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Mangelernährung im Krankenhaus ist gerade bei hochbetagten Patient:innen ein weiterhin unterschätztes Risiko – mit direkten Folgen für Morbidität und Mortalität. Ein aktueller Cochrane Review unter Leitung von PD Dr. Eva Kiesswetter (Universitätsklinikum Freiburg) nimmt orale Ernährungsinterventionen bei älteren Menschen mit Mangelernährung oder Mangelernährungsrisiko während eines stationären Aufenthalts in den Blick und vergleicht verschiedene Strategien mit der üblichen Versorgung.

Evidenzbasierte Basis für Ernährungstherapie

Cochrane Deutschland

Cochrane Deutschland mit Sitz in Freiburg ist Teil der internationalen, gemeinnützigen Cochrane Collaboration. Das Netzwerk unabhängiger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erstellt systematische Übersichtsarbeiten zu medizinischen und gesundheitlichen Fragestellungen, die sogenannten Cochrane Reviews. Ziel ist es, die weltweite Studienlage transparent zusammenzufassen, deren Qualität zu bewerten und so eine verlässliche Grundlage für klinische und gesundheitspolitische Entscheidungen zu schaffen. Weitere Informationen: https://www.cochrane.de

Hintergrund: Mangelernährung als unterschätztes Risiko in der Klinik

Mangelernährung bedeutet, dass Betroffene zu wenig Energie oder Nährstoffe zuführen oder aufnehmen. Dies beeinflusst die Körperzusammensetzung und kann körperliche wie mentale Funktionen messbar beeinträchtigen. Besonders ältere Menschen sind im Krankenhaus häufig betroffen. Die German Hospital Malnutrition Studie zeigte bereits 2006, dass auf geriatrischen Stationen rund 56 % der Patientinnen und Patienten mangelernährt waren.

Die Folgen sind klinisch relevant: Nach Operationen kann sich die Wundheilung verzögern, Krankenhausaufenthalte können sich verlängern und die Sterblichkeit kann steigen. Fachgesellschaften und Experten fordern daher seit Jahren, Mangelernährung in Kliniken systematisch zu erfassen und die Ernährungstherapie konsequent zu stärken.

Vor diesem Hintergrund hat die Politik beschlossen, bis Ende 2027 verpflichtende Qualitätsvorgaben zu entwickeln. Geplant ist, dass Patienten bei stationärer Aufnahme systematisch auf Mangelernährung untersucht und bei Bedarf gezielt behandelt werden.

Ziel des Cochrane Reviews: Welche orale Unterstützung hilft älteren Patient:innen?

Der neue Cochrane Review von Kiesswetter et al. untersucht, welche Formen oraler Ernährungsunterstützung älteren, hospitalisierten Menschen mit Mangelernährung oder Mangelernährungsrisiko klinisch messbare Vorteile bringen können. Im Fokus stehen Patienten, die aufgrund einer akuten Erkrankung oder Verletzung stationär behandelt werden – etwa bei Hüftfrakturen oder internistischen Erkrankungen. Nicht eingeschlossen wurden Patienten mit Krebs, nach Schlaganfall, Dialysepflichtige sowie Intensivpatient:innen.

Eingeflossen sind 21 Studien mit insgesamt 3309 älteren Krankenhauspatient:innen, das mittlere Alter lag zwischen 75 und 85 Jahren. Untersucht wurden ausschließlich orale Ernährungswege, also keine Sonden- oder parenterale Ernährung. Als mangelernährt oder gefährdet galten Senioren, die nach etablierten Screeninginstrumenten oder anhand von Kriterien wie niedrigem BMI, ungewolltem Gewichtsverlust in den letzten drei Monaten oder unzureichender Nahrungsaufnahme in der Vorwoche entsprechend eingestuft waren.

Die Autoren führten eine Netzwerk-Metaanalyse auf Basis individueller Patientendaten durch, um verschiedene Ernährungsstrategien sowohl gegeneinander als auch gegenüber der Standardversorgung im Krankenhaus zu vergleichen.

Untersuchte Ernährungsmaßnahmen im Überblick

Im Review wurden folgende orale Ernährungsansätze meist mit der üblichen Krankenhauskost verglichen:

  • Spezielle medizinische Ernährungsprodukte in flüssiger oder fester Form, rechtlich definiert als „Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke“. In den meisten Studien kamen spezielle Trinknahrungen zum Einsatz. Diese Produkte sind in unterschiedlichen Formulierungen verfügbar, häufig eiweiß- und kalorienreich, und sollen den Energie- und Nährstoffbedarf bei medizinisch bedingtem Mehrbedarf vollständig oder ergänzend decken. Bei ärztlicher Verordnung werden sie in der Regel von den Krankenkassen finanziert.

  • Eiweißreiche Zusatzprodukte oder eiweißangereicherte Speisen.

  • Kalorienreiche Ergänzungsprodukte.

  • Individuelle Unterstützung bei den Mahlzeiten, zum Beispiel durch geschulte Hilfskräfte aus Pflege oder Ernährung.

  • Individuell ausgearbeitete Ernährungstherapien mit mehreren Bausteinen, etwa mit Unterstützung durch Diätassistenten oder andere Fachkräfte.

PD Dr. Eva Kiesswetter weist darauf hin, dass hochwertige Ernährungsstudien mit älteren, im Krankenhaus behandelten Menschen methodisch herausfordernd sind. Viele dieser Patienten leiden an mehreren Erkrankungen gleichzeitig und weisen zusätzliche körperliche Einschränkungen auf. Bereits vor der stationären Aufnahme können nachlassender Appetit, gastrointestinale Beschwerden, Kau- und Schluckstörungen oder Schwierigkeiten bei der Essenszubereitung zu einer unzureichenden Nahrungsaufnahme führen. Während einer akuten Erkrankung kann sich der Ernährungszustand weiter verschlechtern, etwa durch gesteigerten Bedarf oder eine verminderte Nährstoffaufnahme.

Zentrale Ergebnisse: Trinknahrung senkt Sterberisiko und schwere Komplikationen möglicherweise

Im Vergleich zur üblichen Krankenhausversorgung zeigt der Review Hinweise darauf, dass spezielle Trinknahrung als „Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke“ das Sterberisiko älterer Patienten mit Mangelernährung oder Mangelernährungsrisiko reduzieren kann.

  • Bei Standardversorgung starben 106 von 1000 Studienteilnehmern.

  • Unter Einsatz spezieller Trinknahrung waren es möglicherweise 57 Todesfälle weniger pro 1000 Patienten.

Diese Auswertung beruht auf drei Studien mit 910 Teilnehmenden. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz wird nach dem GRADE-System als „gering“ eingestuft. Auch bei schweren Komplikationen – etwa lebensbedrohlichen Ereignissen – deutet sich ein Vorteil der Trinknahrung an:

  • Unter herkömmlicher Versorgung traten bei 192 von 1000 Studienteilnehmern schwere Komplikationen auf.

  • Bei Patienten, die spezielle Trinknahrung erhielten, kam es möglicherweise zu 84 Fällen weniger pro 1000.

Hier flossen fünf Studien mit 465 Teilnehmenden ein, auch hier ist die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE als „gering“ bewertet.

Begrenzte Evidenz für andere Interventionen und Endpunkte

Für andere untersuchte Aspekte – darunter Lebensqualität, Dauer des Krankenhausaufenthalts, Körpergewicht oder Selbstständigkeit in Alltagsaktivitäten wie Ankleiden – zeigte sich im Vergleich zur Standardversorgung meist kein klarer Unterschied. Teilweise war die Evidenz so unsicher, dass keine belastbaren Schlussfolgerungen gezogen werden konnten.

Ähnlich sieht es bei den übrigen Ernährungsmaßnahmen aus, etwa bei eiweißreichen Zusatzprodukten, energiedichten Ergänzungen, individueller Hilfe bei den Mahlzeiten oder komplexen, individuell zugeschnittenen Ernährungstherapien: Auch hier ließ die Datenlage häufig keine verlässlichen Aussagen zu.

Beim direkten Vergleich der verschiedenen Formen der Ernährungsunterstützung untereinander ergab sich somit kein klares Bild. Die Netzwerk-Metaanalyse basierte vielfach auf wenigen Studien und kleinen Fallzahlen; nur zwei Studien verglichen unterschiedliche Interventionen direkt miteinander. Nach Einschätzung der Autor:innen erlaubt die vorhandene Evidenz daher derzeit keine belastbaren Rangfolgen zwischen den verschiedenen Ernährungsstrategien.

Für klinische Entscheidungen in der Geriatrie und Inneren Medizin bedeutet dies, dass orale Ernährungsinterventionen – insbesondere die Verwendung spezieller Trinknahrung – zwar Hinweise auf einen Nutzen bieten, dieser aber auf einer insgesamt begrenzten Evidenzbasis beruht.

Originalpublikation

Kiesswetter E, Schwarzer G, Stadelmaier J, Lohner S, Grummich K, Dagnelie PC, Beck AM, Beelen J, Botella-Carretero JI, Faxén-Irving G, Hickson M, Iff S, Johansen A, Sharma Y, Sorensen JM, Kaegi-Braun N, Wunderle C, Bongaerts B, Meerpohl JJ, Norman K, Schuetz P, Torbahn G, Visser M, Volkert D, Schwingshackl L. Oral nutritional interventions in hospitalised older people at nutritional risk: a network meta‐analysis of individual participant data. Cochrane Database of Systematic Reviews 2026, Issue 3. Art. No.: CD015468.

https://doi.org/10.1002/14651858.CD015468.pub2

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