Wirtschaftsnachrichten für Ärzte | ARZT & WIRTSCHAFT
Praxisführung

Das klassische Bild einer Führungskraft ist geprägt von Durchsetzungsstärke und kommunikativer Dominanz. Wer laut auftritt und blitzschnell die Richtung vorgibt, gilt als stark. Doch gerade bei der Führung kleinerer Teams kann auch ein anderer Führungsstil überzeugen: ruhig, reflektiert, aufmerksam – eher introvertiert.

Introversion beschreibt die Persönlichkeitspräferenz für ruhigere Umgebungen, konzentriertes Arbeiten und Phasen der Reflexion. Dabei sind Introversion und Extraversion zwei Pole eines Kontinuums. Viele Menschen bewegen sich als Ambivertierte irgendwo dazwischen.

Besonnenheit schützt vor blindem Aktionismus

Extravertierte sind zwar besser darin, passive Teams zu führen, so eine Untersuchung von Prof. Adam Grant, Prof. Francesca Gino und Prof. David Hofmann. Introvertierte Führungskräfte fördern jedoch proaktive Teams besonders effektiv. Mitarbeitende, die eigene Ideen einbringen und Verantwortung übernehmen, blühen auf, wenn ihre Führungskraft zuhört, statt sie zu übertönen. 

Nicht Lautstärke entscheidet über Autorität, sondern Klarheit und Verlässlichkeit. Introvertierte Führungskräfte neigen dazu, Entscheidungen tiefer zu reflektieren und langfristige Folgen stärker abzuwägen. In der Arztpraxis, wo medizinische Qualität, Wirtschaftlichkeit und Regulatorik ineinandergreifen, ist diese Besonnenheit ein Schutz vor blindem Aktionismus.

Weniger blinde Flecken stabilisieren das Team

Ein entscheidender Faktor ist die Selbstreflexion. Eine Analyse der Unternehmensberatung Korn Ferry, die Daten aus 486 Unternehmen mit 6.977 Mitarbeitenden auswertete, zeigt: Organisationen mit schwächerer wirtschaftlicher Performance hatten Führungskräfte mit mehr „blinden Flecken“ und einer geringeren Selbstwahrnehmung. Menschen mit verstärkter Neigung zur Introspektion haben hier einen natürlichen Vorteil, der zu realistischeren Entscheidungen und stabileren Teams führen kann.

Um ein Stück Extraversion kommt keine Führungskraft herum, denn es muss kommuniziert werden. Dabei ist es hilfreich, diese Momente bewusst zu gestalten. Beispielsweise durch kurze Teammeetings mit klarer Agenda, ergänzt durch konzentrierte Einzelgespräche, sowie bewusst geblockte, ruhige Arbeitsphasen. Eine Meeting- und Feedbackkultur mit digitalen Ideenboards oder schriftlichen Feedbackbögen entlastet und fördert zugleich, dass auch zurückhaltendere Teammitglieder ihre Perspektiven einbringen.

Strategisch kommunizieren

Überzeugend wirkt es, die eigenen Stärken transparent zu machen und zu verdeutlichen, dass ruhige Entscheidungsprozesse Teil des bewusst gewählten Führungsstils sind. In größeren Praxen kann zudem eine Rollenteilung erwogen werden: Während etwa eine extravertierte Praxismanagerin die Repräsentation nach außen übernimmt, fokussiert sich die ärztliche Leitung vermehrt auf Struktur und Strategie. So können sich unterschiedliche Persönlichkeitstypen optimal ergänzen.

Vier Strategien für introvertierte Praxisinhaber

Die Organisationsberaterin Dr. Jennifer Kahnweiler beschreibt vier Prinzipien der erfolgreichen introvertierten Führung:

  • Prepare: Schwierige Mitarbeitergespräche, Teamsitzungen oder Verhandlungen gut vorbereiten – mit Daten, klaren Optionen und definierten Grenzen.

  • Presence: Im Gespräch bewusst präsent sein: zuhören, Pausen zulassen und gezielt nachfragen.

  • Push: Sich dosiert sichtbar machen, etwa durch kurze und klare Botschaften im Team.

  • Practice: Situationen mit stärkerer Außenwirkung – wie Teamansprachen – gezielt trainieren, zum Beispiel im Coaching.

Stichwörter