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Praxiswissen für MFA - MediTeam
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Derselbe chaotische Tag in der Praxis. Eine Person verlässt den Arbeitsplatz erschöpft und genervt, nimmt alles mit nach Hause. Die andere hatte denselben Stress, schaltet aber ab, sobald die Tür zufällt. Was macht den Unterschied?

Warum manche durchhalten und andere ausbrennen

Häufig ist es gar nicht die Belastung selbst, die einen Mitarbeiter ausbrennen lässt, während der andere die Situation scheinbar entspannt meistert. Beide haben dieselben schwierigen Patienten, dieselben Notfälle, denselben Zeitdruck, aber sie gehen unterschiedlich damit um. Psychologen nennen diese Fähigkeit Resilienz – die seelische Widerstandskraft gegen Belastungen. Lange dachte man, Resilienz sei angeboren. Heute wissen wir: Sie ist trainierbar wie ein Muskel. Wer also versteht, woraus sie besteht, kann sie gezielt aufbauen.

Was im Kopf passiert, wenn es stressig wird

Ein aggressiver Patient beschwert sich lautstark im Eingangsbereich und zwei anwesende Praxismitarbeiter erleben diese Situation völlig unterschiedlich. Die eine Person denkt: „Typisch, immer bin ich schuld. Das halte ich nicht mehr aus.“ Die andere denkt: „Der hat einen schlechten Tag. Das ist nicht persönlich gemeint. Gleich ist es vorbei.“

Diese inneren Sätze entscheiden über das jeweilige Stresslevel der beiden Personen. Denn häufig ist es nicht die Situation selbst, die uns krank macht, sondern wie wir sie interpretieren. Die erste Person fühlt sich als Opfer, die zweite behält die Kontrolle. Genau hier setzt Resilienztraining an. Wer ständig denkt „Ich schaffe das nicht“, „Das wird nie besser“, „Ich bin nicht gut genug“, untergräbt die eigene Widerstandskraft. Wer lernt, diese Muster zu erkennen und zu verändern, wird hingegen resilient.

Die drei unsichtbaren Schutzschilde gegen Burnout

Schild 1: Ich kann etwas bewirken

Resiliente Menschen sehen auch im größten Stress noch Handlungsspielräume für sich. Sie fragen nicht „Warum passiert mir das?“, sondern „Was kann ich tun?“ Im Praxisalltag: Vielleicht lässt sich die Wartezeit nicht verkürzen, aber Patienten können über die Gründe informiert werden und fühlen sich dann ernst genommen. Vielleicht lässt sich die Arbeitsbelastung nicht senken, aber die Pausen können bewusster zur Entspannung genutzt werden. Diese kleinen Einflussnahmen verändern nicht den Alltag, aber sie stärken das Gefühl von Kontrolle und damit die Psyche.

Schild 2: Das geht vorbei

Die chaotische Sprechstunde endet irgendwann. Die Grippewelle ebbt ab. Schwierige Phasen sind vorübergehend. Diese zeitliche Perspektive hilft durchzuhalten. Der bewusste Gegenentwurf zu Katastrophengedanken lautet: „Auch das geht vorbei.“

Schild 3: Es liegt nicht an mir

Resiliente Menschen nehmen nicht alles persönlich. Ein frustrierter Patient greift an – das hat oft nichts mit der eigenen Person zu tun. Diese Fähigkeit, zwischen berechtigter Kritik und fremder Übertragung zu unterscheiden, schützt das Selbstwertgefühl.

Schnelle Resilienz-Booster

Bei akutem Stress:

  • 4-7-8-Atmung: 4 Sek. einatmen, 7 Sek. halten, 8 Sek. ausatmen und das möglichst mind. eine Minute lang wiederholen

  • Kaltes Wasser über Handgelenke laufen lassen

  • 30 Sekunden nach draußen an die frische Luft gehen, mehrmals tief durchatmen

  • Kurzer Ortswechsel (Behandlungsraum verlassen)

Für zwischendurch:

  • Etwas finden, das heute gut lief und das gute Gefühl bewusst nochmal durchleben

  • Einem Teammitglied ein ehrliches Kompliment machen

  • Drei Dinge aufschreiben, die geklappt haben (Dankbarkeitstagebuch führen)

Nach schwierigen Situationen:

  • Negative Gedanken aufschreiben und symbolisch wegwerfen - oder gedanklich in einen Tresor schließen

  • Mit einer neutraler Person möglichst zeitnah über die Erfahrung sprechen

  • Körperlich abreagieren: Treppen steigen, Kniebeugen machen, kurz bewegen - das geht notfalls auch auf der Personaltoilette und hilft Stresshormone abzubauen

Emotionale Erschöpfung erkennen und stoppen

Aber egal, wie sehr man sich bemüht: Die Belastung in einer Praxis bleibt hoch. Wer täglich mit fremden (oft negativen) Emotionen umgehen muss, zahlt immer einen Preis. Steuert man nicht frühzeitig gegen, kann die Belastung schnell überhand nehmen. Achten Sie unbedingt auf diese Warnsignale: Sie können nicht mehr abschalten. Zuhause kreisen die Gedanken ständig um die Praxis. Sie werden zynisch. Kleine Probleme bringen Sie zum Weinen. Sie fühlen sich leer. Das sind Zeichen emotionaler Erschöpfung.

Gegensteuern heißt: Emotionale Grenzen setzen. Sie müssen nicht jedes Patientenschicksal an sich heranlassen. Mitgefühl ja, aber keine Überidentifikation. Diese professionelle Distanz ist keine Herzlosigkeit, sondern Selbstschutz.

Wenn nichts mehr hilft

Manchmal reicht individuelle Resilienz nicht. Wenn Arbeitsbedingungen objektiv unzumutbar sind – chronische Unterbesetzung, toxisches Arbeitsklima, strukturelle Überforderung – dann braucht es keine bessere Bewältigung, sondern Veränderung. Das kann bedeuten: Sie müssen mit Ihrem Vorgesetzten die überfälligen Gespräche über Arbeitsbelastung führen. Strukturen anpassen. Arbeitszeiten reduzieren. Im Extremfall: den Arbeitsplatz wechseln. Diese Schritte sind nicht Schwäche, sondern gesunde Selbstfürsorge. Auch professionelle Hilfe ist keine Schande. Wenn Erschöpfung chronisch wird, Schlaf dauerhaft gestört ist oder depressive Gedanken auftauchen, ist Therapie der richtige Weg.

Resilienz bedeutet nicht, alles aushalten zu können. Sie bedeutet zu erkennen, wo die eigenen Grenzen sind – und sie zu respektieren.

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