Freie Ärzteschaft warnt: „Wartezeiten steigen, Eigenleistungen wachsen massiv"
Marzena SickingDie Freie Ärzteschaft übt scharfe Kritik am Sparkurs der gesetzlichen Krankenkassen im ambulanten Bereich. Trotz bundesweitem Ärztemangel und zunehmender Wartezeiten forcierten die Kassen ihre Sparpolitik „kaltschnäuzig", so Verbandschef Wieland Dietrich. Seine Prognose: Patienten müssen sich auf längere Wartezeiten und deutlich mehr Eigenleistungen einstellen.
„Der Ärztemangel und zunehmende Wartezeiten auf Arzttermine sind inzwischen ein bundesweites Problem – doch ungeachtet dessen forcieren die gesetzlichen Krankenkassen ihre Sparpolitik im ambulanten Bereich kaltschnäuzig", kritisiert Wieland Dietrich, Vorsitzender der Freien Ärzteschaft e.V. (FÄ). Der Hautarzt aus Essen prognostiziert, dass die Wartezeiten in den Arztpraxen weiter zunehmen und Eigenleistungen erheblich aufwachsen werden, um moderne Medizin in den Praxen noch anbieten zu können.
Neben dem Sparkurs der Kassen kritisiert der Ärzteverband auch die gescheiterte Digitalisierungsstrategie, Pläne zur zentralen Terminvergabe und das von Ex-Minister Lauterbach vorgeschlagene 24-Stunden-Notdienst-Konzept. Die Freie Ärzteschaft fordert eine grundlegende Reform des GKV-Sachleistungssystems.
Das Kalkül der Kassen gehe nicht auf, warnt Dietrich: „Jeder Kenner des deutschen Gesundheitswesens weiß, dass dann noch mehr ambulant mögliche Behandlungen in die Kliniken wandern – was zu exorbitant höheren Kosten führt. Und: Welcher Patient möchte ins Krankenhaus, wenn es sich vermeiden lässt?"
Kommunale MVZ als Beweis für Unterfinanzierung
Wie gravierend die Unterfinanzierung der ambulanten Medizin sei, zeige sich besonders deutlich an kommunalen Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), so Dietrich: „Mittlerweile haben auch Kommunal- und Landespolitiker feststellen müssen, wie unterfinanziert die ambulante Medizin ist. Denn kommunale MVZ tragen sich meist nicht, werden insolvent oder müssen dauerhaft subventioniert werden." Ähnlich verhalte es sich mit genossenschaftlichen oder privat betriebenen MVZ, sogar im hausärztlichen Bereich. Auch von den Kassen selbst geführte ambulante Einrichtungen hätten sich bereits vor Jahren als nicht wirtschaftlich tragfähig erwiesen.
Dass die Kassen in Anbetracht dessen die Abschaffung der mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz eingeführten Zuschläge für die fachärztliche Versorgung fordern und zudem den Budgetdeckel in der kinder- und hausärztlichen Versorgung wieder einführen wollen, zeige, „dass die Kassen offenbar nicht rechnen können – oder dass ihnen eine sinnvolle Gesamtfunktion der medizinischen Versorgungsebenen schlichtweg egal ist„. Dietrichs Fazit: „Das ist das Gegenteil von ambulant vor stationär – das ist teuer und aufwändig, statt zweckmäßig, sparsam und am Patienten orientiert!“
Digitalisierung der Gesundheitsbranche: Milliardenprojekt gescheitert
Auch die Digitalisierungsstrategie der vergangenen Jahre sieht die Freie Ärzteschaft als gescheitert an. „Seit vielen Jahren werden Praxen und Kliniken durch ein von oben aufgezwungenes Telematik-Projekt belastet„, kritisiert die stellvertretende FÄ-Vorsitzende Dr. Silke Lüder aus Hamburg. „Statt die medizinische Tätigkeit durch moderne Technik zu entlasten, werden Ärztinnen, Ärzte und Psychotherapeuten durch unausgereifte Techniken, störungsanfällige Infrastrukturen, unsichere Zugangswege, Sicherheitslücken und häufige Abstürze des Gesamtsystems belastet.“
Das angebliche Leuchtturmprojekt Elektronische Patientenakte (ePA) interessiere die Versicherten nicht, sondern führe „nur zur Abschaffung der ärztlichen Schweigepflicht zugunsten der Datensammelei für die KI-Firmen". Das Milliardenprojekt sei faktisch gescheitert.
Zentrale Terminvergabe: „Patienten wollen nicht herumgeschickt werden"
Klar ablehnen will Dietrich auch die fortgesetzte Forderung von Krankenkassen, Arzttermine zwangsweise über ein zentrales Internetportal zu steuern. „Die Patienten wollen nicht herumgeschickt werden, sondern zum Arzt und der Ärztin ihres Vertrauens. Wenn Terminvergabe verpflichtend so gemacht wird, sinkt die Zufriedenheit mit unserem Gesundheitswesen garantiert weiter!" Zentrale Terminvergaben könnten individuellen Behandlungsbedarfen auch selten gerecht werden, denn sowohl die Behandlungsanlässe als auch die Behandlungsspektren der Ärzte seien so unterschiedlich, dass eine anonyme, zentralisierte Planung dem kaum gerecht werden könne.
Ebenso schädlich sei das noch von Ex-Minister Lauterbach vorgeschlagene Konzept eines 24-Stunden-Notdienstes rund um die Uhr. Dafür gebe es weder den Bedarf noch personelle Mittel – im Gegenteil wären zahlreiche Doppelbehandlungen die Folge, weil aus dem Notdienst Patienten dann fortlaufend auf die Regelversorgung verwiesen würden, welcher ihrerseits aber erhebliche ökonomische und personelle Ressourcen entzogen würden.
Forderung: Grundlegende Reform des Systems
„Ich hoffe sehr, dass Frau Ministerin Warken zeitnah grundsätzliche Überlegungen anstellt, um das Gesundheitswesen wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen„, appelliert Dietrich an die neue Bundesgesundheitsministerin. „Das bestehende System der Sachleistung ist undemokratisch, intransparent und hoffnungslos überreguliert. Angesichts der bestehenden Unterfinanzierung funktioniert es in der ambulanten Medizin nicht mehr! Es nutzt Verwaltungen und Bürokraten bei Krankenkassen und Körperschaften – dient aber in weiten Bereichen nicht mehr der guten Behandlung der gesetzlich Versicherten!“
Bis zu einer grundlegenden Reform, so Dietrich, werden mehr ambulante Leistungen vom Patienten zu tragen sein: „Eine qualitativ hochstehende „Sicherstellung“ gibt es im bestehenden System in weiten Bereichen nicht mehr."