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Anleger können offensive und defensive Sektoren klüger kombinieren als Indizes

von A&W Online

Finanzberater und Kunde
Foto: joyfotoliakid - stock.adobe.com

Interview mit Daniel Kolb von der Heidelberger Vermögen GmbH zu krisenfesten Sektoren in der Geldanlage.

Herr Kolb, Staatsanleihen bringen schon lange keine Zinsen mehr, konnten bislang aber das Depot stabilisieren, wenn es am Aktienmarkt kriselte. Doch auch das ist offenbar vorbei. Warum?

Daniel Kolb: In einer inflationären Phase, wie wir sie jetzt erleben, kommen festverzinsliche Anleihen mit Laufzeiten ab etwa einem Jahr unter die Räder. Der Grund: Steigen die nominalen Marktzinsen, verlieren geringer verzinste Anleihen an Wert. Je länger deren Restlaufzeit, desto höher sind die Kursverluste. Somit lässt sich das Depot mit klassischen Staatsanleihen nicht mehr gegen einen Kursrutsch am Aktienmarkt absichern.

Wie sehen übliche Reaktionen aus?

In der Regel wird empfohlen, stärker auf sehr kurz laufende Anleihen sowie auf Gold zu setzen. Beides kann helfen, muss es aber nicht. Kurze Anleihen verbuchen nominal zwar kaum Verluste, verlieren aber durch die Inflation an Kaufkraft. Wenn man damit später sehr günstig Aktien einsammeln kann, ist die Rechnung aufgegangen. Auch Gold kann in diesem Umfeld zulegen, wird dies aber nur tun, wenn die Marktzinsen weniger stark steigen als die Inflation. Erst dann sinkt der Realzins, was der Motor für höhere Goldpreise ist.

Gibt es andere Möglichkeiten für Anleger?

Sinnvoll ist es, im Aktienanteil jene Sektoren stärker zu gewichten, die sich in inflationären Zeiten gut schlagen. Da aber niemand weiß, wie lange die Inflation hohe Werte erreicht, empfehlen sich vor allem Sektoren, die auch in einem nicht-inflationären Umfeld überzeugen können. Dazu zählen die Sektoren Basiskonsumgüter, Gesundheit und Versorger.

Grafik Aktien-Branchen für Krisenzeiten

Krisenfest: Drei Sektoren des Aktienmarkts haben sich in den weltweiten Börsenabschwüngen der vergangenen 25 Jahre gut geschlagen. Mit ihnen konnten Anleger nicht nur saftige Verluste vermeiden. Diese Sektoren erzielten sogar attraktive Renditen, während der breite Markt zwischen 20 und fast 60 Prozent einbrach. Zu diesen Teflon-Branchen gehören Basiskonsumgüter (Consumer Staples), Gesundheit (Health Care) und Versorger (Utilities). In den vier Bärenmärkten von 1998 bis Mai 2020 gewannen sie durchschnittlich 26 Prozent (Basiskonsumgüter), 16 Prozent (Health Care) und 15 Prozent (Utilities).
Quelle: S&P Dow Jones Indices LLC

Warum ist dies so?

Alle drei Sektoren liefern Erzeugnisse, die in wirtschaftlich guten wie schlechten Zeiten nachgefragt werden. Langjährige Auswertungen zeigen: In Bärenmärkten, in denen der Aktienmarkt mehr als 20 Prozent einbrach, konnten diese Branchen teils deutlich zulegen. Sie kommen aber auch gut durch inflationäre Phasen. Denn was ist Inflation letztlich anderes als höhere Preise für Lebensmittel, Hygieneprodukte, Medizin, Strom, Wasser etc.? Damit landet das Geld am Ende in den Kassen dieser Unternehmen.

Sollte man dann nicht vorrangig in diese Sektoren investieren?

Daniel Kolb

Daniel Kolb von der Heidelberger Vermögen GmbH gibt Tipps zur Geldanlage. Foto: von Heidelberger Vermögen zur Verfügung gestellt

Es kann sicherlich sinnvoll sein, diese Sektoren stärker im Portfolio zu gewichten. Wer sich aber nur darauf konzentriert, verzichtet auf phasenweise höhere Renditen, wie sie etwa der Tech-Sektor oder die Nicht-Basiskonsumgüter unter höheren Schwankungen bieten. Insofern halte ich eine kluge Kombination aus diesen drei Sektoren (Defensive) und offensiveren Sektoren für sinnvoller.

Wie könnte das aussehen?

Das hängt vom Risikoprofil des Anlegers ab. Idealtypisch gesprochen, könnte ein Drittel des Aktienportfolios in diese defensiven Sektoren fließen und ein weiteres Drittel in offensivere Segmente wie Technologie, Nicht-Basiskonsumgüter und Industrie. Das letzte Drittel würde für den breiten Weltmarkt reserviert, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Was wären die Vorteile?

Die krisenfesten Teflon-Branchen machen in dieser Allokation einen Anteil von 40 Prozent am Aktiendepot aus statt von rund 20 Prozent wie im Index. Dadurch ist auf lange Sicht eine höhere risikobereinigte Rendite fürs Gesamtdepot zu erwarten, weil sie es in Abschwüngen vermutlich besser stabilisieren können – was Anleihen derzeit ja nicht mehr gelingt. Gleichzeitig haben aussichtsreiche offensive Sektoren wie im Index eine Quote von gut 45 Prozent. So bleibt die Aussicht auf hohe Renditen durch temporäre Outperformance erhalten.

Autor: Jürgen Lutz

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Author's imageIlias TsimpoulisManaging Director bei Doctolib
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