Praxisbewertung: Gutachter nennt 5 zentrale Faktoren für eine realistische Wertermittlung
A&W RedaktionWer den Wert einer Arztpraxis bestimmen und unrealistische Preisvorstellungen vermeiden möchte, sollte auf eine fundierte Bewertung durch qualifizierte Sachverständige setzen. Denn bei Praxisverkäufen oder -übernahmen kommt es häufig zu erheblichen Differenzen zwischen Käufer und Verkäufer. Sachverständiger Frank Boos nennt die wichtigsten Kriterien, die bei der Praxisbewertung berücksichtigt werden sollten.
1. Neutrale Praxisbewertung als Grundlage
Eine objektive und unabhängige Bewertung ist entscheidend, um einen realistischen Praxiswert zu ermitteln. Ziel ist es, einen sogenannten Verkehrswert zu bestimmen, der den tatsächlichen Marktgegebenheiten entspricht. Ein qualifiziertes Gutachten:
reduziert Unsicherheiten in Verhandlungen
sorgt für eine nachvollziehbare Preisbasis
verhindert überhöhte oder zu niedrige Erwartungen
Gerade bei Praxisübernahmen kann eine neutrale Bewertung helfen, Konflikte frühzeitig zu vermeiden.
2. Bewertungsmethode nach aktuellen Marktbedingungen
Die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen verändern sich kontinuierlich – etwa durch regulatorische Vorgaben, Fachkräftemangel oder Veränderungen in der Patientenversorgung. Deshalb muss die Bewertungsmethode:
an die aktuellen wirtschaftlichen und strukturellen Gegebenheiten angepasst sein
regionale und fachliche Besonderheiten berücksichtigen
Marktentwicklungen einbeziehen
Eine Bewertung, die sich ausschließlich an veralteten Daten oder Methoden orientiert, kann zu erheblichen Fehlentscheidungen führen.
3. Individuelle Besonderheiten der Praxis berücksichtigen
Keine Arztpraxis ist mit einer anderen vollständig vergleichbar. Jede Praxis hat individuelle wirtschaftliche, strukturelle und organisatorische Merkmale. Dazu zählen unter anderem:
Patientenstruktur und Auslastung
Leistungsspektrum
Organisation und Effizienz
Personalstruktur
Einnahmenquellen
Für die Bewertung hat sich in der Praxis insbesondere die modifizierte Ertragswertmethode etabliert. Sie berücksichtigt:
zukünftige Ertragschancen
den sogenannten immateriellen Praxiswert (Goodwill)
die zeitliche Begrenzung dieser Erträge
Auch die Rechtsprechung hat diese Methode bestätigt. Der Bundesgerichtshof hat in einer Entscheidung vom 9. Februar 2011 (Az.: XII ZR 40/09) ihre Anwendung als sachgerecht anerkannt.
4. Standort als zentraler Wertfaktor
Der Standort spielt eine immer wichtigere Rolle bei der Bewertung von Arztpraxen. Dabei geht es nicht nur um die Adresse, sondern um das gesamte Umfeld. Wichtige Aspekte sind:
regionale Versorgungsstruktur
Wettbewerbssituation
demografische Entwicklung
Kaufkraft und Nachfrage
Infrastruktur und Erreichbarkeit
Fehleinschätzungen beim Standort können langfristig zu erheblichen Wertverlusten führen. Eine fundierte Standortanalyse ist deshalb ein zentraler Bestandteil jeder seriösen Praxisbewertung.
5. Fachgebiet der Praxis angemessen einordnen
Das medizinische Fachgebiet hat erheblichen Einfluss auf den Praxiswert. Unterschiede zeigen sich unter anderem in:
Ertragsmöglichkeiten
Investitionsbedarf
Personalstruktur
Nachfrageentwicklung
regulatorischen Rahmenbedingungen
Ein erfahrener Gutachter berücksichtigt diese Unterschiede und bewertet die Praxis nicht isoliert, sondern im Kontext ihres Fachgebiets und Marktes.