Wirtschaftsnachrichten für Ärzte | ARZT & WIRTSCHAFT
News
Inhaltsverzeichnis

Die Frage, wie Menschen auch im Alter möglichst lange gesund bleiben, ist nicht nur individuell relevant, sondern auch gesundheitspolitisch von zentraler Bedeutung. Denn mit dem demografischen Wandel, einer steigenden Lebenserwartung und wachsenden Gesundheitskosten rückt auch zunehmend die Frage in den Vordergrund, wie sich Krankheiten verhindern oder zumindest früher erkennen lassen. Prävention gilt deshalb als einer der wichtigsten Schlüssel, um die Lebensqualität der alternden Gesellschaft zu erhöhen und zugleich Krankheitslast und Versorgungsaufwand langfristig zu verringern.

Wie dieser Wandel von einer vor allem auf Behandlung ausgerichteten Medizin hin zu einer stärkeren Präventionsorientierung gelingen kann, zeigt eine aktuelle Befragung von FOCUS-Gesundheit. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Rolle Prävention im ärztlichen Alltag bereits spielt, wo Defizite liegen und welche strukturellen Hindernisse einer konsequenteren Vorsorge weiterhin im Weg stehen. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden jetzt in München vorgestellt.

Key Facts aus der Ärztebefragung 2026:

Für die Erhebung wertete das Rechercheinstitut FactField im Auftrag von FOCUS-Gesundheit knapp 8.500 Fragebögen von Fachärztinnen und Fachärzten aus 126 Indikations- und Fachgebieten aus. Die Befragung entstand im Rahmen der Datenerhebung für die Top-Ärzteliste 2026. Damit liefert sie einen breiten Einblick in die Einschätzungen von Medizinerinnen und Medizinern zu Prävention, Früherkennung, geschlechtersensibler Medizin und mentaler Gesundheit.

Live-Event & Dialog „Medizin der Zukunft“

Die Ergebnisse der Befragung wurden am 20. Mai 2026 beim zweiten Live-Event & Dialog „Medizin der Zukunft“ von FOCUS-Gesundheit vorgestellt. Auf Einladung von Dr. Andrea Bannert, Chefredakteurin von FOCUS-Gesundheit, und Oliver Wiedemann, Team Lead Health Research bei FactField, kamen hier Vertreterinnen und Vertreter der Gesundheits- und Medizinbranche in München zusammen. Über die Ergebnisse der Ärztebefragung und die aktuellen Herausforderungen der präventiven Medizin im deutschen Gesundheitswesen diskutierten Dr. Andrea Bannert und Antonia Schillinger, Online-Redakteurin und Social-Media-Managerin bei FOCUS-Gesundheit, sowie vier Referentinnen und Referenten aus der Praxis: Prof. Dr. Uwe Nixdorff, Internist, Kardiologe und Sportmediziner, Michael Hübner, Geschäftsbereichsleiter Versorgungsinnovation, Pflege und digitale Versorgung bei der BARMER, Prof. Dr. Annette Peters, Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München und Mitglied der Helmholtz Health Prevention Task Force sowie Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger, Internistin und Endokrinologin, Ärztliche Direktorin des „Zentrum für Innere Medizin – Prävention, Diagnostik und Therapie“ in München und Sprecherin der DGIM-Kommission „Geschlechtersensible Medizin“.

1. Stellenwert und Hürden präventiver Medizin

Zu den zentralen Ergebnissen der Befragung gehört die Einschätzung, dass präventive Medizin zwar als wichtig gilt, ihre stärkere Verankerung im Versorgungsalltag jedoch auf erhebliche Hindernisse stößt.

Trotz großer Fortschritte in Krebstherapie, Herzmedizin und Chirurgie liegt die Lebenserwartung in Deutschland im westeuropäischen Vergleich weiterhin vergleichsweise niedrig – unter anderem wegen vermeidbarer Herz-Kreislauf-Todesfälle. Krankheiten möglichst zu verhindern, statt sie erst aufwendig behandeln zu müssen, gilt deshalb in einer alternden Gesellschaft als zentrale Aufgabe. Ein Gesundheitssystem, das vor allem auf die Behandlung bestehender Erkrankungen ausgerichtet ist, stößt dabei zunehmend an seine Grenzen.

Prof. Dr. Uwe Nixdorff sprach beim Live-Event „Medizin der Zukunft“ in München in diesem Zusammenhang von einem „notwendigen Paradigmenwechsel von sick care zu health care“. „Longevity ist zukunftsweisend, wir müssen den Gap zwischen life- und healthspan schließen“, sagte der Internist, Kardiologe und Sportmediziner.

Prävention könnte 17 Prozent der Todesfälle verhindern

© Focus Gesundheit

Durch konsequente Prävention könnten laut Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung bis zu 17 Prozent der Todesfälle vor dem 75. Lebensjahr vermieden werden. Tatsächlich werden viele Möglichkeiten der Vorsorge und Früherkennung jedoch noch nicht ausgeschöpft. So werden etwa Untersuchungen zur Früherkennung von Nierenerkrankungen zu selten in Anspruch genommen; auch Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder ein erhöhter LDL-Cholesterinspiegel bleiben häufig zu lange unerkannt oder unbehandelt.

Hinzu kommt, dass nachhaltige Veränderungen des Lebensstils vielen Menschen schwerfallen – trotz der gut belegten positiven Effekte von Bewegung, ausgewogener Ernährung und Rauchverzicht. Auch darauf weisen die von FOCUS-Gesundheit befragten Ärztinnen und Ärzte hin: 22 Prozent nennen Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Lebensstilmaßnahmen als größte Hürde für mehr Prävention. Danach folgen strukturelle Hemmnisse. Jeweils rund ein Viertel der Befragten verweist auf unzureichende Kassenleistungen, Zeitmangel im Praxisalltag und ein mangelndes öffentliches Bewusstsein für Prävention.

2. Longevity und Prävention

Auch Longevity-Medizin gewinnt in der Präventionsdebatte an Aufmerksamkeit. Im Kern geht es darum, nicht nur die Lebenserwartung zu erhöhen, sondern vor allem die Zahl der gesunden Lebensjahre. Die Befragung von FOCUS-Gesundheit zeigt, dass Ärztinnen und Ärzte dabei vor allem auf klassische Maßnahmen der Lebensstilmedizin setzen. Bewegung, Ernährung und weitere gesundheitsfördernde Verhaltensweisen gelten aus ihrer Sicht derzeit als die wirksamsten Ansätze für gesundes Altern. Für Verfahren wie Kryotherapie oder DNA-Analysen fehlt hingegen nach Einschätzung vieler Fachleute bislang eine belastbare Datenbasis, die einen klinischen Nutzen belegen würde.

Im Interview mit FOCUS-Gesundheit verweist die Geriaterin Ursula Müller-Werdan auf biologische Prozesse des Alterns. Ein Ansatz vieler Anti-Aging-Interventionen sei es, zelluläre Regenerationsmechanismen wie die Autophagie zu unterstützen. Dabei baut der Körper nicht mehr benötigte oder geschädigte Zellbestandteile ab und verwertet sie neu. Mit zunehmendem Alter lässt diese Fähigkeit nach. Eine Aktivierung solcher Prozesse könnte sich, so Müller-Werdan, positiv auf Gesundheit und Lebensdauer auswirken.

3 Säulen: Bewegung, Psyche, Ernährung

© Focus Gesundheit

Longevity-Therapien, die heute angewandt werden, beziehen sich vor allem auf Bewegung (33 Prozent), Psyche (25 Prozent) und Ernährung (21 Prozent). Medikamentöse Therapien werden nur selten genutzt.

3. Gendermedizin und Prävention

Geschlechtersensible Medizin gewinnt auch in der Prävention an Bedeutung. Hintergrund ist, dass sich Erkrankungsrisiken, Symptome, Krankheitsverläufe und mitunter auch Therapieansprechen zwischen Männern und Frauen unterscheiden können. Diese Unterschiede betreffen unter anderem das Herz-Kreislauf-System, den Stoffwechsel, das Immunsystem und die Wirkung bestimmter Medikamente. Fachleute weisen seit Jahren darauf hin, dass solche geschlechtsspezifischen Faktoren in Diagnostik, Prävention und Behandlung stärker berücksichtigt werden müssen.

Gerade für Frauen kann das relevant sein, weil Symptome in einigen Bereichen noch immer später erkannt oder anders eingeordnet werden als bei Männern. Das kann dazu führen, dass Diagnosen verzögert gestellt und Therapien später eingeleitet werden. Trotz erkennbarer Fortschritte sehen Expertinnen und Experten deshalb weiterhin erheblichen Handlungsbedarf, um geschlechtersensible Medizin breiter im Versorgungsalltag zu verankern.

In München sprach auch Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger über die Bedeutung geschlechtersensibler Medizin in der Inneren Medizin. Dabei betonte sie, dass geschlechtsspezifische Unterschiede kein Randthema seien, sondern eine Voraussetzung für zeitgemäße und personalisierte Patientenversorgung. Wer bekannte Unterschiede zwischen Männern und Frauen ignoriere, riskiere Unter- und Fehlversorgung.

Warum geschlechtersensible Medizin (noch) nicht funktioniert

© Focus Gesundheit

Laut der Ärztebefragung 2026 für FOCUS-Gesundheit halten knapp die Hälfte der Befragten geschlechtersensible Medizin in ihrem Fachgebiet für wichtig in der Prävention. 83 Prozent stimmen zu, dass Männer und Frauen unterschiedliche Ansätze in der Behandlung benötigen. In der Praxis ziehen jedoch nur knapp über 40 Prozent der Ärzte regelmäßig geschlechtsspezifische Risikofaktoren heran. Als Hürden nennen sie fehlende Leitlinien, mangelnde Ausbildung und zu wenig Zeit im Alltag.

4. Mentale Gesundheit und Prävention

Die Befragung zeigt auch eine deutliche Diskrepanz beim Stellenwert psychischer Faktoren in der medizinischen Versorgung. Zwar stimmen 94 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte ganz oder teilweise der Aussage zu, dass mentale Gesundheit für den Therapieerfolg eine große Rolle spielt. Gleichzeitig geben jedoch nur 19 Prozent an, ihre Patientinnen und Patienten immer aktiv auf ihre psychische Verfassung anzusprechen. Das deutet darauf hin, dass psychische Belastungen im Versorgungsalltag trotz ihres anerkannten Einflusses noch nicht systematisch genug thematisiert werden.

Die Befragung zeigt auch eine deutliche Diskrepanz beim Stellenwert psychischer Faktoren in der medizinischen Versorgung. Zwar stimmen 94 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte ganz oder teilweise der Aussage zu, dass mentale Gesundheit für den Therapieerfolg eine große Rolle spielt. Gleichzeitig geben jedoch nur 19 Prozent an, ihre Patientinnen und Patienten immer aktiv auf ihre psychische Verfassung anzusprechen. Das deutet darauf hin, dass psychische Belastungen im Versorgungsalltag trotz ihres anerkannten Einflusses noch nicht systematisch genug thematisiert werden.

Prävention zwischen Anspruch und Versorgungspraxis

Die Befragung macht damit vor allem eines sichtbar: Der Wille zu mehr Prävention ist in vielen Bereichen vorhanden, ihre konsequente Umsetzung aber bleibt schwierig. Das gilt für die Beratung zu gesundem Altern ebenso wie für geschlechtersensible Medizin oder die stärkere Berücksichtigung psychischer Faktoren. Soll Prävention im Gesundheitssystem tatsächlich mehr sein als ein Leitbild, werden sich Strukturen, Anreize und Versorgungsroutinen spürbar verändern müssen.

Mehr zu diesem Thema

Weitere Einblicke in die Ergebnisse der Ärztebefragung 2026 bietet Focus Gesundheit in seiner Podcast-Folge #103 von „Auf Herz und Nieren“. Die Folge finden Sie auf allen gängigen Plattformen und auf der Website von FOCUS-Gesundheit. Das Highlight-Video vom Live-Event und Dialog „Medizin der Zukunft“ finden Sie hier.