Hautkrebsscreening unter Druck: Studie stellt Nutzen infrage
Marzena SickingEine aktuelle Analyse internationaler Sterblichkeitsdaten verstärkt die Zweifel am bevölkerungsweiten Hautkrebsscreening in Deutschland. Für Dermatologinnen und Dermatologen ergeben sich daraus neue Fragen zur Zielgenauigkeit und Qualität der Früherkennung.
Deutschland ist bislang das einzige Land weltweit mit einem flächendeckenden Hautkrebsscreening: Seit 2008 haben gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren Anspruch auf eine zweijährliche visuelle Ganzkörperuntersuchung. Ziel ist es, maligne Melanome früh zu erkennen und dadurch die Sterblichkeit zu senken. Der tatsächliche Nutzen dieses Programms ist jedoch seit Jahren umstritten – und wird nun erneut infrage gestellt.
Kein Vorteil gegenüber Ländern ohne Screening
Eine im Juni 2026 in JAMA Dermatology veröffentlichte populationsbasierte Vergleichsstudie hat die Entwicklung der Melanomsterblichkeit in Deutschland und neun europäischen Nachbarländern ohne entsprechendes Screeningprogramm analysiert. Untersucht wurde der Zeitraum von 2009 bis 2022. Die zentrale Annahme der Forschenden: Sollte das Screening wirksam sein, müsste sich die Sterblichkeit in Deutschland günstiger entwickeln als in Ländern ohne systematische Früherkennung. Genau das ließ sich jedoch nicht nachweisen.
Zwar sank die altersstandardisierte Melanomsterblichkeit in allen untersuchten Regionen – im Durchschnitt um rund 2 % pro Jahr. Der Rückgang fiel in Deutschland mit −1,8 % jährlich jedoch numerisch sogar geringer aus als in den Vergleichsländern (−2,2 %). Ein statistisch signifikanter Unterschied bestand nicht. Für Studienleiter PD Dr. Dr. Joachim Hübner ist das Ergebnis ernüchternd: Ein messbarer Zusatznutzen des Screenings auf Bevölkerungsebene lasse sich nicht belegen.
Methodischer Ansatz vermeidet bekannte Verzerrungen
Frühere Untersuchungen hatten häufig Screening-Teilnehmende mit Nicht-Teilnehmenden verglichen – ein Ansatz, der durch Verzerrungen in Routinedaten limitiert ist. So lässt sich oft nicht sicher unterscheiden, ob eine Hautuntersuchung im Rahmen eines Screenings oder aufgrund konkreter Symptome erfolgte.
Die aktuelle Studie wählte deshalb einen anderen Zugang: Statt individueller Daten wurden ganze Länder verglichen. Dadurch entfällt die problematische Abgrenzung zwischen Screening und diagnostischer Untersuchung. Allerdings bleibt auch dieser Ansatz anfällig für Störfaktoren, etwa Unterschiede bei Therapieoptionen oder Versorgungsstrukturen.
Ursachen bleiben unklar
Warum das deutsche Screeningprogramm bislang keinen erkennbaren Effekt auf die Melanomsterblichkeit zeigt, können die Autorinnen und Autoren nicht abschließend klären. Diskutiert werden mehrere mögliche Erklärungen:
Teilnahme und Zielgruppe: Die Inanspruchnahme liegt Schätzungen zufolge nur bei rund 30 %. Zudem könnten überproportional Personen mit niedrigem Risiko teilnehmen.
Qualität der Untersuchung: Im Praxisalltag wird die Ganzkörperinspektion möglicherweise nicht immer vollständig durchgeführt.
Therapiefortschritte: Verbesserungen in der Behandlung des metastasierten Melanoms, etwa durch Immuntherapien, könnten die Sterblichkeit unabhängig vom Screening senken
Diese Faktoren könnten erklären, warum sich international vergleichbare Rückgänge der Melanomsterblichkeit zeigen – auch ohne bevölkerungsweites Screening.
Implikationen für die Praxis
Für Dermatologinnen und Dermatologen bringt die Studie keine unmittelbaren Handlungsempfehlungen, wirft aber zentrale Versorgungsfragen auf. So könnte ein stärker risikobasiertes Screening dazu beitragen, Effizienz und Nutzen zu verbessern. Gleichzeitig erscheint eine konsequente Qualitätssicherung sinnvoll, etwa durch standardisierte Untersuchungsabläufe und gezielte Fortbildungsmaßnahmen zur Steigerung der diagnostischen Qualität. Auch die Patientenaufklärung gewinnt an Bedeutung: Potenzielle Nachteile des Screenings – etwa falsch-positive Befunde oder Überdiagnosen – sollten stärker thematisiert werden. Gerade angesichts begrenzter Ressourcen im Praxisalltag stellt sich zunehmend die Frage, wie Screeningangebote künftig zielgerichteter eingesetzt werden können.
Politische Relevanz nimmt zu
Zusätzliche Brisanz erhält die Debatte durch aktuelle gesundheitspolitische Vorhaben: Im Rahmen des geplanten GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes soll das Hautkrebsscreening überprüft und weiterentwickelt werden. Dabei wird explizit auch ein risikoadaptierter Ansatz diskutiert. Die vorliegenden Daten liefern damit eine wichtige Evidenzbasis für mögliche Reformen. Sie legen nahe, dass eine flächendeckende Strategie ohne Differenzierung nach Risikoprofil möglicherweise nicht den gewünschten Effekt erzielt.
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