Gastbeitrag Markus de Rossi

Große Arztpraxis oder MVZ: Noch eigenständig führen oder lieber managen lassen?

Unternehmensgrößen von erfolgreichen Praxen zwischen 30 und 80 Mitarbeitern sind keine Seltenheit mehr. Und genau ab dieser Größe sollte man sich über eine geänderte und professionellere Struktur Gedanken machen, meint Wirtschaftsexperte Markus de Rossi* im folgenden Gastbeitrag.

Aus der Praxis wird ein mittelständisches Unternehmen – welche Rolle ist die richtige für mich? Darüber sollten sich Praxisinhaber Gedanken machen, bevor sie vom eigenen Erfolg überrollt werden. Denn oftmals kommen die Inhaber an persönliche Belastungsgrenzen. Sie führen mit hohem persönlichen Engagement ihre Praxis noch so, als ob Sie eine kleine Einheit von zehn Mitarbeitern führen würden. Es ist festzustellen, dass die Entscheidungswege vielfach zu lange sind. Oft besteht keine klare Organisationsstruktur auf Partnerebene und die Personalsuche und die Verwaltung sind weder professionell noch digitalisiert.

Das persönliche Management-Stufen-Modell

Wie positioniere ich mich im eigenen Unternehmen? Und wie finde ich den richtigen Ansatz für mein Unternehmen? Was sind die Chancen und Herausforderungen dabei? Dabei haben wir aus vielen Beratungsgesprächen ein Stufen-Modell entwickelt.

1. Stufe: Richtungsentscheidung – die Kunst der Selbst-Reflexion und des Delegierens

Die Praxisinhaber sind gewohnt jegliche Praxis-Entscheidungen – unabhängig von der Bedeutung der Entscheidung – in alleiniger Verantwortung zu treffen. Die Kunst ist es, für sich auszuloten, wo die Grenze der persönlichen Belastungssteuerung ist. Und wie hoch die Bereitschaft ist, Entscheidungs-Kompetenzen abzugeben. Die Erfahrung zeigt, dass der Inhaber rasch zur Delegation bereit ist. In der Realität kontrolliert er die Entscheidungswege an Mitglieder seiner Organisation sehr stark, stellt sie infrage oder misstraut sogar der Umsetzung. Dieses Verhalten ist gerade bei schon lange anhaltenden Einzelkämpferstrukturen vorhanden.

Folgerichtig muss der Weg des Delegierens und der Übertragung von neuen Aufgaben sorgfältig auch auf Partnerebene vorbereitet werden. Es kommt zu einer ersten innerlichen Fragestellung und Richtungsentscheidung: „Will ich Arzt bleiben und Patienten weiter versorgen oder Manager werden?“ Wenn man Arzt bleiben will, muss man die Fähigkeit haben, ein vertrauensvolles Team um sich herum aufzubauen, in dem die Kompetenzen und Zuständigkeiten klar geregelt sind.

2. Stufe: Praxismanagement – Kaufmännische Leitung – Geschäftsführung – Outsourcing – die Qual der Wahl

Die verschiedenen Eskalations-Stufen: Der erste Schritt geht erfahrungsgemäß in Richtung der Etablierung eines Praxismanagements. Dies ist allerdings häufig nur mit begrenzten Kompetenzen ausgestattet und soll lediglich die Praxisabläufe optimieren. Die nächste Stufe ist die Etablierung einer Kaufmännischen Leitung, die auch mehr Weisungs- und Entscheidungskompetenz erhält und teilweise auch ein eigenes kleines Team führt. Die Übernahme des Aufgabenfeldes liegt oftmals im Bereich Personal und Finanzen sowie bei spezifischen Organisationsaufgaben im Unternehmen. Die kaufmännische Leitung unterstützt die Partner bei dem Treffen von Entscheidungen und bereitet die Grundlagen hierfür vor. Die Geschäftsführung hingegen führt die Geschäfte, hat die organrechtliche Gesamtverantwortung und vertritt auch die Gesellschaft nach außen. In dieser Endstufe kommt es konsequenterweise zu einer Trennung von kaufmännischer und medizinischer Geschäftsführung. Ebenso ist es möglich Teil- und Gesamtbereiche zu definieren, die outgesourct, sprich an spezialisierte Dienstleister übergeben werden können, die die Verantwortung als externe Kooperationspartner übernehmen und zusätzliches Know-How zur Verfügung stellen.

3. Stufe: Grad der Delegation – Klare Kompetenzen festlegen

Es gibt alle Varianten des Loslassens und des Fokussierens. Aber die Frage ist, was will ich und was passt am besten zu mir und meiner Praxis? Gute Erfahrungen haben wir mit dem Vorgehen gemacht, zunächst die vorliegenden Organisationsstrukturen und Prozesse zusammen zu analysieren. Diese Herangehensweise hat gleich zwei konkrete Vorteile. Einerseits deckt die Ist-Analyse Organisationsdefizite auf, die optimiert werden. Und andererseits wird ein Anforderungsprofil deutlich, aus dem hervorgeht, welche zukünftigen Kompetenzen im Unternehmen benötigt werden. Gleichzeitig wird ein guter Startschuss für den neuen Mitarbeiter oder Dienstleister gesetzt, da sich aufgrund der Analyse ein gutes gemeinsames Soll-Konzept für das Unternehmen erstellen lässt.

Aller Anfang ist schwer – lieber eine Entscheidung treffen als keine

„Die größte Entscheidung deines Lebens liegt darin, dass Du Dein Leben ändern kannst, indem du Deine Geisteshaltung änderst“, so formulierte es schon Albert Schweitzer. Es ist eine Grundsatzentscheidung, ob man mehr am oder im eigenen Unternehmen arbeiten möchte. Dafür ist es essentiell sich die Zeit für eine innerliche schonungslose Reflektion zu nehmen, um am Ende für sich und sein familiäres Umfeld die richtige (Lebens)Entscheidung zu treffen.

*Der Autor Markus de Rossi: Als Gründer und Geschäftsführer der owamed GmbH sowie der convestus GmbH entwirft er   innovative Managementkonzepte für Ärzte, Praxen und Krankenhäuser. Auf Basis seiner langjährigen Erfahrung im Gesundheitswesen fungiert er außerdem als Strategieberater, wenn es darum geht medizinische Einrichtungen im ambulanten und stationären Bereich sowie deren Schnittstellen weiterzuentwickeln.

Anzeige

Umsatzrechner für die Arztpraxis – objektiv, transparent und individuell

Terminausfälle, kurzfristige Absagen oder Verschiebungen und die Bindung von Ressourcen am Telefon sind die häufigsten Ärgernisse und Kostenpunkte für Arztpraxen und Gesundheitseinrichtungen. Digi... Mehr
Author's imageIlias TsimpoulisManaging Director bei Doctolib

Weitere Artikel zum Thema:

Teil 1

Frauen führen Praxen anders: Schneller gestresst als männliche Kollegen?


Warum Ziele wichtig sind

Frauen führen anders (Teil 2): Praxis-Dynamik gefährdet das Privatleben


Gefälschte AOK-Mails

Vorsicht! Trojaner tarnt sich als Patientendokumentation


Neues aus der Printredaktion

Laborreform: Mehr Fluch als Segen


Langfristige Erfolge

Praxisführung: Das motiviert Mitarbeiter wirklich