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Geldanlagen

Ginge es nach den schieren Zahlen, dürfte Altersarmut in Deutschland kein Thema sein. Auf 82,5 Millionen Einwohner kamen im Jahr 2016 immerhin 89,3 Millionen Lebensversicherungsverträge. Rein rechnerisch hat damit jeder Deutsche – vom Neugeborenen bis zum Greis – 1,08 solcher Policen in seinem Besitz.

Zwar ist Lebensversicherung nicht gleich Lebensversicherung: Kunden, die nur ihren Tod versichern haben andere Verträge als jene, die den Risikoschutz mit einer Kapitalanlage fürs Alter kombinieren (siehe Kasten). Allerdings machen solche Kombi-Produkte das Gros der Policen aus. Mit rund 50 Millionen Verträgen stellen kapitalbildende Lebensversicherungen damit eine wichtige Säule der (privaten) Altersvorsorge der Deutschen dar.

Niedergang eines Erfolgsmodells

Die Idee an sich ist durchaus ansprechend: Statt nur den schlimmsten Fall zu versichern und zum Beispiel beim Tod eines Kunden Geld an dessen Hinterbliebene zu zahlen, kombinieren kapitalbildende Produkten den Risikoschutz mit einem Sparvertrag. Wer das Ende der Laufzeit erlebt, muss also nicht damit leben, dass alle Beiträge verloren sind, sondern kann sich über eine Kapitalausschüttung oder Rente freuen.

Zugegeben: Im Vergleich zu anderen Geldanlageformen warfen Lebensversicherungen noch nie besonders üppige Renditen ab. Nach fast zehn Jahren extrem niedriger Zinsen ist die Attraktivität solcher Renten- und Kapitalversicherungen allerdings auf ein historisches Tief gesunken. Klassische Kombiverträge werden heute kaum noch angeboten – und wenn doch, sollten Kunden dankend ablehnen. Der Garantiezins für Neuverträge ist mit 0,9 Prozent alles andere als attraktiv, erst Recht, als der Wert nicht die Verzinsung für alle Versicherungsbeiträge beschreibt. Verzinst wird nur der sogenannte Sparanteil, also das, was nach Abschluss von Provisionen, Risikokosten für den Todesfallschutz und Verwaltungskosten übrigbleibt.

Schwere Zeiten für treue Kunden

Den vielen Millionen Bestandkunden geht es – was die Renditeaussichten angeht – zwar deutlich besser. Viele Verträge weisen noch  Garantien von bis zu vier Prozent auf den Sparanteil aus. Im aktuellen Marktumfeld ist das ein Spitzenwert. Das Problem ist nur, dass immer mehr Versicherungen Probleme bekommen, die vor Jahren versprochenen Überschüsse zu erwirtschaften. Das einst so bombensichere Geschäft ist für Allianz & Co zur Belastung geworden. Erste Assekuranzen haben ihren Bestand an Altverträgen daher bereits an einen Investor verkauft (sog. Run Off). Weitere könnten folgen.

Für Kunden sind das keine guten Nachrichten. Zwar brauchen Gesellschaften für einen Verkauf die Genehmigung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) – und deren Zustimmung gibt es nur, wenn der Erwerber zumindest die garantierte Überschussbeteiligung zusagen kann. Bei den variablen Gewinnen haben Käufer aber viel Spielraum. Die Wahrscheinlichkeit, dass der neue Inhaber mehr als den Mindestüberschuss an die Kunden auskehrt, ist daher relativ gering. Axel Kleinlein, Chef des Bundes der Versicherten (BdV) spricht bereits von einem Erdbeben. „Wenn ein Investor diese Bestände kauft, dann tut er das, um möglichst hohe Rendite zu erwirtschaften. Und das geht nur, wenn er den Versicherten möglichst viele Überschüsse vorenthält und in die eigene Tasche steckt“, warnt der Verbraucherschützer.

Langfristige Strategien entwickeln

Da Versicherte dem Verkauf einer Police nicht widersprechen können, bleiben ihnen im Wesentlichen nur drei Möglichkeiten: Sie können den Vertrag weiterführen, beitragsfrei stellen oder aussteigen. Welche Variante die beste ist, hängt stark von den individuellen Umständen ab; idealerweise sollte ein unabhängiger Berater prüfen, welche Variante im konkreten Fall die vorteilhafteste ist.

Als Faustregel gilt jedoch: Bei Policen, die bis zum 31. Dezember 2004 abgeschlossen wurden, ist die Weiterführung meist sinnvoll. Erstens bieten die Verträge noch hohe Zinsgarantien. Zweitens sind die Erträge steuerfrei, während Kunden, die ab Januar 2005 unterschrieben haben, dem Alterseinkünftegesetz unterfallen und Zahlungen aus privaten Renten- oder Kapitallebensversicherungen mindestens zu 50 Prozent, oft sogar voll versteuern müssen. In der Regel empfiehlt es sich zudem, Lebensversicherungen weiterzuführen, die schon kurz vor der Auszahlung stehen.

Mediatipp zum Thema:

Video “Crash der Lebensversicherungen: Panikmache oder echte Gefahr?” – Hart aber fair

Hart aber fair | Video Crash der Lebensversicherungen: Panikmache oder echte Gefahr?: Ein finanziell sicherer Lebensabend: Dafür haben viele Deutsche eine Lebensversicherung. Aber lohnen sich diese Verträge noch in Zeiten von Nullzinsen? Haben Insider Recht, die vor einem Crash der Versicherungen warnen? Und was wäre eine sichere Alternative?