Finanzierungsdebatte im Gesundheitswesen: Kontaktgebühr oder Honorardeckel?
Marzena SickingDie Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung steigen rasant. Während Kassenärzte-Chef Gassen eine Kontaktgebühr fordert, verlangen Patientenschützer die Wiedereinführung des Honorardeckels. Bundesärztekammer-Präsident Reinhardt warnt indessen vor Schnellschüssen – und räumt Probleme beim aktuellen Vergütungssystem ein.
Die Finanzierung des Gesundheitssystems steht unter Druck. Stark steigende Kosten bei den gesetzlichen Krankenkassen zwingen die Politik zum Handeln. Die schwarz-rote Bundesregierung plant deshalb für das laufende Jahr eine große Reform der gesetzlichen Krankenversicherung. Diese soll den Ausgabenanstieg begrenzen und weitere Beitragsanhebungen vermeiden. Eine Expertenkommission soll bis März 2026 Vorschläge zur Stabilisierung ab 2027 vorlegen. Doch schon jetzt gibt es kontroverse Forderungen, die auch Hausärzte direkt betreffen.
Kassenärzte-Chef fordert Kontaktgebühr
Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), brachte erst kürzlich wieder eine „Kontaktgebühr“ für jeden Arztbesuch ins Spiel. „Sie könnte, wie zum Beispiel in Japan, bei drei oder vier Euro liegen und sollte von den Krankenkassen eingezogen werden. So könnte die Einnahmebasis der Kassen erhöht werden“, sagte Gassen der «Bild». Die Gebühr müsse sozialverträglich gestaltet werden, damit niemand überfordert werde.
Ähnliche Forderungen kommen von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Deren Vorstandschef Gerald Gaß verlangt eine Verdopplung der Zuzahlung bei Krankenhausaufenthalten von zehn auf 20 Euro am Tag. Das bringe den Krankenkassen zusätzlich rund 800 Millionen Euro im Jahr. Für Patienten, die künftig ohne vorherige telefonische Beratung die Notfallzentren der Krankenhäuser aufsuchen, schlägt Gaß eine Gebühr von 30 bis 40 Euro vor.
Wie schon für Kinderärzte war im Frühjahr auch für Hausärzte die Deckelung ihrer Vergütungen durch Quartalsbudgets entfallen. «Das ist ein Beispiel dafür, dass der Bundestag der Kassenärzte-Lobby auf den Leim gegangen ist. Die Kassenärztliche Vereinigung hatte jahrelang darüber geklagt, dass nicht allen ärztlichen Mitgliedern ausreichend Geld am Ende eines Quartals zur Verfügung stehe», sagte Brysch. «Die Wiedereinführung des festen Budgets ist aber notwendig.» So sei auch eine effiziente Kostendämpfung möglich.
Breiter Widerstand gegen Patientenbeteiligung
Die Vorschläge stoßen allerdings auf deutliche Kritik. Eine solche Forderung würde „ausschließlich zu Belastungen der Patientinnen und Patienten führen und damit dem Grundprinzip der solidarischen Krankenversicherung widersprechen“, kommentiert beispielsweise der rheinland-pfälzische Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD). Der Minister verweist auf historische Erfahrungen: „Zum einen erzielte bereits die Praxisgebühr in der Vergangenheit keinerlei Steuerungswirkung, verursachte aber insbesondere bei der Ärzteschaft einen erheblichen Verwaltungsaufwand.“ Die Praxisgebühr war 2004 eingeführt und 2013 wieder abgeschafft worden. Außerdem wäre der Personenkreis, der die ärztliche Versorgung am häufigsten in Anspruch nimmt, zum großen Teil aus sozialen Gründen oder aufgrund der Chroniker-Regelung bereits von Zuzahlungen zu befreien. Eine Steuerungswirkung sei daher nicht zu erzielen.
Reinhardt: Strukturreformen statt Schnellschüsse
Auch Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt blickt skeptisch auf die Forderung nach einer Kontaktgebühr. Zwar könne man über Zuzahlungen von Versicherten nachdenken, „aber erst in zweiter Linie“, sagte er dem Deutschlandfunk. „Ich befürchte, dass es davon ablenkt, dass wir Strukturreformen brauchen im Zugang zum Gesundheitswesen.“
Eine Kontaktgebühr werde „eine gewisse Entlastung bieten, aber bei weitem nicht reichen, um das Defizit zwischen Einnahmen und Ausgaben in Deckung zu bringen“, so Reinhardt. „Und es wäre fatal, wenn wir das jetzt sozusagen als einzige Maßnahme oder als eine Maßnahme einführten, die am Schluss davon ablenkt, dass wir wirklich uns um die Strukturen kümmern müssen.“ Zudem sieht der Ärzte-Präsident in einer Kontaktgebühr eine „einseitige Belastung derer, die Hilfe in Anspruch nehmen müssen“.
Stattdessen setzt Reinhardt auf digitale Instrumente zur Ersteinschätzung und Videosprechstunden. Hintergrund: Patienten könnten angesichts des komplexen Gesundheitssystems oft nur schwer entscheiden, welche Anlaufstelle die richtige sei. „Und wir erleben, dass wir an ganz vielen Stellen Patientinnen und Patienten sehen, die in gutem Glauben an die eine oder andere Stelle gegangen sind, aber es falsch gemacht haben“, sagte Reinhardt. Wer sich trotz eines solchen digitalen Angebots „doch direkt zum Beispiel in eine klinische Ambulanz begibt, weil er meint, da wäre er jetzt am besten aufgehoben, dass der dann unter Umständen Zuzahlung leistet, dafür wäre ich absolut“.
Selbstkritik beim Vergütungssystem – Patientenschützer fordern Kehrtwende
Bemerkenswert: Reinhardt räumte indirekt problematische Folgen des aktuellen Vergütungssystems ein. „Die hohe Zahl der Arztkontakte kann nicht allein mit dem Verhalten der Patientinnen und Patienten erklärt werden. Eine der Ursachen dürfte auch das Vergütungssystem für die Praxen und Kliniken sein. Ich sage mal salopp: Wer Fälle bezahlt, bekommt Fälle“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Darum müssen wir uns Gedanken machen, wie wir die Honorierung so umbauen, dass falsche Anreize und ein Missbrauchspotenzial so weit wie möglich vermieden werden. Das benötigt aber Zeit.“
Genau an diesem Punkt setzt die Kritik der Stiftung Patientenschutz an. In der Diskussion über die Finanzierung des Gesundheitssystems sieht die Stiftung in der Honorarreform zugunsten der Ärzte eine Ursache dafür, dass die Zahl der Arztbesuche gestiegen ist. „Die vor einem Jahr eingeführte Ärzte-Honorierung trägt Mitschuld an vielen Arzt-Patienten-Kontakten“, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch der Deutschen Presse-Agentur.
„Es war ein Fehler, dass die Politik auf Drängen der Kassenärztlichen Vereinigung die ambulant-ärztliche Entbudgetierung beschlossen hat. Jetzt wird bei jedem Arztbesuch Kasse gemacht. Folge sind unsinnige Wiedereinbestellungen“, so Brysch. Die Entbudgetierung für Hausärzte wurde im Januar 2025 vom Bundestag beschlossen und tritt im Oktober 2025 in Kraft. Bereits im Frühjahr war die Deckelung der Vergütungen durch Quartalsbudgets für Kinderärzte entfallen.
Forderung nach Rückkehr zum Budget
„Das ist ein Beispiel dafür, dass der Bundestag der Kassenärzte-Lobby auf den Leim gegangen ist. Die Kassenärztliche Vereinigung hatte jahrelang darüber geklagt, dass nicht allen ärztlichen Mitgliedern ausreichend Geld am Ende eines Quartals zur Verfügung stehe“, kritisierte Brysch. „Die Wiedereinführung des festen Budgets ist aber notwendig.“ So sei auch eine effiziente Kostendämpfung möglich.
Die Patientenschützer fordern damit eine Kehrtwende bei einer Reform, die von der Ärzteschaft jahrelang gefordert worden war. Die Budgetierung galt in der Ärzteschaft als problematisch, weil sie dazu führte, dass Behandlungen am Ende eines Quartals nicht mehr oder nur noch eingeschränkt vergütet wurden.
Ausblick: Große Reform in Vorbereitung
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatte deutlich gemacht, dass es bei der geplanten Reform um mehr Effizienz und Steuerung gehen soll. Alle Einnahmen und Ausgaben sollen auf den Prüfstand. Es werde Veränderungen „für alle“ geben, sagte sie. Die kommenden Monate dürften zeigen, in welche Richtung die Reformdebatte geht. Klar ist: Sowohl Patientenbeteiligungen als auch Änderungen am ärztlichen Vergütungssystem stehen zur Diskussion – und beide Optionen sind hochkontrovers.
Quelle:dpa, KBV, dkgev