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Arzt mit eigener Niederlassung: Traumberuf mit Schattenseiten

von Melanie Hurst

Ärzte
Foto: vouvraysan - stock.adobe.com

Für ein Medizinstudium hat sich wohl keiner entschieden, weil er beruflich den Amtsschimmel reiten wollte. Und doch finden sich später vor allem die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in einem Dickicht überbordender Bürokratie verstrickt. Warum der Arztberuf trotzdem das Richtige ist, erzählen die Kollegen in unserer aktuellen Umfrage.

Befragt man die Bevölkerung, genießen Ärztinnen und Ärzte nach wie vor das höchste Ansehen in der Gesellschaft. Kein Wunder, dass der Arztberuf auch viele junge Menschen anzieht, ermöglicht er neben einem hohen sozialen Prestige und einer finanziell abgesicherten Existenz auch die Möglichkeit, eine sinnhafte Tätigkeit auszuüben, bei der man anderen Menschen helfen kann.

Die grundsätzliche Faszination am ärztlichen Beruf spiegelt auch die aktuelle Arztzahlstatistik 2021 wider, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) veröffentlichte. So arbeiteten letztes Jahr 152.028 Kolleginnen und Kollegen in der vertragsärztlichen Versorgung, im Jahr zuvor waren es noch 150.850. Insgesamt stieg die Zahl der Vertragsärzte damit um 0,8 Prozent.

Doch blickt man ins Detail, ist diese Entwicklung nicht ganz so positiv zu sehen. Denn der eigentliche Zuwachs liegt angesichts der vielen Teilzeit- und Angestelltenverhältnisse lediglich bei 0,3 Prozent. Bei den Hausärzten ist sogar seit Jahren ein leichter Rückgang zu verzeichnen – 2021 ergab sich im Vergleich zum Vorjahr ein Minus von 129 (-0,2 %).

Es gibt immer mehr Teilzeitärzte

Einen vollen Versorgungsauftrag leisteten 2012 noch 48.186 Hausärzte, 2021 waren es nur noch 40.863. Einen hälftigen Versorgungsauftrag hatten 2012 hingegen 573 Hausärzte, 2021 waren es fast doppelt so viele (1.252). Gleichzeitig sind die hausärztlichen Kolleginnen und Kollegen im Schnitt 55 Jahre alt, ein Viertel wird in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen.

KBV-Vorstandsvize Dr. Stephan Hofmeister bewertet die Situation so: „Ein Trend der vergangenen Jahre hat sich fortgesetzt: Die reine Arztzeit nimmt ab, also die Zeit, die für die Versorgung der Patientinnen und Patienten zur Verfügung steht.“ Angesichts dieser Entwicklung müsse gegengesteuert werden. Die Attraktivität der selbstständigen Niederlassung müsse wieder gesteigert werden. Dazu zählten sowohl ein Abbau der überbordenden Bürokratie und Anpassungen bei der Vergütung als auch eine konsequente ambulante Weiterbildung. Zudem müsse die Zahl der Medizinstudierenden erhöht werden. Hofmeister: „Geschieht dies nicht, erleidet die Versorgung Schiffbruch.“

Feminisierung des Arztberufs

Aus der neuen Arztzahlstatistik liest sich auch eine weitere große Veränderung des Arztberufs heraus. Der Frauenanteil wächst kontinuierlich und nimmt nun schon 44 Prozent ein. Dass diese Entwicklung sich fortsetzen wird, bestätigt der Blick auf die Medizinstudenten im Wintersemester 2021/2022. Von den insgesamt 101.712 Studierenden waren 37.451 männlich und 64.261 weiblich. Das sah früher ganz anders aus. So studierten 1975 noch 30.801 Männer und 12.567 Frauen Humanmedizin. Zum Gleichstand kam es 1998, seitdem überwiegt die Zahl der Studentinnen.

Viele der nachfolgenden Kolleginnen und Kollegen haben aber keine Lust mehr, es der früheren Generation nachzumachen und rund um die Uhr in der eigenen Praxis zu stehen. Sie wollen eine gute Life-Work-Balance, bei der sie einen erfüllenden Beruf ausüben und trotzdem Zeit für die Familie und Freunde haben können. Da dies im Angestelltenverhältnis leichter zu realisieren ist, bleibt auch ein weiterer Trend ungebrochen: Die Zahl der angestellten Ärzte und Psychotherapeuten in Einrichtungen und in freier Praxis erhöhte sich ähnlich stark wie in den Vorjahren, und zwar von 42.631 auf 45.895 (+7,7 %).

Die Anstellungen in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) stiegen dabei stärker als die Anstellungen in freien Praxen. Auch bei den Hausärzten schlägt sich diese Entwicklung nieder. Waren es 2012 nur 3.748, die als angestellte Ärzte arbeiteten, waren es im Jahr 2020 schon 8.536 und letztes Jahr dann 9.032.

Auch der Bundesärztekammerpräsident Dr. Klaus Reinhardt betrachtet diese Entwicklung mit Sorge: „Wir brauchen dringend eine ausreichende Anzahl von Ärztinnen und Ärzten, um die Folgen des anhaltenden Trends zur Teilzeitarbeit, des steigenden Durchschnittsalters der Ärzteschaft und des demografischen Wandels zu bewältigen. Sinkt die Zahl der zur Verfügung stehenden Arztstunden, wird das nicht gelingen“, warnte Reinhardt mit Blick auf den hohen Behandlungsbedarf in einer älter werdenden Gesellschaft.

ARZT & WIRTSCHAFT hat Praxisinhaber gefragt:

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Beruf?

Hier ein paar ausgewählte Antworten unserer Leser:

„Ich bin sehr zufrieden mit meinem Beruf”

Seit vielen Jahrzehnten bin ich sehr zufrieden mit meinem Beruf. Das einzige, was mich stört, sind Personalprobleme oder die Verwaltungsproblematik. Da ließe sich noch mehr digitalisieren und erleichtern. Die Zeit, die ich für den einzelnen Patienten aufbringe, empfinde ich als ausreichend. Das lange Zeitfenster wie zum Beispiel in Schweden benötige ich nicht.
Dr. med. Joachim Küpper, Hausarzt aus Düsseldorf

„Die Arbeit mit und für Menschen ist das Schönste, was es gibt!”

Ich habe es ganz klar nie bereut, mich für den Beruf als Arzt entschieden zu haben. Ich habe die freie Wahl, Menschen zu helfen. Die Arbeit mit und für Menschen ist das Schönste, was es gibt. Der Vorteil der Arbeit in der Klinik war, dass man kein Alleinkämpfer ist, sondern man im Austausch mit mehreren Kollegen stand, auch mit dem Schwesternkollektiv. Mit einer eigenen Praxis kann man aber sein Ziel selbst abstecken, wie ein Dirigent, der sein eigenes Orchester leitet.
Dr. med. Stanislaw Nawka, Hausarzt aus Hamburg

„Seit 41 Jahren arbeite ich mit großer Freude in eigener Praxis”

Die Zufriedenheit mit meinem Beruf ist sehr hoch, sonst würde ich den Arztberuf nicht schon so viele Jahre ausüben. Ich bin 73 Jahre alt und seit 41 Jahren in der Praxis tätig. Daran habe ich große Freude! Trotzdem gibt es viele Dinge, die mich ärgern. Zum Beispiel, wenn Patienten für sehr wirksame Medikamente auf einmal hohe Zuzahlungen leisten müssen. Solche Dinge erschweren mir als Arzt das Leben. Das hat stundenlange Diskussionen mit den Patienten zur Folge.
Dr. med. Winfried Bull, Hausarzt aus St. Blasien

Blick in andere Länder
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vergleicht regelmäßig, wie es um die Gesundheitssysteme der Mitgliedsstaaten bestellt ist. Dazu gehören auch Daten rund um den Arzt-Patienten-Kontakt. Besonders viele gibt es beim Spitzenreiter Südkorea (17,2 Arztkontakte im Jahr), am wenigsten in Schweden (2,6) und Mexiko (2,1). Deutschland liegt mit 9,8 Arzt-Patienten-Kontakten deutlich über dem OECD-Durchschnitt.
Interessant: Während Schweden zwar wenige Arztkontakte im Jahr verzeichnet, liegt es bei der Dauer der ärztlichen Untersuchung auf Platz eins – mit 22,5 Minuten. Deutsche Ärzte benötigen im Schnitt 7,6 Minuten pro Patient, am schnellsten werden pakistanische Patienten durchgewunken. Sie haben im Schnitt 1,8 Minuten Zeit. Übrigens: In Schweden wird bei einem Arztbesuch eine Selbstbeteiligung von umgerechnet 11 bis 30 Euro fällig. Diese Gebühr hilft dabei, unnötige Arztbesuche einzuschränken.
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Author's imageIlias TsimpoulisManaging Director bei Doctolib
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