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Synthetische Oligosaccharide in Säuglingsnahrung

von Melanie Söchtig

Säuglingsnahrung
Foto: Dragana Gordic - stock.adobe.com

Zusammen mit Lactose, Fett und Proteinen machen Oligosaccharide den Großteil der Feststoffkomponenten von menschlicher Muttermilch aus. Da ihnen zahlreiche gesundheitsfördernde Wirkungen nachgesagt werden, bewerben einige Hersteller von Säuglingsnahrung ihre Produkte mit Begriffen wie „Muttermilch-Oligosaccharide“ oder „Humane Milch-Oligosaccharide“. Doch das ist aus mehreren Gründen fragwürdig.

„Die bisher vorliegenden, wenigen Studien bei Säuglingen erlauben derzeit keine belastbaren Schlussfolgerungen auf klinisch relevante Vorteile von synthetischen Oligosaccharid-Zusätzen“, so äußert sich die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) in einer aktuellen Stellungnahme.

In den letzten Jahren konnten lediglich Hinweise darauf gefunden werden, dass einzelne synthetische Oligosaccharide Wirkungen auf die intestinale Mikrobiota des Säuglings und die Infektabwehr haben könnten. Diese Ergebnisse wurden jedoch bislang nicht hinreichend bestätigt. „Insgesamt wird die Datenlage zur Supplementierung von Säuglingsnahrungen mit synthetischen Oligosacchariden als zu dürftig eingeschätzt, um allgemeine Empfehlungen zur Anwendung auszusprechen“, so die DGKJ.

Unnachahmliche Individualität

Die Zusammensetzung von Oligosacchariden in Muttermilch ist hochkomplex und individuell. Die Unterschiede von Frau zu Frau sind teils genetisch bedingt. Sie zeichnen sich unter anderem durch das Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein bestimmter Glycosyltransferasen aus. So besteht beispielsweise eine genetische Variation der Aktivität der Fucosyltransferasen FUT2 und FUT3.

Die Milch FUT2-positiver Frauen (Sekretorinnen) weist eine höhere Oligosaccharid-Konzentration auf als die FUT2-negativer Frauen (Nicht-Sekretorinnen). Mit einem Anteil von 70–80 % sind Sekretorinnen in der europäischen Bevölkerung weitaus häufiger vertreten als Nicht-Sekretorinnen. Bislang konnte die biologische Bedeutung der Unterschiede in der Milchzusammensetzung noch nicht abschließend geklärt werden.

Zudem wurden widersprüchliche Effekte in unterschiedlichen Populationen beobachtet. Während beispielsweise Studien aus Nordamerika bei gestillten Kindern von Sekretorinnen eine geringere Durchfallhäufigkeit als bei gestillten Kindern von Nicht-Sekretorinnen gezeigt wurde, war in Großbritannien, Bangladesch, Peru und Tansania das Gegenteil der Fall.

Laut DGKJ kann die personalisierte Komplexität der Oligosaccharide in Frauenmilch derzeit in Säuglingsnahrungen nicht nachgeahmt werden.

Unzulässige Idealisierung

Obwohl die Ernährungskommission der DGKJ zwar keine Sicherheitsbedenken bei der Anreicherung von Säuglingsnahrungen mit den in Europa bisher zugelassenen synthetischen Oligosacchariden in den festgelegten Höchstmengen sieht, spricht sie sich entschieden gegen die Bewerbung mit Begriffen wie „Humane Milch-Oligosaccharide“ („HMO“) aus.

Die Verwendung dieser Begrifflichkeiten suggeriere den Verbrauchern, dass eine Ähnlichkeit der Oligosaccharid-Zusammensetzungen in Säuglingsnahrungen mit denen der menschlichen Milch gegeben sei. „Dies ist sachlich falsch und kann zu einer Verbrauchertäuschung führen, denn der Zusatz von einzelnen einfachen und kurzkettigen Oligosacchariden führt nicht zu einer Ähnlichkeit mit der komplexen Zusammensetzung von hunderten kurz- und langkettigen Oligosacchariden in menschlicher Milch.“

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Author's imageIlias TsimpoulisChief Medical Officer bei Doctolib
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