Blutdruck und Gehirn

Demenz: Wenn das Gehirn nachts unter Druck steht

Bei Gesunden variiert der Blutdruck im Laufe des Tages und erreicht nachts den geringsten Wert. Bei manchen Menschen verhält sich dies genau umgekehrt. Offenbar mit messbaren Folgen für die Kognition.

Im normalen zirkadianen Rhythmus sinkt der Blutdruck zwischen zwei und drei Uhr nachts um zehn bis 20 Prozent unter den Tageswert. Liegt ein Reduced Dipping vor, dann sinkt der Blutdruck nachts nur um höchstens zehn Prozent. Bei Menschen mit Reverse Dipping bleibt der nächtliche Wert jedoch über dem Ruheblutdruck bei Tag. Dieses Phänomen scheint nicht nur mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko einherzugehen. Darauf wiesen schon verschiedene frühere Untersuchungen hin. Eine aktuelle Studie der Universität Uppsala analysierte erfolgreich den Einfluss des nächtlichen Bluthochdrucks auf das Risiko, eine demenzielle Erkrankung zu entwickeln.

Gehirngesundheit und der zirkadiane Rhythmus

Ein geringerer nächtlicher Blutdruckabfall wurde schon in früheren Studien mit einer beeinträchtigten Gehirngesundheit und Kognition in Verbindung gebracht. In der aktuellen Studie beleuchteten die Forschenden, ob ein verminderter nächtlicher Abfall des systolischen Blutdrucks (Tag-Nacht-Verhältnis >0,9 bis ≤1) sowie ein Reverse Dipping (Tag-Nacht-Verhältnis >1) prospektiv das Risiko für eine Demenzdiagnose erhöhen. Die untersuchte Kohorte bestand aus älteren schwedischen Männern.

Mit Hilfe von ambulanten 24-Stunden-Blutdruck-Messungen bestimmten die Forschenden den nächtlichen systolischen Blutdruckabfall in zwei Alterskohorten: Männer im Alter von 71 Jahren (n = 997, 35 % unter antihypertensiver Medikation) und Männer im Durchschnittsalter von 77,6 Jahren (n = 611; 41 % unter antihypertensiver Medikation).

Die Höhe macht den Unterschied: Reduced und Reverse Dipping

Die Inzidenz der Demenzerkrankungen wurde über einen Beobachtungzeitraum von bis zu 24 Jahren (n = 286 Fälle) bestimmt. Hierfür wurden die Anamnesen der Teilnehmenden kontrolliert und die Diagnosen von zwei unabhängigen, erfahrenen Geriatern bestätigt.
Tatsächlich stellte sich heraus, dass ein Reverse Dipping des systolischen Blutdrucks mit einem höheren Risiko für eine Demenz- beziehungsweise Alzheimerdiagnose assoziiert war: Die adjustierten Hazard Ratios lagen bei 1,64 (95 % Konfidenzintervall (KI) 1,14 – 2,34, p = 0,007) beziehungsweise 1,67 (KI 1,01 – 2,76; p = 0,047). Für die vaskuläre Demenz ergab sich dagegen kein signifikant höheres Risiko (HR 1,29; KI 0,55 – 3,06; p= 0,559). Auch ein nur reduziertes Dipping war nicht mit einem erhöhten Risiko für eine zukünftige Demenz assoziiert.

Den Blutdruck nachts nach unten bringen?

Die Forschenden gehen davon aus, dass ein Reverse Dipping des systolischen Blutdrucks für ältere Männer das Risiko erhöht, später an Demenz oder Alzheimer zu erkranken. Zukünftige Studien müssten nun zeigen, ob dieses Risiko sinkt, wenn man den nächtlichen Blutdruck therapeutisch unter den Tagesruhewert drückt. Zum Beispiel, indem antihypertensive Medikamente abends gegeben werden.

Die Studie ist die erste, die den Zusammenhang zwischen Reverse Dipping und dem Risiko einer Demenzerkrankung über einen so langen Beobachtungszeitraum (24 Jahre) verfolgt hat. Gleichzeitig waren die Ergebnisse auch unter Berücksichtigung verschiedener Demenzrisikofaktoren robust, darunter Bildungsstatus, systolischer Ruheblutdruck bei Tag sowie Diabetes und Tabakkonsum. Die nun für Männer gefundene Assoziation muss jetzt auch für Frauen überprüft werden.

Reinigungsprozesse bei Nacht
Die Nacht ist eine kritische Periode für die Gehirngesundheit.: Frühere Studien konnten zum Beispiel nachweisen, dass das Gehirn Abfallprodukte während des Schlafs entfernt und dass dieser Reinigungsprozess durch anomale Blutdruckmuster beeinträchtigt wird. Vor diesem Hintergrund ist die Untersuchung des Reverse Dipping auf das Demenzrisiko ein wichtiger Schritt.

Quelle: Tan X et al. Hypertension. 2021;77:1383–1390

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