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Misshandlungen in der Partnerschaft: Männertelefon wird immer häufiger genutzt

von A&W Online

Gestresster Mann mit Telefon
Foto: Antonioguillem - stock.adobe.com

In Deutschland werden jedes Jahr zehntausende Männer durch Partner misshandelt. Aus Scham, aber auch aus Angst, dass ihnen niemand Glauben schenken würde, schweigen viele männliche Opfer. Das Männerhilfetelefon ist ein niedrigschwelliges und sicheres Angebot, das zunehmend in Anspruch genommen wird.  

Dass misshandelte Männer keine Einzelfälle sind, zeigt der Bericht des Bundeskriminalamts (BKA). Demzufolge wurden allein im Jahr 2020 insgesamt 148.031 Menschen in Deutschland Opfer von Partnerschaftsgewalt. 28.876 davon waren Männer. Gegenüber dem Jahr 2019 bedeutet dies einen Anstieg von sieben Prozent, so das BKA.

Anlaufstellen gibt es für männliche Opfer kaum. Im Jahr 2022 gibt es über die gesamte Bundesrepublik verteilt gerade einmal elf Männerschutzwohnungen mit sage und schreibe 25 Plätzen. Es scheint, als sei bei einem Großteil der öffentlichen Entscheidungsträger noch ein festgefahrenes Klischee im Kopf: „Männer sind immer die Täter, Frauen immer die Opfer.“ Oder auch: „Wenn etwas los ist, dann kommt ein Mann schon alleine damit klar.“

Männerhilfetelefon bietet Beratung für Betroffene und für Fachpersonal

Ein Mensch, egal welchen Geschlechts, sollte aber mit Gewalt nicht alleine klarkommen müssen. Im Gegenteil: Ein Blick und ein Rat von außen sind oft enorm hilfreich, um weitere Eskalation zu verhindern.

Eine solche Unterstützung bietet seit April 2020 das Männerhilfetelefon. Es ist ein niedrigschwelliges und direktes Angebot, das zunehmend in Anspruch genommen wird. Der Gewaltbegriff ist beim Männerhilfetelefon bewusst weit gefasst. Es ist nicht wichtig, ob ein Verhalten strafrechtlich relevant ist oder nicht. Wenn Betroffene unter einer Grenzverletzung leiden, egal ob körperlich, psychisch oder sexualisiert, egal ob die Tat gezielt oder unbewusst erfolgte, können sie unter der Nummer 0800 123 99 00 anrufen oder sich online beraten lassen (www.maennerhilfetelefon.de). Alle Daten werden vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben.

Auch Fachpersonal kann sich hier über Hilfsmöglichkeiten für gewaltbetroffene Männer informieren. Ein multiprofessionelles Team aus Psychologen und Psychologinnen, Pädagogen und Pädagoginnen sowie Therapeuten und Therapeutinnen mit langjähriger Erfahrung hilft, Situationen einzuschätzen, Gefahren wahrzunehmen und Lösungen zu finden.

In 95 Prozent der Fälle ist die Täterin eine Frau

Ins Leben gerufen wurde das Männerhilfetelefon von den Landesregierungen Nordrhein-Westfalen und Bayern. Im Jahr 2021 stieg Baden-Württemberg mit ein. Bisher ist dieses Angebot bundesweit einmalig. Dabei zeigt sich zwei Jahre nach Einführung ein klarer Bedarf. Rund zwei Drittel der anrufenden Männer berichteten von psychischer Gewalt (67 Prozent), 42 Prozent hatten körperliche Gewalt erlitten. Auch sexualisierte und ökonomische Gewalt oder Stalking wurden berichtet. In 95 Prozent der Fälle war die Täterin eine Frau. Zu fast zwei Dritteln handelte es sich dabei um eine aktuelle oder ehemalige Partnerin.

Die Bekanntmachung des Angebots erfolgte im Internet und auf den Sozialen Medien. Das habe zu einer Enttabuisierung beigetragen, sagt Ina Scharrenbach, Gleichstellungsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen. Mit steigendem Bekanntheitsgrad nahm auch die Zahl der Kontaktaufnahmen Fahrt auf: von rund 1.500 im Jahr 2020 auf mehr als 3.000 im Jahr 2021. Es zeigt sich, dass Männer entgegen gängiger Klischees durchaus Unterstützung suchen, wenn ihnen niedrigschwellige, seriöse Angebote bekannt sind.

Weil das Thema tabuisiert ist, wird verharmlost

Der Bedarf sei da, und zwar über alle Altersgruppen hinweg, bekräftigt die Sozialministerin Bayerns, Ulrike Scharf. „Das Hilfetelefon schließt eine wichtige Lücke im Versorgungssystem.“ Alle Altersgruppen ab 16 Jahren nutzen das Angebot, wobei sich 31- bis 50-Jährige am häufigsten an das Männerhilfetelefon wenden. Zu 60 Prozent stammten die Anrufer aus einem mittleren oder gehobenem Sozialmilieu.

Betroffene dürfen nicht allein gelassen werden, erklärte Manne Lucha, Minister für Soziales, Gesundheit und Integration des Landes Baden-Württemberg. Zu lange wurden Männer als Opfer von häuslicher Gewalt kaum beachtet. Und das, obwohl bereits im Jahr 2004 eine Pilotstudie des Forschungsverbunds „Gewalt gegen Männer“ im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend dringenden Handlungsbedarf aufzeigte.

Weil öffentlich kaum über dieses Thema gesprochen wird, neigen betroffene Männer dazu, das Erlebte zu verharmlosen. Ein übergriffiges bis gewalttätiges Verhalten der Partnerin wird lange unter „Stimmungsschwankungen“ verbucht. Doch mit der Zeit kann das Verhalten bis zur Unerträglichkeit eskalieren. Krankhafte Eifersucht und Kontrollen, Verfolgung und Überschattung, Drohungen, Rufmord sowie die Einschüchterung „Dir glaubt doch sowieso keiner“ sind nur einige der Vorkommnisse, von denen Männer in der Pilotstudie berichteten. Zur sexualisierten Gewalt gehörte beispielsweise das schmerzhafte Anfassen des Penis oder der Hoden.

Psychische Gewalt ist kein Pappenstiel

Zur psychischen Einschüchterung gehören plötzliche Wutausbrüche, das Unterbinden von Kontakt zu nahestehenden Personen, das Drohen mit einem Gegenstand als Schlaginstrument, das Werfen von Gegenständen, das Treten oder Knallen von Türen, das Beschädigen von Eigentum oder auch die Hinderung, das Haus zu verlassen, indem beispielsweise die Tür abgeschlossen und der Schlüssel versteckt wird. Was nur wenigen Opfern bewusst ist: Auch die Drohung, sich selbst etwas anzutun, ist Gewalt!

Psychische Gewaltereignisse können zu systematischen Misshandlungsbeziehungen ausufern. Erleben Männer psychische Gewalt, ist die Wahrscheinlichkeit, auch körperliche Gewalt zu erleben, erhöht. Selbst wenn die erlittenen körperlichen Verletzungen zunächst leicht sind, können die Angst vor einer schweren Verletzung und der Vertrauensverlust die Psyche extrem belasten.

Viele haben verinnerlicht, Schmerz verdrängen zu müssen

Selbst körperliche Gewalt wie schubsen, ohrfeigen, treten oder beißen, wird von männlichen Opfern häufig beiseite gewischt. Hämatome, Kratzer, sogar Schmerzen werden als „normal“ verbucht, obwohl sie das nicht sind. Teilweise geschieht dies aus einer diffusen Idee heraus, dass so etwas einem „echten Mann“ nicht passieren würde. Zudem könnte eine Anzeige gegen die Täterin einen ganzen Rattenschwanz an Konsequenzen haben, den viele scheuen – zumal sie sich ihre Erfolgschancen mangels gesellschaftlicher Sensibilität eher gering ausrechnen.

Hinzu kommen unheilvolle Glaubenssätze, die in den Kindheits- und Jugendtagen vieler Erwachsener noch gängig waren. So etwa der unsägliche Spruch: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Noch in den 1990er-Jahren verinnerlichten viele männliche Heranwachsende: Du musst alles mit Dir allein ausmachen, Du musst den Schmerz in Dich hineinfressen. Es wurde geradezu dazu aufgerufen, Schmerz zu betäuben und zu verdrängen. Wurde dieser Glaubenssatz verinnerlicht, so kann das Suchtverhalten und einen problematischen Alkoholkonsum begünstigen.

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Author's imageIlias TsimpoulisManaging Director bei Doctolib
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