Ernährung greift in Verhalten von Kindern ein
Deborah WeinbuchFast die Hälfte der Kinderernährung besteht heutzutage aus Fertigprodukten, Süßigkeiten und Snacks. Diese können nicht nur den Stoffwechsel, sondern auch die emotionale und soziale Entwicklung beeinträchtigen, wie eine neue Studie zeigt.
Hier ein Keks, da die Fertigpizza mit einem Glas Limonade – wenn Eltern darüber klagen, dass sie ihre Kinder kaum mehr in den Griff bekommen, lohnt sich ein Blick auf die Ernährung. Denn eine kanadische Kohortenstudie, publiziert im März 2026 im „JAMA Network Open“, zeigt: Je höher der Anteil hoch verarbeiteter Lebensmittel (UPF, siehe auch Kasten) im Alter von drei Jahren, desto ausgeprägter sind emotionale und Verhaltensauffälligkeiten zwei Jahre später.
Schon in diesem zarten Alter stammten 45,5 Prozent der aufgenommenen Energie der teilnehmenden Kinder (n = 2.077) aus UPF wie süßen Frühstückscerealien, Würstchen und Fertigfruchtjoghurts. Als die Kinder fünf Jahre alt waren, bewerteten ihre Eltern Verhalten und Emotionen mithilfe der Child Behavior Checklist. Mit jedem Anstieg des UPF-Anteils um zehn Prozentpunkte verschlechterten sich die Werte für internalisierende Symptome wie Angst und Rückzug sowie für externalisierende Störungen wie Aggressivität und Hyperaktivität. Die Effekte waren moderat, jedoch konsistent.
Wirkung von UPF aufs Gehirn
Bereits eine britische Analyse der ALSPAC-Kohorte im „European Journal of Clinical Nutrition“ hatte gezeigt, dass eine stärker ausgeprägte Junkfood-Ernährung im Alter von viereinhalb Jahren mit einer etwas erhöhten Wahrscheinlichkeit für Hyperaktivität im Alter von sieben Jahren einherging. Die Zusammenhänge sind nicht abschließend geklärt, aber plausibel: Typische UPF enthalten viel freien Zucker, gesättigte Fette, Salz und diverse Zusatzstoffe, während sie kaum Ballaststoffe und wenig Mikronährstoffe liefern. Diskutiert werden neuroinflammatorische Prozesse – teils durch Veränderungen des Darmmikrobioms – sowie eine geringere Versorgung mit für die Bildung von Neurotransmittern wichtigen Nährstoffen wie Eisen, Zink, B-Vitaminen sowie Omega-3-Fettsäuren, die für die Signalfunktion bedeutsam sind.
Die Kinderschutzorganisation UNICEF warnt, dass hoch verarbeitete Lebensmittel, die oft aggressiv vermarktet werden, inzwischen den Alltag vieler Kindern dominieren. Dabei fördern UPF durch ihre hohe Energiedichte auch Übergewicht.
Hohe Folgekosten drohen
Mögliche Verhaltensänderungen bei Kindern haben auch eine gesellschaftliche Dimension, zumal sich frühe Verhaltensmuster leicht verfestigen. Hinzu kommen Folgekosten aufgrund absehbarer somatischer Erkrankungen. So zeigt eine spanische Querschnittsstudie aus dem Jahr 2024 mit 1.426 Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren, dass ein hoher UPF-Konsum bereits im Vorschulalter mit höheren Werten für den Body-Mass-Index, den Taillenumfang, die Fettmasse und den Nüchternblutzucker einhergeht.
Für die Versorgung ergeben sich klare Implikationen. Ernährung ist ein modifizierbarer Faktor in einer sensiblen Entwicklungsphase. Die Autorinnen und Autoren der kanadischen Verhaltensstudie plädieren für Strategien, die früh ansetzen: Dazu zählen die Beratung in der Pädiatrie, verbindliche Standards in Kitas sowie regulatorische Maßnahmen wie Kennzeichnung oder Werbebeschränkungen für Kinderprodukte. UNICEF geht noch weiter und fordert gut sichtbare Warnhinweise auf Verpackungen.
Was genau sind UPF?
Die NOVA-Klassifikation – ein internationales System zur Einteilung von Lebensmitteln nach ihrem Verarbeitungsgrad – ordnet hoch verarbeitete Lebensmittel der Gruppe 4 zu. Gemeint sind industriell hergestellte Produkte mit vielen Zutaten und Zusatzstoffen, die in dieser Kombination in der Natur nicht vorkommen. Sie unterscheiden sich damit deutlich von Lebensmitteln wie Brot oder Käse (NOVA 3), die aus wenigen, bekannten Zutaten bestehen und dem ursprünglichen Lebensmittel noch nahe sind. Gruppe 1 umfasst Obst, Gemüse, Milch, Eier und Ähnliches, Gruppe 2 sind verarbeitete Grundzutaten wie Öl, Butter oder Gewürze.