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Nachhaltigkeit
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Grafik: iStock/Ratsanai

Geredet wird viel, doch wenn es um die Umsetzung von Nachhaltigkeit geht, verlieren sich gute Absichten häufig im Nebel der Unklarheiten. Ein neuer Nachhaltigkeitsindex für das Gesundheitswesen will nun klare Kriterien und Messbarkeit etablieren. In der Tat scheitert er an diesem Anspruch in weiten Teilen – weil vieles bislang gar nicht gemessen wird beziehungsweise, weil Zielgrößen fehlen.

Positive Entwicklungen fixieren

Der Nachhaltigkeitsindex 2022 wurde von Astra Zeneca und Vandage, einem Spezialisten für gesundheitsökonomische Analysen, entwickelt – mit wissenschaftlicher Unterstützung durch Prof. Wolfgang Greiner von der Universität Bielefeld.
Die Struktur ist komplex. Ökologie, Ökonomie und Soziales, ergänzt durch zwei gesundheitliche Dimensionen, einer organisatorischen und einer epidemiologischen, sowie die umgebenden Rahmenbedingungen.

Diese Dimensionen sind in 23 Kategorien unterteilt. In der ökologischen Dimension geht es beispielsweise um Ressourcenmanagement, umweltbedingte Gesundheitsrisiken und Umweltmanagement. Dabei findet die eigentliche Bewertung auf der nächsten Ebene statt. Hier befinden sich 267 relevante Indikatoren, die anhand öffentlich zugänglicher Daten bewertet werden.

So werden für die Kategorie „Ökologisches Management“ unter anderem die Indikatoren „Anzahl der Kliniken mit BUND-Gütesiegel“ sowie die „Verbreitung von Hitzeaktionsplänen“ herangezogen. Allerdings sind die Datenlücken in diesem Bereich gravierend (38 %).

Zum Teil erhebliche Datenlücken

Noch mehr Datenwüste gibt es in der sozialen Dimension (50 %). Das hat zur Folge, dass viele der definierten Indikatoren nicht bewertet werden können.

Die ökologische Dimension macht mit nur 21 Indikatoren (8 % aller Indikatoren) einen verhältnismäßig kleinen Anteil der Gesamtbetrachtung aus. Den größten stellt der organisatorische Bereich mit 111 Indikatoren (42 % aller Indikatoren), gefolgt vom epidemiologischen Teilbereich mit 71 Indikatoren (27 % aller Indikatoren).

Gerade einmal zehn Indikatoren umfasst der soziale Teilbereich. Hier zeigt etwa der Indikator „Nicht erfüllter Bedarf nach ärztlicher Untersuchung oder Behandlung“ Handlungsbedarf. Als Gründe werden Wartelisten, zu lange Anfahrtswege oder auch finanzielle Gründe genannt.

Der Indikatorwert lag 2020 und 2021 bei 0,1 Prozent. Damit ist er gegenüber 2019 um 0,2 Prozent gesunken. Es fehle jedoch eine Fixierung dieser positiven Entwicklung in Form von Zielvorgaben, mahnt der Index.

Erkenntnisse politisch nutzen

Zusammenfassend kann man sagen: Kernergebnis dieses Nachhaltigkeitsindex ist es zunächst, einen Weg zur Bewertung der Nachhaltigkeit des deutschen Gesundheitswesens aufzuzeigen. Der Begriff Nachhaltigkeit beschreibt dabei einen maßvollen und verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Klar wird zudem, dass diese Thematik messbar ist. So kann auch das Gesundheitswesen über schwammige Absichtserklärungen hinauswachsen. Daten zu Nachhaltigkeitskriterien sollten flächendeckend erhoben werden und die gewonnenen Erkenntnisse in Gesetzgebungsprozesse einfließen.

VIEL LUFT NACH OBEN
Grundlage des Nachhaltigkeitsindex sind die Ergebnisse der „Partnership for Health System Sustainability and Resilience“ (PHSSR). Diese Partnerschaft basiert auf einer Initiative der London School of Economics, AstraZeneca sowie des Weltwirtschaftsforums. Ausgehend von der COVID-19-Pandemie untersuchen die Partner seit 2020 verschiedene Gesundheitssysteme auf ihre Nachhaltigkeit und Resilienz.

  • Der Index zeigt, dass Deutschland mehr messbare Nachhaltigkeitsziele braucht.
  • Lediglich zwölf Prozent der definierten Indikatoren weisen Zielvorgaben auf.
  • Nur bei 25 Prozent der Indikatoren ist laut Index ein positiver Entwicklungstrend

zu beobachten. Bei 30 Prozent ist der Entwicklungstrend negativ. Bei den übrigen Indikatoren stellt sich die Entwicklung neutral dar.