Vermutete Behandlungsfehler: Die Zahlen verraten auch viel Positives
Judith MeisterJedes Jahr sorgt die Behandlungsfehlerstatistik des MD für Aufregung. Doch wer die Vorwürfe in Relation zu einer Milliarde Arzt-Patienten-Kontakten setzt, sieht: Die Behandlungsqualität ist besser als oft dargestellt.
Die Statistik des Medizinischen Dienstes (MD) zu vermuteten Behandlungsfehlern weckt Jahr für Jahr großes Interesse in der Gesundheitsbranche. 2024 hat der MD bundesweit 12.304 Gutachten zu vermuteten Behandlungsfehlern erstellt.
In jedem fünften Fall stellten die Kassenvertreter einen Behandlungsfehler fest, der beim Patienten einen Gesundheitsschaden verursacht hat. 134 Fälle stuften die Gutachter als sogenannte Never Events ein, also als Behandlungsfehler, die so schwerwiegend sind, dass sie nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft eigentlich gar nicht vorkommen dürften.
Never Events gelten als „absolut vermeidbare Ereignisse“ und sind Ausdruck eines eklatanten medizinischen Standardverstoßes. Schwerwiegende Medikationsfehler fallen ebenso in diese Kategorie wie unbeabsichtigt im Körper zurückgebliebene Fremdkörper oder Verwechslungen von Patienten.
Meldesystem wird von MD seit Jahren gefordert
Um die Sicherheitsstandards anzupassen und solche Never Events zu vermeiden, fordert der MD daher ein (sanktionsfreies) Meldesystem. In anderen Ländern sind derartige Verfahren bereits etabliert. So gibt es etwa eine offizielle Never-Events-Liste der NHS England. Ähnliche Systeme sind unter anderem in Frankreich, Österreich und der Schweiz eingerichtet.
Unabhängig von der Diskussion um den Umgang mit schweren Standardverletzungen beziehen sich zwei Drittel aller erhobenen Behandlungsfehlervorwürfe auf Leistungen in der stationären Versorgung (7.960 Fälle). Das Gros dieser Vorwürfe steht im Kontext operativer Eingriffe. Der Rest entfällt auf den ambulanten Sektor.
Die Verteilung auf die Fachgebiete (s. Grafik) spiegelt diesen Umstand wieder.
Bei knapp zwei Drittel (63 %) der begutachteten Fälle waren die Gesundheitsschäden der Patienten vorübergehend. In 2,7 Prozent der vom MD begutachteten Fälle (75 Fälle) hat der Fehler zum Tod geführt.
Wichtig ist es jedoch zu betonen, dass die Zahlen der Jahresstatistik nicht repräsentativ sind. Und auch wenn jeder Behandlungsfehler einer zu viel ist: Angesichts einer Milliarde Arzt-Patienten-Kontakte, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung pro Jahr veranschlagt, stellt sich die Statistik des MD nochmals in einem anderen Licht dar.