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Pädiatrie
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Alarmierende WHO-Zahlen: Jedes siebte Kind leidet unter psychischen Problemen

Die Schlagzeilen des WHO-Regionalbüros für Europa aus dem November 2025 klingen alarmierend: Ein Siebtel aller Kinder und Jugendlichen in Europa lebt mit einer psychischen Erkrankung. Dazu bleiben Adipositas und Übergewicht bei Kindern ein großes Problem: Laut der sechsten Runde der COSI-Studie lebt ein Viertel der Kinder in der Altersgruppe von sieben bis neun Jahren mit Übergewicht, inbegriffen sind 11 Prozent der Kinder mit Adipositas. Unter den diskutierten Ursachen tauchen in beiden Fällen die Themen Bildschirmzeit und Online-Verhalten auf.

Smartphone-Generation: 70 Prozent der 10-Jährigen bereits digital vernetzt

Kinder wachsen heute in einer zunehmend digitalen Welt auf. Laut Daten aus der Progress in International Reading Literacy Study verfügten bereits im Jahr 2021 ungefähr 70 Prozent der 10-Jährigen über ein eigenes Smartphone. Der PISA-Studie zufolge hatten 2022 im OECD-Raum durchschnittlich 98 Prozent der 15-Jährigen ein Smartphone mit Internetverbindung. In der Mehrzahl der untersuchten Länder verbringen mindestens 50 Prozent der 15-Jährigen wenigstens 30 Stunden pro Woche mit digitalen Geräten. Ein nicht unerheblicher Anteil – zwischen 10 Prozent in Japan und 43 Prozent in Lettland – ist laut eigenen Angaben sogar mindestens 60 Stunden pro Woche online. In Deutschland ist die Nutzung von Smartphones im schulischen Kontext, auch an Grundschulen, mittlerweile ein gesellschaftlich kontrovers diskutiertes Thema, es geht gleichermaßen um Medienkompetenz wie um Kindesschutz.

Chancen und Risiken: OECD-Studie zeigt zwiespältige Effekte digitaler Medien

Eine aktuelle OECD-Studie untersucht sowohl die Chancen als auch die Risiken der zunehmenden Teilnahme von Kindern und Jugendlichen am digitalen Geschehen. Digitale Geräte bieten Kindern und Jugendlichen wertvolle Möglichkeiten, um zu lernen, kreativ zu sein und soziale Bindungen aufzubauen. Zugleich herrscht aber auch Besorgnis über mögliche negative Effekte auf ihr Wohlbefinden. So bestehe beispielsweise das Risiko, dass ihre persönlichen Kontakte abnehmen, dass sie mit schädlichen Inhalten und Verhaltensformen konfrontiert werden, Online-Missbrauch erleben oder dass sie sich weniger bewegen und dass ihr Schlaf sowie ihre physische und psychische Gesundheit insgesamt leiden. Bei vielen Heranwachsenden sind die Effekte der digitalen Medien laut der OECD im Allgemeinen neutral oder positiv, bei einer besonders anfälligen Minderheit komme es jedoch zu einer problematischen Nutzung, die negative Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden hat.

Anstieg problematischer Social-Media-Nutzung: Von sieben auf elf Prozent in vier Jahren

2024 veröffentlichte Daten des WHO-Regionalbüros für Europa deuten auf einen Anstieg der problematischen Nutzung sozialer Medien bei Jugendlichen hin. Von sieben Prozent im Jahr 2018 stieg der Anteil der Betroffenen auf elf Prozent im Jahr 2022. Der Bericht definiert die problematische Nutzung sozialer Medien als ein Verhaltensmuster, das durch suchtähnliche Symptome gekennzeichnet ist. Hierzu zählen die Unfähigkeit, die Nutzung sozialer Medien zu kontrollieren, Entzugserscheinungen bei Nichtnutzung, die Vernachlässigung anderer Aktivitäten zugunsten sozialer Medien und negative Folgen im täglichen Leben aufgrund einer übermäßigen Nutzung. Zwölf Prozent der Jugendlichen sind durch problematisches Spielverhalten gefährdet, wobei Jungen (16 %) eher als Mädchen (7 %) Anzeichen dafür zeigen. „Die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei Spielmustern sind auffällig. Jungen spielen nicht nur häufiger täglich, sondern entwickeln auch eher problematische Spielgewohnheiten“, erklärt Dr. Claudia Marino, eine der Autorinnen des Berichts. „Dies verdeutlicht die Notwendigkeit gezielter Interventionen, die geschlechtsspezifische Motivationen und Risikofaktoren beim Spielverhalten berücksichtigen“, so die Psychologin von der Universität Padua.

Geschlechtsspezifische Unterschiede: Mädchen anfälliger für Social-Media-Probleme

Andersherum ist es bei der Social-Media-Nutzung: Die Angaben von Mädchen deuten mit 13 gegenüber neun Prozent auf ein höheres Maß einer problematischen Nutzung sozialer Medien hin als bei Jungen. Mehr als ein Drittel der jungen Menschen gab an, ständig online mit Freunden in Kontakt zu stehen, wobei die höchsten Raten mit 44 Prozent bei 15-jährigen Mädchen zu verzeichnen waren.

34 Prozent der Jugendlichen spielte täglich digitale Spiele, wobei mit 22 Prozent mehr als jeder Fünfte an Spieltagen mindestens vier Stunden lang spielte.

Die Erkenntnisse stammen aus der Studie zum Gesundheitsverhalten von Kindern im schulpflichtigen Alter (HBSC-Studie), in deren Rahmen im Jahr 2022 fast 280.000 junge Menschen im Alter von elf, 13 und 15 Jahren in 44 Ländern und Regionen in Europa, Zentralasien und Kanada befragt wurden.

WHO fordert sofortige Maßnahmen gegen digitale Gesundheitsrisiken

Für die WHO geben diese Daten Anlass zu großer Sorge hinsichtlich der möglichen Auswirkungen auf junge Menschen. Frühere Untersuchungen hätten ergeben, dass problematische Nutzer sozialer Medien im Vergleich zu nicht-problematischen Nutzern und Nichtnutzern auch über ein geringeres seelisches und soziales Wohlbefinden und einen höheren Substanzkonsum berichteten. Darüber hinaus werde eine problematische Nutzung sozialer Medien mit weniger Schlaf und späterem Zubettgehen in Verbindung gebracht, was sich möglicherweise auf die allgemeine Gesundheit und die schulischen Leistungen von Jugendlichen auswirkt. „Es ist klar, dass wir sofortige und nachhaltige Maßnahmen ergreifen müssen, um Jugendlichen dabei zu helfen, die potenziell schädliche Nutzung sozialer Medien umzukehren, die nachweislich zu Depressionen, Mobbing, Angstzuständen und schlechten schulischen Leistungen führt“, kommentiert der WHO-Regionaldirektor für Europa Dr. Hans Henri Kluge, Kopenhagen.

Positive Aspekte: Verbundenheit und soziale Unterstützung durch digitale Medien

Der Bericht hebt zwar die Risiken hervor, unterstreicht aber ebenfalls die Vorteile einer verantwortungsvollen Nutzung sozialer Medien. Jugendliche, die zwar intensive, aber nicht-problematische Nutzer sind, berichteten von stärkerer Unterstützung durch Gleichaltrige und sozialen Verbindungen. „Deshalb ist die Vermittlung von Medienkompetenz so wichtig. Dennoch ist sie in vielen Ländern nach wie vor unzureichend, und wo sie verfügbar ist, hält sie oft nicht mit den jungen Menschen und der sich schnell entwickelnden Technologie Schritt“, beschreibt Kluge die Herausforderungen.

Anlässlich der Erkenntnisse fordert das WHO-Regionalbüro für Europa politische Entscheidungsträger, Pädagogen und Anbieter von Gesundheitsleistungen dazu auf, dem digitalen Wohlbefinden von Jugendlichen mehr Priorität einzuräumen. Es seien mehr Investitionen in ein gesundheitsförderndes schulisches Umfeld nötig, das die Vermittlung digitaler Kompetenzen umfasst. Die WHO appelliert auch, die psychische Gesundheitsversorgung auszuweiten mit einem Zugang zu Angeboten, die sich mit Problemen befassen, die sich aus der problematischen Nutzung digitaler Technologien ergeben. Zu den weiteren Maßnahmen gehört die Förderung eines offenen Dialogs über das digitale Wohlbefinden in Familien, Schulen und Gemeinschaften, um Stigmatisierung zu verringern und das Bewusstsein zu schärfen, die Schulung von Pädagogen und Gesundheitsfachkräften und nicht zuletzt die Durchsetzung der Rechenschaftspflicht von Social-Media-Plattformen. Hierzu gehöre Altersbeschränkungen durchzusetzen und einen Regulierungsrahmen zu schaffen, der die verantwortungsvolle Gestaltung digitaler Tools für junge Nutzer fördert.

Offline-Faktoren verstehen: Warum manche Kinder anfälliger sind

Verschiedene persönliche und kontextbezogene – nicht digitale – Faktoren können Kinder und Jugendliche anfälliger für eine problematische Nutzung digitaler Medien machen. Dazu gehören ein mangelndes Interesse an körperlicher Bewegung, Verhaltensprobleme, unzureichende soziale Kontakte, Probleme im familiären Umfeld oder psychische Probleme. Außerdem kann zwischen einer problematischen Nutzung digitaler Medien und dem Wohlbefinden eine Wechselwirkung bestehen, die bereits vorhandene Vulnerabilitäten verstärkt. Als eine der wesentlichen Erkenntnisse ihrer Studie nennt die OECD, dass weitere Daten und Analysen notwendig sind, um besser zu verstehen, wie solche „Offline-Faktoren“ zu einer problematischen Nutzung digitaler Medien beitragen und deren Auswirkungen verstärken oder wie sie im Gegenteil davor schützen.

Digitale Determinanten der psychischen Gesundheit: Regulierung unzureichend

Wenn junge Menschen aufgrund einer bestehenden psychischen Erkrankung, ihrer Zugehörigkeit zu einer marginalisierten Gruppe oder aufgrund ihres Geschlechts offline mit Risiken und Schwächen konfrontiert sind, sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie auch online von entsprechenden Risiken betroffen sind, heißt es im Kurzdossier „Umgang mit den digitalen Determinanten der psychischen Gesundheit von Jugendlichen“ von WHO/Europa, dem polnischen Gesundheitsministerium und dem Digital Transformations for Health Lab (DTH-Lab). Die Exposition gegenüber Cybermobbing, unrealistischen Körpernormen, Inhalten zu Selbstverletzung und schädlichem Marketing sei weit verbreitet und werde nicht ausreichend reguliert, kritisieren die Autoren. Eine unangemessene Datenverwaltung sowie algorithmengesteuerte Plattformen würden die Risiken verstärken, insbesondere wenn es keine Transparenz gäbe und es keiner Zustimmung durch die Jugendlichen bedürfe. Viele nationale Handlungskonzepte würden die Last der Sicherheit auf Eltern und Kinder abwälzen, während die Verantwortlichkeit der Industrie und die Einbeziehung der Jugend begrenzt blieben. In dem Dossier drängen die Autoren ebenfalls auf koordinierte Maßnahmen zum Schutz der psychischen Gesundheit von Jugendlichen. „Die psychische Gesundheit junger Menschen wird durch digitale Räume genauso geprägt wie durch die Schule oder die Familie – allerdings ohne den gleichen Schutz“, veranschaulicht Kluge.

Vier-Säulen-Modell: OECD empfiehlt gesamtgesellschaftlichen Ansatz

Auch die OECD sieht die Notwendigkeit eines gesamtgesellschaftlichen Ansatzes für kindliches Wohlergehen in der digitalen Welt und nennt dafür vier Säulen:

  • einen effektiven regulatorischen Rahmen schaffen und die Entwicklung von Technologien und Diensten fördern, bei denen die Sicherheit der Kinder im Vordergrund steht

  • Schulen und Lehrkräfte bei der Stärkung der digitalen Bildung und der digitalen Kompetenzen von Kindern unterstützen

  • Eltern und anderen Erziehungspersonen helfen, mit den Vorteilen und Risiken der digitalen Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen umzugehen

  • die Ansichten und Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen in die Gestaltung digitalpolitischer Maßnahmen einbeziehen, um sicherzustellen, dass ihre Bedürfnisse verstanden und unterstützende Maßnahmen wirkungsvoll umgesetzt werden

Forschungsbedarf: Mehr Evidenz für bessere Präventionsstrategien

Doch auch die Evidenzbasis zu den digitalen Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen und den Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden müsse vergrößert werden. Als Beispiele nennt die OECD verstärkte Anstrengungen zur Erfassung von Daten zur Bildschirmzeit, zu den digitalen Praktiken und zu ihren Inhalten. Wichtig sei auch, die Auswirkungen der Bildschirmnutzung auf Kinder aller Altersgruppen zu untersuchen und Längsschnittstudien durchzuführen, um die ausschlaggebenden Faktoren für das Digitalverhalten von Kindern und Jugendlichen sowie dessen Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden besser zu verstehen, insbesondere für vulnerable Kinder und Jugendliche.

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