Behandlungsfehler: Was die Statistik wirklich sagt
Judith MeisterJeder Behandlungsfehler ist einer zu viel. Darin sind sich alle Akteure im Gesundheitswesen einig. Doch wie lassen sich folgenschwere Fehler bestmöglich vermeiden? Ein neuer Vorschlag des Medizinischen Dienstes dürfte für Diskussionen sorgen.
Es ist ein bekanntes Ritual. Jedes Jahr, wenn der Medizinische Dienst der Krankenkassen seine Behandlungsfehlerstatistik veröffentlicht, ist das Medienecho groß. Auch in diesem Jahr sorgte schon die Überschrift der Pressemitteilung für viel Aufmerksamkeit: „Vermeidbare Gesundheitsschäden verursachen Milliardenkosten – Einsparpotenziale durch mehr Patientensicherheit nutzen.“
Auch wenn es allgemeiner Konsens ist, Behandlungsfehler bestmöglich zu vermeiden: Es stellt sich doch die Frage, ob die Zahlen wirklich Anlass zu einem Aufschrei geben. Derzeit nehmen laut KBV rund 192.000 Ärzte und Psychotherapeuten an der vertragsärztlichen Versorgung teil. Damit ergeben sich im Jahr etwa 578 Millionen ambulante Behandlungsfälle und etwa eine Milliarde Kontakte zwischen niedergelassenen Ärzten und ihren Patienten. Hinzu kommen rund 17,5 Millionen stationäre Behandlungen.
Angesichts dieser Menge machen sich die 11.735 fachärztlichen Gutachten, die der Medizinische Dienst zu vermuteten Behandlungsfehlern erstellt hat, vergleichsweise bescheiden aus. Das gilt erst recht, weil nur in 2.700 der betrachteten Fälle tatsächlich ein Patient durch ein ärztliches Fehlverhalten zu Schaden kam. Zwar legen einige Untersuchungen nahe, dass die Dunkelziffer höher ist und es pro Jahr 350.000 bis 700.000 Behandlungsfehler gibt. Doch selbst dann besteht kein Grund zum Alarmismus.
Ursachenforschung der Behandlungsfehler ist wichtig
Fakt ist aber auch, dass ärztliche Behandlungsfehler für vermeidbares menschliches Leid verantwortlich sein können – und zudem die Kosten im Gesundheitswesen weiter nach oben treiben können. Zum Beispiel, weil zusätzliche Behandlungen oder längere Krankenhausaufenthalte nötig werden. Es ist daher nachvollziehbar, dass Stefan Gronemeyer, Vorstandsvorsitzender des Medizinischen Dienstes Bund, eine Debatte darüber anregt, wie viele Ressourcen durch vermeidbare Schäden in Medizin und Pflege gebunden werden. Sein Plädoyer, ein obligatorisches, pseudonymisiertes und sanktionsfreies Meldesystem für schwere, aber eindeutig vermeidbare Schadensereignisse, sogenannte Never Events, einzuführen, ist daher eine ergebnisoffene Debatte wert.
In der Jahresstatistik 2025 stuften die Gutachter des Medizinischen Dienstes 150 Fälle (2024: 134) als Never Events ein. Dazu zählen schwerwiegende Medikationsfehler, unbeabsichtigt im Körper zurückgebliebene Fremdkörper nach Operationen sowie Patienten- und Seitenverwechslungen. Doch nicht nur Never Events beschäftigen die Gutachter. Es zeigt sich einmal mehr, dass der stationäre Sektor stärker im Fokus steht als der ambulante Bereich. In der aktuellen Jahresstatistik beziehen sich zwei Drittel aller erhobenen Behandlungsfehlervorwürfe auf Leistungen in der stationären Versorgung (7.633 Fälle). Ein Drittel (4.073 Fälle) entfällt auf den ambulanten Bereich.
Betrachtet man die Fachgebiete, verteilen sich die Fälle wie folgt: 29,6 Prozent der Vorwürfe betreffen die Orthopädie und Unfallchirurgie, 10,6 Prozent die Innere und Allgemeinmedizin, 9,4 Prozent die Frauenheilkunde und Geburtshilfe, 8,9 Prozent die Zahnmedizin und 8,2 Prozent die Allgemein- und Viszeralchirurgie. 6,6 Prozent der Vorwürfe beziehen sich auf Pflege; 26,7 Prozent der Vorwürfe entfallen auf 29 weitere Fachgebiete.
Diese Verteilung habe allerdings nichts mit der Qualität der Versorgung in den besonders betroffenen Bereichen zu tun, sagt Christine Adolph, Stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Medizinischen Dienstes Bayern. „Fehler bei chirurgischen Eingriffen sind für Patienten in der Regel leichter zu erkennen als zum Beispiel Medikationsfehler. Deshalb werden Fehler bei Operationen eher vorgeworfen als bei anderen Behandlungen.“