Wirtschaftsnachrichten für Ärzte | ARZT & WIRTSCHAFT
Klinik

„Die Güte eines Gesundheitssystems zeigt sich vor allem im Notfall“, betonte unlängst Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Leider sind ausgerechnet jene Stellen, die eigentlich für die dringlichsten Fälle eingerichtet sind, inzwischen chronisch überlaufen – und zwar auch mit Menschen, deren medizinischer Versorgungsbedarf alles andere als akut ist.

Diensthabende Ärzte berichten immer wieder von Patienten, die sich wegen eines eingewachsenen Zehennagels vorstellen, über Schluckbeschwerden klagen oder unter leichter Übelkeit leiden. Lange konnte man nur spekulieren, warum Versicherte mit derartigen Bagatellen in eine Klinik kommen. Inzwischen aber gibt es erste Studien, die belegen, dass der Run auf die Kliniken System hat. Vor kurzem etwa veröffentlichte die KKH Kaufmännische Krankenkasse eine von ihr in Auftrag gegebene Forsa-Umfrage unter 1.000 Versicherten. Das verstörende Ergebnis: 38 Prozent der Teilnehmer würden das Krankenhaus trotz geöffneter Praxen ansteuern – selbst, wenn sie bei nicht lebensbedrohlichen Beschwerden Hilfe benötigen. Von denjenigen Befragten, die in den vergangenen fünf Jahren mindestens einmal eine Notaufnahme aufsuchten, ging fast jeder Dritte innerhalb der Öffnungszeiten von Arztpraxen dorthin. Warum? Weil mehr als 40 Prozent der Notaufnahme-Nutzer sich dort „medizinisch besser versorgt fühlen“ als in der Arztpraxis.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die TK in einer Studie aus dem vergangenen Jahr: Danach sind nur sechs von zehn Fällen in der Notaufnahme echte Notfälle.

Jeder ist sich selbst der nächste

Das Ergebnis dieses Trends sind notorisch überfüllte Ambulanzen mit zum Teil erheblichen Wartezeiten. Das wiederum führt immer öfter zu massiven Aggressionen gegen Klinikpersonal. Eine Querschnittsstudie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege in 81 Betrieben fördert dramatische Zahlen zutage: Von den insgesamt 1.984 Teilnehmern haben in den zwölf Monaten vor der Erhebung 79,5 Prozent Gewalt durch Patienten erlebt: In 94 Prozent der Fälle kam es zu verbalen Übergriffen, 70 Prozent der Betroffenen wurden sogar Opfer von Tätlichkeiten oder wurden mit körperlicher Gewalt bedroht.

Etwa 31 Prozent aller Übergriffe ereigneten sich bei Beschäftigten in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Andere Studien zeigen jedoch ganz klar, dass auch das Personal in psychiatrischen Einrichtungen und in den Notaufnahmen stark betroffen ist.

Besonders starke Belastung für Klinikpersonal

Die Folgen von Gewalt können vielfältig sein. Neben möglichen körperlichen Verletzungen weisen die Studienautoren vor allem auf die psychischen Folgen hin: Die meisten Betroffenen sind nach einem Gewalterlebnis vorsichtiger, aufmerksamer und angespannter bei der Arbeit und gehen weniger unbefangen mit ihren Patienten um. Immerhin ein Drittel der Gewaltopfer fühlte sich durch das Erlebte stark belastet, bei den Beschäftigte aus Krankenhäusern lag die Quote sogar bei 44 Prozent.

Mit Blick auf die körperlichen Beeinträchtigungen gaben 42 Prozent der Betroffenen an, länger als zehn Minuten Schmerzen gehabt zu haben, sichtbare Verletzungen trugen 58 Prozent davon, 19 Prozent mussten ärztlich versorgt werden.

So reagieren Kliniken auf das Problem

Krankenhäuser reagieren unterschiedlich auf das wachsende Problem. In einigen Kliniken wurde bereits professioneller Wachschutz engagiert, der das ärztliche Personal vor Übergriffen schützen soll. Teilweise wird das Personal mit Notruf-Geräten ausgestattet, damit jederzeit ein Alarm abgesetzt werden kann. Andere Häuser setzen vor allem auf Deeskalationstraining und schulen ihre Mitarbeiter entsprechend. Kliniken, die prüfen möchten, ob sie ausreichend Maßnahmen gegen solche Übergriffe getätigt haben, finden auf der Seite des BWG einen Leitfaden, der die wichtigsten sieben Schritte einer Gefährdungsbeurteilung zusammenfasst.