Warum Ärzte zu selten Hilfe suchen und was helfen könnte
Ina ReinschEine aktuelle Untersuchung zeigt, dass eine hohe Leistungsorientierung und das Arbeiten in einem überlasteten Gesundheitssystem für Ärztinnen und Ärzte ihren Preis haben. Es muss sich etwas ändern – aber was?
Trotz der erhöhten Häufigkeit suizidaler Gedanken unter Ärzten haben nur wenige Studien bislang die Suizidalität von Ärzten analysiert. Eine qualitative Analyse an der Universität Toronto ging der Frage nach, was suizidgefährdete Ärztinnen und Ärzte daran hindert, Hilfe zu suchen. Die Forschenden um die Psychiaterin Annie Yu werteten dazu 52 Artikel zu dem Thema aus. Diese enthielten Berichte von Ärzten und Assistenzärzten, in denen diese ihre Erfahrungen bei der Inanspruchnahme von Hilfe bei suizidalen Gedanken beschrieben.
Stoizismus, Leistungsdruck und eine Kultur des Schweigens
Die Berichte beschrieben, dass der Druck, der suizidalen Gedanken vorausging, aus einem Zusammenspiel individueller, systemischer und kultureller Faktoren entstand. Zu den persönlichen Belastungen zählten unter anderem Faktoren wie Burn-out, psychische Erkrankungen, frühere Erfahrungen mit Suizidfällen, geschlechterspezifische Erwartungen sowie die Unsicherheit in Lebensübergängen. Zu den systemischen Stressoren zählten ein hohes Patientenaufkommen, Personalmangel, administrative Belastungen und die hohen gesellschaftlichen Erwartungen an medizinisches Fachpersonal. Auch die Arbeit unter dem Druck in einem überlasteten Gesundheitssystem, das den Patienten oft nicht gerecht wird, spielte eine Rolle. Hinzu kommen eine Kultur des Schweigens, hohe psychische und physische Anforderungen, Perfektionismus sowie die Stigmatisierung von Fehlern. Auch Fälle von Missbrauch, Belästigung und Demütigung während der medizinischen Ausbildung spielten mit hinein.
Die Forschenden identifizierten auch Hindernisse bei der Inanspruchnahme von Hilfe, darunter eine medizinische Kultur des Stoizismus sowie eine hohe Leistungsorientierung. In einem Umfeld, in dem psychische Not sowohl als normal angesehen als auch verschwiegen wird, gelte das Suchen von Hilfe bei Suizidgedanken als Zeichen von Schwäche. Die Fähigkeit, Schwierigkeiten still und eigenständig zu ertragen, wurde als Initiationsritus beschrieben und als etwas, mit dem Ärzte einfach umgehen sollten. Diese Kultur des Stoizismus werde bereits früh in der medizinischen Ausbildung verinnerlicht.
Die Forschenden fanden jedoch auch heraus, was die Inanspruchnahme von Hilfe begünstigt. Dazu gehörten der Zugang zu vertraulichen Anlaufstellen oder Kollegengesprächen, Wissen über die psychische Gesundheit, Selbstfürsorge sowie die Vorbildfunktion älterer Kollegen. Aus den Erkenntnissen ihrer Forschung leiteten die Forschenden schließlich Vorschläge zur Unterstützung von Ärztinnen und Ärzten bei der Inanspruchnahme psychologischer Hilfe im Falle von Suizidgedanken ab.
Persönlich: Ärzte sollten sich mit dem Druck auseinandersetzen, dem sie in der Medizin ausgesetzt sind, und sich bewusst machen, dass Werte wie Stoizismus, Leistungsorientierung und berufliche Identität ihr persönliches Wohlbefinden beeinflussen – und das bereits mit Beginn der Ausbildung.
Systemisch: Das Gesundheitssystem muss vertrauliche Wege für die psychische Gesundheitsversorgung von Ärzten schaffen und fördern. Personalmangel, hoher Verwaltungsaufwand und die hohen gesellschaftlichen Erwartungen an medizinisches Fachpersonal müssen angegangen werden.
Kulturell: Erfahrene Ärzte können ein Vorbild für die Inanspruchnahme von Hilfe sein, was entscheidend ist, um das Stigma rund um psychische Gesundheit zu überwinden und Kollegen zu ermutigen, sich Hilfe zu suchen.
Diese Faktoren hindern Ärzte daran, sich Hilfe zu suchen
eine medizinische Kultur des Stoizismus
Leistungsorientierung
die Bedeutung der beruflichen Identität
die zunehmende Schwere der Erkrankung
die Stigmatisierung psychischer Probleme
die Angst, anderen zur Last zu fallen
Angst, die Zulassung zu verlieren
Zeitmangel
Angst vor Konsequenzen
Schamgefühle
Bedenken hinsichtlich der Vertraulichkeit