Fehler bei der Blutabnahme vermeiden
Bianca NuberBlutwerte entscheiden als Teil der Diagnostik mit über die Therapie. Deshalb sollten auffällige Werte immer hinterfragt werden. Welche Fehler bei der Blutabnahme können die Ergebnisse verfälschen? Und wie handeln MFA bei erhöhten Notfallwerten richtig?
Die Routine-Blutentnahme ist schnell gemacht. Doch eine Woche später kommt der Laborbericht zurück – und die Werte wirken merkwürdig. Der Kreatinin-Wert des Patienten ist plötzlich doppelt so hoch wie sonst, die Elektrolyte sind aus dem Gleichgewicht. Dann ist schnelles, sicheres Handeln gefragt. Doch Vorsicht: Es könnte sich auch um einen Fehler handeln! Die meisten davon entstehen nicht im Labor, sondern bei der Blutabnahme in der Praxis. Die gute Nachricht: Fast alle davon lassen sich vermeiden.
Häufige Fehlerquellen
Die präanalytische Phase – das ist die Zeit von der Patientenvorbereitung über die Blutentnahme bis zum Versand ins Labor – ist der kritischste Punkt der gesamten Labordiagnostik. Wissenschaftliche Daten zeigen: Etwa 60 bis 75 Prozent aller Laborfehler finden in dieser Phase statt, nicht im Labor selbst. Das heißt aber auch: Mit einer guten Routine kann man die Ergebnisse massiv verbessern.
Die häufigsten präanalytischen Fehler:
Unzureichend gefüllte oder falsche Röhrchen
Das Verhältnis zwischen Blut und Zusätzen (wie Antikoagulanzien) muss stimmen. Zu wenig Blut führt zu Verdünnungsfehlern, besonders bei Gerinnungstests und Elektrolyten. Eine schnelle Kontrolle: Das Röhrchen sollte bis zur markierten Linie gefüllt sein.Hämolyse – die „Zellzerstörung“
Beim Entnehmen oder beim Versand werden Blutzellen beschädigt. Das gibt einen Ausstrich von Kalium und roten Farbstoffen ab, der viele Messwerte verfälscht – vor allem Kalium, Leberwerte (GOT/AST) und Laktathydrogenase (LDH). Zeichen einer Hämolyse: Das Blutplasma in der Probe sieht rosa bis kräftig rot aus, nicht klar und gelblich.Unvollständiges Durchmischen nach der Entnahme
Besonders bei EDTA- und Citrat-Röhrchen (für Blutbilder und Gerinnung) ist das Durchmischen kritisch. Diese Röhrchen müssen sofort nach der Entnahme mindestens 8–10 mal sanft geschwenkt werden – nicht geschüttelt!Falsche Patientenvorbereitung
Sie haben dem Patienten nicht gesagt, dass er nüchtern sein soll, sprich 8 bis 12 Stunden vor der Abnahme nichts essen soll? Das könnte sich rächen. Trinken ist zwar erlaubt, vor allem Wasser, aber Säfte, Cola und Limonaden können die Werte verfälschen.
Der Patient ist vorher Treppen gelaufen, hat Sport getrieben oder war aufgeregt? Man hätte ihn darauf hinweisen sollen, dass körperliche Anstrengung zu falschen Ergebnissen führen kann. Vor allem bei Kreatinin, Leberwerten (GOT, GPT, GGT), Hämoglobin (Hb) und Hämatokrit, dem Muskelenzym Creatinkinase (CK), Bilirubin und Entzündungsparametern wie Leukozyten. Deshalb sollten Patient:innen vor der Blutentnahme 24 bis 48 Stunden eine Sportpause einlegen.
Verwechselte Proben
Das Röhrchen ist nicht beschriftet oder die Beschriftung ist unleserlich. Das ist nicht nur ein administrativer Fehler, sondern der schlimmste anzunehmende Unfall in der Laboranalytik. Unter Fachleuten nennt man das „Wrong Blood in Tube“ (WBIT)-Fehler. Er kann zu falschen Diagnosen und infolgedessen zu gefährlichen Behandlungen führen. Vor Transfusionen, wo es auf die richtige Blutgruppe ankommt, fordern viele Behandler und Labore deshalb zwei unabhängige Blutentnahmen zu unterschiedlichen Zeitpunkten an. Erst wenn beide zu 100 Prozent übereinstimmen, gilt die Blutgruppe als sicher.
Die Kunst des Blutabnehmens
Vor der Blutentnahme: Patient sitzt mindestens 5 Minuten ruhig. Nüchternheit abhängig von Auftrag prüfen.
Richtige Röhrchen: Auftrag nochmal kontrollieren – unterschiedliche Tests brauchen unterschiedliche Röhrchen.
Stauung lösen: Stauband vor dem Einstechen maximal 1 Minute anlegen (sonst verfälschen sich Elektrolyte und Proteine).
Nach der Entnahme: sofort und vollständig durchmischen (bei beschrifteten Röhrchen sofort beschriften, dann mischen).
Unmittelbar versenden: Proben sollten kühl gestellt und schnell ins Labor gebracht werden – eine stundenlange Lagerung verfälscht die Ergebnisse ebenfalls.
Richtig handeln bei Notfallwerten
Bei bestimmten Notfallwerten – Messergebnisse, die auf eine unmittelbar bestehende Gefahr für Gesundheit und/oder Leben hinweisen – sollten Sie jedoch nicht lange rätseln, sondern folgende Schritte unternehme, wenn das Labor anruft und auf einen solchen Notfallwert hinweist?
Ruhe bewahren, aber schnell handeln: Der Patient ist oft schon auf dem Heimweg. Versuchen, ihn telefonisch zu erreichen.
Arzt sofort informieren: Das Labor informiert meist parallel, aber der Arzt sollte trotzdem umgehend benachrichtigt werden – je nach Ergebnis per Telefon oder auch persönlich.
Nicht verunsichern, aber klar sein: Man braucht dem Patienten nicht zu sagen „Ihr Kalium ist viel zu hoch!“ Besser: „Der Arzt hat etwas gefunden, das wir gemeinsam besprechen müssen. Können Sie heute noch vorbeikommen?“ oder „Rufen Sie sofort die 112 an, wenn Sie Symptome wie Herzrasen oder Schwindel haben.“
Dokumentieren: Schreiben Sie auf, wann Sie den Patienten informiert haben und wann den Arzt. Das ist wichtig für die Qualitätssicherung und mögliche Haftungsfragen.
Fazit:
Wer bei der Blutentnahme sorgfältig arbeitet, kann später mit gutem Gewissen sagen: „Dieses Ergebnis ist zuverlässig.“ Ein Notfallwert, der aus einer fehlerhaften Probe kommt, ist nutzlos – im schlimmsten Fall gefährlich. Basiert er dagegen auf einer perfekt entnommenen Probe, ist er eine der wichtigsten Informationen für den Arzt oder die Ärztin, um dem Patienten schnell helfen und ihn behandeln zu können.