Zankapfel mit Risiken und Nebenwirkungen

Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche

Was die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut zum Thema Corona-Impfung  für Kinder und Jugendliche vorschlägt und was die Politik in die Praxis umsetzt, deckt sich gerade nicht sehr gut. Dabei geraten Ärzte und Ärztinnen zusammen mit ihren jungen Patienten und deren Familien unter Druck.

Hurra, die Schule beginnt! – Vielleicht

Stand 3. August sind in Deutschland je nach Bundesland zwischen 51 und 62 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung vollständig geimpft. Viel zu wenig, um eine vierte Infektionswelle mit der Delta-Variante der COVID-19-Erkrankung aufzuhalten. Diese ist offenbar ähnlich ansteckend, wie die Windpocken, wie die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC meldet. Einen einigermaßen entspannten Herbst verheißen die Modellierungen des RKI bei Impfquoten von wenigstens 85 Prozent in der Altersgruppe der 12–59-Jährigen, beziehungsweise 90 Prozent in der Altersgruppe der über 60-Jährigen (bezogen auf vollständig Geimpfte). Realität ist derzeit: Aus dem Ansturm auf Arztpraxen und Impfzentren ist eher ein laues Lüftchen geworden. Impfstoffe drohen zu verfallen. Und in den ersten Bundesländern beginnt gerade das neue Schuljahr.

Nun haben die Gesundheitsminister des Bundes und der Länder beschlossen, auch Kindern und Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren flächendeckend die Impfung gegen COVID-19 anzubieten. Die STIKO sieht allerdings unverändert von einer generellen Empfehlung der Corona-Schutzimpfung für gesunde Kinder und Jugendliche ohne Vorerkrankungen ab. Über die noch immer gültigen Gründe berichtete ARZT & WIRSCHAFT (Warum die STIKO die Empfehlung der COVID-19-Schutzimpfung für alle Kinder und Jugendlichen ablehnt | arzt-wirtschaft.de).

Der Weg des geringeren Widerstands?

Die nun politisch anvisierte Erweiterung eines flächendeckenden Impfangebots der Corona-Schutzimpfung richtet sich an die Altersgruppe der 12 bis 17-Jährigen. In dieser Gruppe sind je nach Bundesland zwischen 6,6 und 13,5 Prozent vollständig geimpft sind (Stand 3. August). Bei den über 60-Jährigen hat die Durchimpfungsrate mit 72 bis 87 Prozent (im Schnitt 80 Prozent) sehr hohe Werte erreicht. Bei den 18 bis 59-Jährigen liegt sie nur bei 46 bis 67 Prozent (im Schnitt 53 Prozent). Nicht nur bei  den bisher jüngsten Impfanwärtern, sondern auch in der mittleren – und größten – Bevölkerungsgruppe ist also noch Luft nach oben. „Das Risiko liegt mehr bei den nicht impfwilligen Erwachsenen als bei den Kindern und Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren”, betonte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sieht keinen Widerspruch in den Planungen zur flächendeckenden Impfung der Zwölf- bis 17-Jährigen und der Empfehlung der STIKO, nur vorerkrankte Kinder und Jugendliche gegen COVID-19 zu impfen. Wer sich impfen lassen wolle, könne dies tun. Wer es nicht wolle, müsse nicht. Weigeldt, allerdings sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland „Diese Diskussion unter Missachtung der Kompetenz der Ständigen Impfkommission kann eher zur Verunsicherung führen, als dass sie der Impfkampagne hilft.“ Er verstehe nicht, „warum eine Empfehlung der STIKO dazu zunächst nicht abgewartet werden kann, die sich auf Basis von fundierten Studien zeitnah äußern will.“ Tatsächlich gab der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, Prof. Thomas Mertens im Interview mit der Süddeutschen Zeitung an, dass sich die STIKO voraussichtlich bis zum 12. August unter Berücksichtigung der aktuellen Daten erneut zum Thema positionieren will.

Entscheidungsfreiheit besteht schon längst

Auch wenn Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vornehmlich die individuelle Entscheidungsfreiheit zur Corona-Schutzimpfung betont, hat die angepeilte Rettung der Impfquote über Kinder und Jugendliche deutliche Risiken und Nebenwirkungen. De facto besteht Entscheidungsfreiheit auch für die jüngste Gruppe potenzieller Impflinge schon längst. Nämlich seit der EMA-Zulassung der beiden mRNA-Impfstoffe für zwölf- bis 17-Jährige. Familien, in denen dieser Wunsch besteht, können Kinder ab zwölf Jahren nach ärztlicher Beratung gegen COVID-19 impfen lassen. Seit Wochen. Durch die aktuellen politischen Planungen wird sich jedoch voraussichtlich der Druck auf die jungen Menschen und auf ihre Familien erhöhen. Das gilt natürlich auch für die Arztpraxen. Die erleichterte Zugänglichkeit trägt soziale Verantwortung im Gepäck. Nicht zuletzt dafür, dass Kinder und Jugendliche zur Schule gehen können.

Die STIKO muss Maßnahmen evidenzbasiert abwägen, nicht schön finden

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte der Vorsitzende der STIKO Thomas Mertens: „Es wäre entscheidend, mit dem reichlich verfügbaren Impfstoff die 18- bis 59-Jährigen vollständig zu impfen. Es ist sehr klar, dass davon der Verlauf der „nächsten Welle“ abhängt und nur sehr marginal von der Impfung der Kinder.“ Die Maßnahmen der wissenschaftlich weithin akzeptierten S3-Leitlinie solle an den Schulen umgesetzt werden, um den Unterricht zu gewährleisten. Denn immerhin könnten etwa 9,1 Millionen Kinder unter zwölf Jahren gar nicht geimpft werden: all jene in Kinderkrippen, Kindergärten, Grundschulen und den ersten Jahren der weiterführenden Schulen.

Der Vorsitzende der Sächsischen Impfkommission Thomas Grünwald kommt dennoch zu dem Schluss, dass das individuelle Nutzen-Risiko-Verhältnis für Kinder und Jugendliche deutlich für eine Corona-Schutzimpfung spreche, wenn man Erfahrungen aus den USA und Israel heranziehe. Es lohnt hierbei ein genauerer Blick: In den USA sind nach Angaben der CDC 21,2 Prozent der Jugendlichen adipös. In Deutschland sind es 8,5 Prozent. Diese Jugendlichen gehören zudem zu jenen jungen Risikogruppen, für die die STIKO tatsächlich eine COVID-19-Impfung empfiehlt. Die Sächsische Impfkommission empfiehlt deshalb die generelle Impfung der 12-17-Jährigen.

Es stellt sich nur die Frage, welche Funktion eine unabhängige auf Bundesebene zuständige Kommission hat und wer dann künftig auf sie hören soll? Das liest sich sehr deutlich aus einer gemeinsamen Presseerklärung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte und des Virchowbundes heraus: „Es ist kontraproduktiv, die unabhängigen, wissenschaftlich begründeten Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) in Frage zu stellen. Gerade dies tut die Gesundheitsministerkonferenz, indem sie ohne Abstimmung mit der STIKO Beschlüsse fasst, …“

Quellen:

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/126034/US-Gesundheitsbehoerde-Delta-Variante-so-ansteckend-wie-Windpocken-trotz-Impfung

https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/27_21.pdf?__blob=publicationFile

Digitales Impfquoten-Monitoring zur COVID-19-Impfung des RKI; RKI – Coronavirus SARS-CoV-2 – Digitales Impfquotenmonitoring zur COVID-19-Impfung (letzter Abruf 03.08.20121, 13:30 Uhr)

https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/impfung-stiko-mertens-1.5371078

Corona-Impfungen: EMA gibt Moderna für Jugendliche frei | tagesschau.de (letzter Abruf 03.08.2021)

https://www.rnd.de/politik/corona-impfung-fuer-kinder-bund-und-laender-wollen-breites-angebot-UJDUGIZ7ID32WC6DHRWCLXMAQY.html

https://www.rnd.de/politik/corona-impfung-von-kindern-und-jugendlichen-hausaerzte-kritisieren-gesundheitsminister-beschluss-56XSSU7EXNEIJGUJN5THNRMBNU.html (letzter Abruf 03.08.2021)

https://www.lvz.de/Familie/Aktuelles/Corona-Impfung-fuer-Kinder-Chef-der-Impfkommission-Sachsen-im-Interview

https://www.cdc.gov/obesity/data/childhood.html#:~:text=Prevalence%20of%20Childhood%20Obesity%20in%20the%20United%20States&text=The%20prevalence%20of%20obesity%20was,to%2019%2Dyear%2Dolds

https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Adipositas_Monitoring/Adipositas/HTML_Themenblatt_Adipositas.html

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Author's imageIlias TsimpoulisManaging Director bei Doctolib

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