Wirtschaftsnachrichten für Ärzte | ARZT & WIRTSCHAFT
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Am 8. November 2016 wird der 58. US-Präsident gewählt, ein Ereignis von weltwirtschaftlicher Bedeutung, das seine Schatten vorauswirft. Aus den Vorwahlen der großen Parteien sind zwei Bewerber um das Präsidentschaftsamt hervorgegangen, die vielfach polarisieren – Hillary Clinton für die Demokraten und Donald Trump für die Republikaner. Offiziell gibt es zwar noch Kandidaten weiterer Parteien, de facto ist das US-Wahlsystem aber ein Zwei-Parteien-System, da die kleineren Parteien keine nennenswerten Chancen auf Wählerstimmen haben. Deshalb wird zwischen Clinton und Trump entschieden, wer Barack Obama ins Weiße Haus folgen wird, dem keine dritte Amtszeit gestattet ist.

Dass die US-Wähler sich für Donald Trump entscheiden, scheint für die meisten Deutschen unvorstellbar. Doch auch die Brexit-Entscheidung der Briten erschien wenig realistisch und ist am Ende doch eingetreten. Tatsächlich liegen Clinton und Trump in aktuellen Umfragen nur wenige Prozentpunkte auseinander. Ein Sieg Trumps gilt als Überraschung und würde die Kapitalmärkte verunsichern. Neben den nahezu täglichen Äußerungen und Wahlkampfauftritten werden die TV-Duelle mit Spannung erwartet, in denen die Kandidaten vor der Nation über ihre wichtigsten Ziele und Differenzen debattieren.

Worüber wird debattiert?

Auch wenn noch nicht alle Punkte der Wahlkampfprogramme im Hinblick auf Gesundheitspolitik endgültig geklärt sind und gerade die Ausführungen von Donald Trump noch viele Fragen aufwerfen, lassen sich einige zentrale Themen herausstellen:

– Grundlegende Differenzen bestehen über die Zukunft des Affordable Care Acts, der auch als „Obamacare“ bekannt ist. Obamacare hat viele vorher nicht versicherte Amerikaner in die öffentliche Krankenversicherung geholt und damit durch die Erhöhung der Fallzahlen auch zum Wachstum des Gesundheitssektors beigetragen. Während Clinton die bisherige Gesetzgebung beibehalten und verbessern will, möchte Trump, wie viele andere Republikaner, Obamacare am liebsten rückgängig machen. Über Steuervergünstigungen und Zuschüsse sollen sich seiner Ansicht nach Geringverdiener auch ohne Obamacare eine Krankenversicherung leisten können.

– Seit Hillary Clinton im Herbst letzten Jahres über Twitter verkündet hat, dass sie etwas gegen die ausufernde Preissteigerungen bei Medikamenten unternehmen will, ist viel über die Effizienz des amerikanischen Gesundheitssystems diskutiert worden (die USA geben etwa 17 % des Bruttoinlandproduktes für Gesundheitsleistungen aus – Deutschland hingegen „nur“ 11 %). Auch wenn rezeptpflichtige Medikamente nur 10 % der Gesundheitsausgaben ausmachen, ist die Debatte aus Sicht vieler Patienten leicht nachvollziehbar, da sie die hohen Zuzahlungen direkt im eigenen Portemonnaie spüren. Im Fokus stehen insbesondere alte Medikamente, bei denen wenige Anbieter ihre Preismacht ausspielen, ohne Mehrwert für den Patienten zu generieren. Sowohl Clinton als auch Trump sprechen sich dafür aus, die öffentliche Krankenversicherung Medicare zumindest teilweise zu ermächtigen, Medikamentenpreise direkt mit den Pharmaherstellern zu verhandeln, um so Rabatte herauszuschlagen.

– Beide Kandidaten stehen dafür, Medikamente aus anderen Ländern zu importieren, wobei sie andere Anforderungen an Zulassungs- und Produktionsstandards stellen. Auch dieser Vorschlag zielt darauf ab, die Ausgaben für den Patienten zu reduzieren.

Healthcare-Sektor in 2016 bisher unterdurchschnittlich – Ausdruck der Unsicherheit

Seit Jahresanfang hat der Healthcare Sektor (gemessen am MSCI World Healthcare Index) 3,3 % an Wert verloren. Damit liegt er deutlich unter dem Gesamtmarkt (MSCI World +2,1 %), nur die Finanzwerte schnitten bisher noch schlechter ab (-3,9 %). Andere Sektoren wie Energie (+14,1 %) oder Versorger (+6,9 %) konnten hingegen deutlich zulegen, was in erster Linie an der Erholung des Ölpreises liegt.

Neben der simplen Tatsache, dass Healthcare Aktien den breiten Markt von 2011 bis 2015 in jedem einzelnen Jahr geschlagen haben und eine Underperformance damit beinahe überfällig war, haben insbesondere die Diskussionen um Medikamentenpreise und die damit verbundenen Unsicherheiten für die vergleichsweise schwache Entwicklung des Gesundheitssektors im bisherigen Jahresverlauf gesorgt. Doch gilt es auch hier zu differenzieren. Denn die unterdurchschnittliche Entwicklung des Gesundheitssektors resultiert in erster Linie aus den Pharma- und Biotechaktien, während Anbieter von Medizintechnik und Medizin-IT deutlich zulegen konnten.

Der Gesundheitssektor geriet während der ersten Amtszeit Bill Clintons (1993-1997) schon einmal in den Fokus. Auch hier war seine Frau Hillary der eigentliche Auslöser, da sie in ihrer Position als First Lady auch ohne ein offizielles Amt massiven Einfluss auf Gesundheitspolitik und Presse nahm. Damals wurde viel Staub aufgewirbelt, doch letzten Endes ging die Industrie gestärkt aus der Unsicherheit hervor und viele Ideen aus der Zeit wurden schließlich im Affordable Care Act implementiert, der dem Sektor insgesamt zu mehr Wachstum verholfen hat.

Kann sich überhaupt etwas ändern?

Neben der Analyse, was die einzelnen Präsidentschaftskandidaten sich an Zielen auf die Fahne geschrieben haben, ist auch die Frage von Bedeutung, welche Vorsätze sich überhaupt realisieren ließen. An dieser Stelle lässt sich festhalten, dass sich so gravierende Änderungen, wie teilweise von Clinton und Trump gefordert, kaum umsetzen lassen werden. Denn auch in den USA liegt die Gesetzgebung nicht alleine in Hand des Präsidenten. Der United States Congress, die legislative Institution der USA auf Bundesebene, besteht aus zwei Kammern: Dem Senat und dem House of Representatives. Derzeit haben die Republikaner in beiden Kammern die Mehrheit und es ist kaum zu erwarten, dass sie tiefgreifenden Reformvorschlägen einer demokratischen Präsidentin zustimmen würden. Der Umkehrschluss, dass ein Präsident Trump leichtes Spiel hätte, ist aber auch nicht zulässig, da viele Republikaner in erster Linie auf freie Märkte setzen und einige Ideen Trumps (wie die Verhandlung von Medikamentenpreisen durch den Staat) entgegenstehen. Dazu kommt, dass die amerikanische Zulassungsbehörde FDA sehr rigide Anforderungen stellt, um Medikamente an den Patienten zu bringen, was die beabsichtigten Importe enorm erschweren dürfte.

Unter dem Strich lässt sich deshalb festhalten, dass der US-Wahlkampf auch in den kommenden Wochen für Schlagzeilen sorgen dürfte, die das Potenzial haben, den Healthcare-Markt zu beeinflussen. Tendenziell sollte ein Sieg Clintons sich aufgrund der Unterstützung von Obamacare eher positiv für Versorger und Dienstleister auswirken, während Hersteller von Spezialpharmazeutika um ihre Preismacht fürchten müssten. Ein Sieg Trumps würde wegen der Vorbehalte gegenüber Obamacare wahrscheinlich negative Implikation für Krankenhäuser und Co. haben, aber mit Erleichterung von der Pharma-und Biotechbranche aufgenommen werden. Für beide Kandidaten gilt, dass tiefgreifende Änderungen des amerikanischen Gesundheitssystems sich nur schwer realisieren lassen dürften. So oder so führt die demografische Entwicklung zu einer stetigen Erhöhung der Nachfrage und mit Zulassungszahlen auf Rekordniveau ist auch die Pharmabranche weiter auf Wachstumskurs. Healthcare-Unternehmen, die wirkliche Innovationen liefern, sollten deshalb auch langfristig weiter zu den Gewinnern gehören.