefühle, indem Sie an ein für Sie schönes Erlebnis denken oder Ihre Körperhaltung verändern. Wenn wir gestresst sind fühlen wir uns meist machtlos und klein. Suchen Sie sich einen ruhigen Ort und nehmen Sie Siegerposen für mindesten zwei Minuten ein. Unsere Gedanken beeinflussen unsere Gefühle unsere Körperhaltung beeinflusst unsere Einstellung (siehe Amy Cuddy, Maja Storch).
  1. Überprüfen Sie Ihre Glaubenssätze – ist das wirklich wahr? – und funktioniert mein daraus resultierendes Verhalten noch? – bin ich gut zu mir?  Setzen Sie Ihren messerscharfen Verstand ein, indem Sie Raum zwischen Reiz und Reaktion lassen und sich nicht Ihrem Reizmuster hingeben
    Technik: Gedankenstopp. Hängen Sie ein großes Stoppschild vor Ihrem geistigen Auge auf und lächeln Sie (notfalls Stift quer in den Mund nehmen) oder atmen Sie 10 x tief in den Bauch ein und stellen Sie sich 3 Minuten auf ein Bein. Konzentrieren Sie sich auf diese Haltung. Die körperliche Aktivität hat immer Vorrang vor dem was wir denken.

Langfristige Positiv-Programme installieren

„Three Blessings“ –  drei Dinge, die gut tun: Schreiben Sie täglich 3 Dinge auf, die Ihnen gutgetan haben, wofür Sie dankbar sind und begründen Sie diese. Lesen Sie einmal in der Woche einem Menschen, dem Sie vertrauen Ihre Aufzeichnungen vor. Wenn Sie ein vertrauliches Verhältnis zu Ihren Kollegen haben, können Sie auch diese Übung im Kreis Ihrer Kollegen spielerisch als Teamübung machen.

2. Prinzip: Spiele und habe Spaß

Erlauben Sie sich wieder das spielerische Kind zu entdecken, um mit Spaß an die täglichen Routinen heran zu gehen. Fangen Sie mit einer einfachen Routine an und denken Sie daran, dass nach dem Pareto-Prinzip etwa 80 % der Auswirkungen durch nur etwa 20 % der möglichen Ursachen bedingt sind.

Machen Sie sich immer wieder bewusst, dass Sie oft in Ihren Reizen beziehungsweise Gewohnheiten festhängen. Diese Verhaltensweisen waren einmal energiesparende Automatismen, die uns zu routinierten Problemlösungen verhalfen. Wenn sich winzige Veränderungen im System ergeben, ist es zielführend, neue Handlungsweisen auszuprobieren.

Kurzfristige Strategien:

  1. Genießen Sie Humor. Machen Sie sich auf die Suche nach Lustigen und bringen Sie Kollegen zum Lachen
  2. Unsere inneren Antreiber wie Perfektionismus machen uns oft das Leben schwer. Erlauben Sie sich, sich selbst zu trösten. Dadurch mildern Sie negative Affekte. Sie werden offener und können neue Möglichkeiten wahrnehmen
  3. Denken Sie an schöne Erlebnisse in Ihrer Kindheit zurück. Nehmen Sie diese spielerische Haltung mit zur Arbeit

Langfristige Positiv-Programme installieren: „My Perfect Day“

Planen Sie Ihren Traum-Tag und erkennen Sie, welche Möglichkeiten Sie haben, Ihr Leben positiv zu gestalten. Machen Sie eine ausführliche Liste: Was tut mir gut – was bereitet mir Freude? Planen Sie Ihren Traum-Tag nicht mit zu viel Aktivitäten. Konzentrieren Sie sich auf „Glücksmomente“, die Sie auch gestalten können. Gönnen Sie sich immer wieder, an die Dinge zu denken, die Ihnen Freude und gute Gefühle bereitet haben. So können Sie spielerisch Ihr Leben positiv gestalten.

3. Prinzip: Bereite anderen eine Freude

Gerade als MFA im Einsatz können Sie in Ihrem Arbeitsalltag so nah am Menschen viel Gutes in die Welt bringen, indem Sie zum Beispiel ältere Patienten, die sehr einsam sind durch liebevolle Kommunikation abholen. Sie haben jeden Tag die Möglichkeit, Sinnstiftendes für unsere Gesellschaft zu bewirken. Sie können durch diese Bereitschaft langfristig auch das Arbeitsklima verbessern. Zusätzlich sorgen Sie gut für sich selbst durch positive Gefühle.

4. Prinzip: Sei präsent und dankbar für das hier und jetzt

 Hier geht es um Achtsamkeit mit sich und anderen. Die meisten Menschen sind entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft unterwegs. Wenn wir in der Gegenwart im „Hier und Jetzt“, fokussiert bei der Sache sind, werden wir auch offen für andere. Außerdem, wenn Du präsent bist, hast Du Dich schon in Richtung Achtsamkeit auf den Weg gemacht, indem Du die momentane Situation akzeptierst und das Verhalten von Patientin Mayer geduldig hinnimmst. Achtsamkeit hat mit Wahrnehmung zu tun. Wenn wir unser Bewertungssystem austricksen und es zulassen uns ein anderes wertfreies Bild von der Situation zu machen.

Durch die tägliche Anwendung dieser 4. Grundsätze kann auch die Führungskraft die Mitarbeiter im Praxisalltag unterstützen und für mehr Vertrauen, Motivation, Kreativität, Gestaltungsräume und Resilienz sorgen. Der transformationale Führungsstil in Ergänzung zum transaktionalen Stil bietet in Kombination mit der Fish-Philosophie eine sichere Grundlage das Praxisteam in unsicheren stürmischen Zeiten in den sicheren Hafen zu navigieren.

Diese ganzheitlichen Aspekte, die alle Elemente von Führung umfassen, sind einfach umsetzbar:

Kurzfristige Strategien:

  1. Gönnen Sie sich und Ihren Mitarbeitern mehr kurze Pausen
  2. Sorgen Sie für energiereiche Nahrung
  3. Bieten Sie Raum für kurze Meditationen z. B. Dankbarkeits-Gehmeditation
  4. Führen Sie Kurz- Gymnastikprogramme ein

Inspirieren Sie & installieren Sie langfristige Positiv-Programme:

  1. Meditationen in der Mittagspause
  2. Gemeinsames Waldbaden
  3. Offene Praxiskultur
  4. Kreieren Sie ein Praxis-Motto z. B. nach dem ZRM von Maja Storch und feiern Sie Erfolge, denn:

    Cornelia Müller-Saxler

    Business-Coach Cornelia Müller-Saxler. Bild: Müller-Saxler

Wenn Sie nur eine Verbesserung im Prozess installieren wie ein gemeinsames Morgenritual, oder Motto verändert sich das gesamte System. Die empfohlenen Übungen aus der „Positiven Psychologie“, „Motivationspsychologie“ und „Resilienzforschung“ sind erprobt und möchten Ihnen ein Gefühl geben, sie einfach mal auszuprobieren.

Literaturtipps zum Thema:

  • Fish-Ein ungewöhnliches Motivationsbuch- Steven Lundin – 8. Auflage, 2015 Goldmann Verlag München * S. 8
  • Die Macht der guten Gefühle- Barbara F. Fredrickson – 12 Auflage, Campusverlag
  • Mitarbeiter wirksam motivieren- Dr. Florian Becker- 2018, Springer Verlag
  • Video: Schlechte Laune muss nicht sein- Du hast die Wahl-Vera Birkenbihl, youtube
  • Presence- Bring your Boldest Self to your Biggest Challenges- Amy Cuddy, Hörbuch
  • Das Geheimnis kluger Entscheidungen- Maya Storch 3. Auflage 2012, Piper Verlag

Autorin: Cornelia Müller-Saxler

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