Kommunikation: Körpersprache im Praxisalltag bewusst einsetzen
Gülsen LimanSie denken, sie verhalten sich gegenüber Patienten und Praxisteam immer korrekt und niemand merkt ihnen Stress oder schlechte Laune an? Dann aufgepasst! Denn die Mimik und Gestik sagen mehr als tausend wohlgemeinte Worte. Welche Signale was verraten.
Man kann nicht nicht kommunizieren.
Mit diesem Satz brachte der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick eine Erkenntnis auf den Punkt: Kommunikation beginnt nicht erst, wenn wir sprechen, sondern bereits mit unserer inneren Einstellung, unserer Körperhaltung, unserem Blick, unserer Mimik und Gestik.
Gerade in der Arztpraxis spielt diese nonverbale Kommunikation eine große Rolle. Denn Menschen kommen selten entspannt in eine Praxis. Viele sind verunsichert, haben Schmerzen, warten auf Untersuchungsergebnisse oder sorgen sich um ihre Gesundheit. Ihr Gehirn ist in diesen Momenten besonders aufmerksam.
Es scannt die Umgebung innerhalb weniger Sekunden und stellt unbewusst eine entscheidende Frage: Bin ich hier sicher und gut aufgehoben? Die Antwort darauf gibt nicht zuletzt unsere Körpersprache. Aus der Kommunikationsforschung ist bekannt, dass etwa 55 Prozent unserer Botschaften durch Körpersprache vermittelt werden, 38 Prozent durch Stimmlage und Tonfall und nur 7 Prozent durch den reinen Inhalt des Gesagten.
Praxisbeispiel
Die Anmeldung ist stark frequentiert. Das Telefon klingelt. Gleichzeitig betritt eine Patientin die Praxis: Variante A – ohne aufzusehen: „Versichertenkarte bitte.“ Sachlich korrekt – aber ohne Beziehung. Variante B – kurz den Blick heben, ein freundliches Lächeln: „Herzlich willkommen. Einen kleinen Moment bitte – ich bin gleich für Sie da.“ Der Zeitaufwand unterscheidet sich kaum. Die Wirkung jedoch ist deutlich spürbar.
Gefühle schlagen Gedanken
Das Problem: Wenn wir selbst unter Stress stehen, übernimmt oft das sogenannte „Alarmnetzwerk“ im Gehirn die Führung. Die Folge: Unsere Körpersprache wird schneller, enger und unbewusst angespannter. Diese Signale entscheiden mit darüber, ob Menschen – egal ob Patient:innen, Kolleg:innen oder Chef:innen – eine Situation als sicher oder unsicher erleben. Sie erinnern sich später oft nicht an jedes Detail eines Gesprächs, aber sehr genau an das Gefühl, das sie dabei hatten: Wurde ich freundlich empfangen? Wurde ich ernst genommen? Hatte ich Vertrauen?
Im Praxisalltag bleibt oft wenig Zeit. Doch Wertschätzung braucht keine zusätzlichen Minuten, sondern bewusste Momente der Aufmerksamkeit. Ein kurzer Blickkontakt. Ein aufrichtiges Lächeln. Eine offene Körperhaltung. Eine ruhige Stimme. Diese kleinen Signale vermitteln dem Gegenüber: „Ich sehe Sie.“ Und genau dieses Gefühl wirkt direkt auf das Nervensystem. Denn emotionale Zustände übertragen sich. Begegnet uns jemand ruhig und zugewandt, sinkt häufig auch unser eigenes Stressniveau. Diese unbewusste Form der emotionalen Mitregulation geschieht ständig – in beide Richtungen.
Wo sich der Stress im Praxisalltag zeigt
Der Praxisalltag ist geprägt von hoher Taktung, Personalausfällen und parallelen Anforderungen. Stress gehört dazu. Doch Stress zeigt sich nicht nur in Worten, sondern vor allem im Körper:
im Gesichtsausdruck
in der Stimme
in der Geschwindigkeit der Bewegungen
im hörbaren Ausatmen
in einer angespannten Körperhaltung Patientinnen und Patienten nehmen diese Signale oft intuitiv wahr. Nicht bewusst, aber sehr deutlich.
Die gute Nachricht: Unser Nervensystem lässt sich beeinflussen. Schon wenige Sekunden bewusster Regulation können einen Unterschied machen. Ein ruhiger Atemzug aktiviert Prozesse im Gehirn, die für Beruhigung und Klarheit zuständig sind. Wenn ihr zusätzlich die Schultern lockert, den Blick hebt und den Kontakt bewusst herstellt, verändert sich nicht nur eure Körpersprache, sondern häufig auch die innere Haltung. Denn Ruhe entsteht nicht erst im Gespräch. Sie beginnt im eigenen System.
Körpersprache bewusst einsetzen
Blickkontakt schafft Vertrauen und Sicherheit
Eine ruhige Stimme wirkt regulierend
Offene Körperhaltung signalisiert Zugewandtheit
Ein echtes Lächeln stärkt Verbindung
Bewusste Pausen senken Stress im Gespräch
Kleine Gesten haben große Wirkung
Haltung sagt mehr als Worte
Die innere Haltung entscheidet
Menschen spüren sehr genau, ob ihnen jemand wirklich zugewandt ist. Sie erinnern sich selten an jedes gesprochene Wort. Aber sie erinnern sich daran, wie sie sich gefühlt haben. Ob sie willkommen waren, ob sie ernst genommen wurden, ob sie Vertrauen entwickelt haben. Nonverbale Kommunikation ist deshalb weit mehr als Körpersprache. Sie ist Ausdruck unserer inneren Haltung. Wer sich dieser Wirkung bewusst ist, gestaltet nicht nur Gespräche bewusster, sondern prägt aktiv die Atmosphäre einer ganzen Praxis. Denn Vertrauen entsteht oft nicht durch den perfekten Satz. Sondern durch einen offenen Blick, eine ruhige Präsenz und das Gefühl, wirklich gemeint zu sein. Ein freundlicher Satz verliert an Wirkung, wenn er genervt ausgesprochen wird. Ein ruhiger Blick kann dagegen mehr Sicherheit vermitteln als viele Worte. Deshalb lohnt sich immer wieder die Frage: Wie möchte ich meinem Gegenüber begegnen? Diese innere Ausrichtung beeinflusst die gesamte Kommunikation – oft stärker als jede Technik.
Gesten der Freundlichkeit
Diese Gesten kosten kaum Zeit, verändern aber die gesamte Atmosphäre:
den Blick bewusst vom Bildschirm lösen
Menschen mit Namen ansprechen
beim Zuhören Körper und Aufmerksamkeit zuwenden
ruhig und verständlich sprechen
kleine Pausen im Gespräch zulassen
bewusst lächeln und immer wieder nicken
Gespräche mit einem ruhigen Blick abschließen
Gülsen Liman
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