„Der biografische Stabwechsel – Praxisnachfolge neu denken“
Marzena SickingDer Generationenwechsel in Arztpraxen wird zunehmend zum Risiko: Viele Inhaberinnen und Inhaber sind kurz vor dem Ruhestand, doch die Nachfolge wird häufig spät angegangen. Warum dieser Schritt oft hinausgezögert wird und welche Rolle innere Haltung und Lebensphase dabei spielen, erläutert die Mentorin, Coachin und Autorin Ortrud Tornow im folgenden Interview.
Der demografische Wandel in der medizinischen Versorgung spitzt sich zu: Mehr als 40 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte in Deutschland sind bereits über 60 Jahre alt, doch nur ein kleiner Teil junger Mediziner rückt nach. Viele Praxen stehen damit vor einem Generationenwechsel, der nicht nur organisatorische, sondern vor allem persönliche Herausforderungen mit sich bringt. Warum die Übergabe einer Praxis so häufig hinausgezögert wird, welche Rolle innere Haltung und Lebensphase spielen – und wie es gelingt, Nachfolgeprozesse bewusster und konstruktiver zu gestalten –, darüber haben wir mit Ortrud Tornow gesprochen. Die erfahrene Beraterin begleitet seit Jahrzehnten Menschen und Organisationen in Entwicklungsprozessen und erklärt, warum Praxisnachfolge weit mehr ist als ein juristischer Akt.
Die aktuelle Ärztestatistik zeigt am Beispiel der Hausarztversorgung eine deutliche Schieflage: Über 40 Prozent der Ärztinnen und Ärzte sind 60 Jahre oder älter, während nur knapp acht Prozent unter 40 sind. In vielen Praxen wird das Thema lange verdrängt – oft bis kurz vor dem Kipppunkt. Wie erklären Sie sich das?
In vielen Fällen wird Nachfolge noch immer als rein juristischer oder organisatorischer Vorgang betrachtet – als etwas, das man irgendwann „regelt“. In Wirklichkeit ist sie aber ein biografischer Übergang. Das heißt: Zwei Lebensphasen treffen aufeinander. Auf der einen Seite eine Praxisinhaberin oder einen Praxisinhaber für den es zunehmend um Rückblick, Sicherung und Weitergabe geht. Auf der anderen Seite jemand, der gestalten, verändern und eigene Ideen einbringen möchte. Wenn diese innere Dimension nicht gesehen wird, wird dieser Schritt oft so lange aufgeschoben, bis er von außen erzwungen wird – durch Erschöpfung, Druck oder schlicht durch die Zeit.
Wie lässt sich mit den unterschiedlichen Haltungen „Bewahren“ und „Gestalten“ am besten umgehen?
Diese Unterschiede sind Ausdruck unterschiedlicher Lebensphasen. Die eine denkt stärker in Stabilität und Erfahrung, der andere in Entwicklung und Veränderung. Besonders erfolgreich sind oft Modelle, bei denen die Staffelübergabe schrittweise erfolgt und die bisherigen Inhaber noch zeitweise in der Praxis mitarbeiten. Eine schrittweise Übergabe trägt dem Rechnung, dass Veränderung ein Prozess ist – kein Zeitpunkt. Sie ermöglicht es, Erfahrung weiterzugeben und gleichzeitig Raum für Neues zu schaffen. Für die bisherige Inhaberin oder den bisherigen Inhaber bedeutet das, die eigene Rolle bewusst zu verändern: weg von der alleinigen Verantwortung, hin zur Begleitung. Für den Nachfolger oder die Nachfolgerin entsteht so die Chance, eine eigene Haltung zu entwickeln, statt einfach eine bestehende Struktur zu übernehmen.
Viele Praxisinhaber steigen heute früher aus – häufig aus Frust über Bürokratie, IT-Probleme und steigende Belastung. Wird der richtige Zeitpunkt für die Übergabe auch deshalb oft verpasst?
Ja, das kann passieren. Wenn die Belastung dauerhaft zu hoch ist, gerät die innere Balance aus dem Gleichgewicht. Menschen reagieren dann nur noch, statt bewusst zu agieren. In diesem Zustand wird es schwierig, gute Entscheidungen zu treffen – vor allem Entscheidungen, die Weitblick erfordern. Wenn durch Frust und Stress innere Klarheit fehlt, wird der Ausstieg oft nicht dann vollzogen, wenn er sinnvoll wäre – sondern dann, wenn es nicht mehr anders geht.
Über Ortrud Tornow
Ortrud Tornow begleitet seit über 30 Jahren Menschen und Unternehmen in Entwicklungsprozessen mit dem Fokus auf Kommunikation, Führung und Potenzialentfaltung. Ihr Ansatz verbindet praxisnahe Methoden mit der lebensphasenbiografischen Perspektive, also der bewussten Betrachtung der unterschiedlichen Lebensphasen von Menschen, und stärkt die Zusammenarbeit über Generationen hinweg. Sie ist Autorin der Bücher „Mein Weg zur Selbstbestimmung“ und „Kommunikation, die bewegt“.
Welche Rolle spielt bei der Auswahl der richtigen Person das Alter? Woran erkennt man, wer jenseits von Facharztqualifikation und Lebenslauf die nötige Reife hat, um eine Praxis erfolgreich zu übernehmen?
Innere Reife zeigt sich weniger im Lebenslauf als im Verhalten. Zum Beispiel daran, wie jemand mit Unsicherheit umgeht. Ob er bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Ob er zuhören kann – oder nur überzeugen will. Ein reifer Nachfolger ist in der Lage, unterschiedliche Perspektiven zu integrieren. Er muss nicht immer recht haben, sondern ist bereit, gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln. Das wird im Gespräch sehr schnell sichtbar – wenn man nicht nur auf Fachliches achtet, sondern auf Haltung.
Von Bürokratie und Dauerbelastung, die in vielen Praxen zur Erschöpfung führen, war schon die Rede. Wie lässt sich verhindern, dass sich Frust und Ermüdung auf Gespräche mit potenziellen Nachfolgern übertragen – und damit den Übergabeprozess belasten?
Der wichtigste Schritt ist, sich dieses Zustands überhaupt erst bewusst zu werden. Wer dauerhaft unter Druck steht, kommuniziert anders – oft härter, ungeduldiger oder resignierter. Das wirkt sich unmittelbar auf Gespräche aus. Deshalb ist es sinnvoll, vor wichtigen Entscheidungen innezuhalten und zu klären: Was ist gerade eigentlich mein Zustand? Erst wenn wieder eine gewisse innere Balance da ist, entstehen Gespräche auf Augenhöhe. Und genau die sind die Grundlage für eine gelingende Nachfolge.
Viele Praxisinhaber haben Sorge, mit der Abgabe nicht nur ihre Praxis, sondern auch einen Teil ihrer Identität zu verlieren. Wie gelingt dieser Schritt – auch emotional?
Diese Sorge ist sehr verständlich, schließlich war die Praxis für viele Ärztinnen und Ärzte über Jahrzehnte ein zentraler Teil ihres Lebens. Sie steht für Verantwortung, für Beziehungen, für eine Aufgabe im Leben, für Sinn. Der Übergang gelingt dann, wenn man ihn nicht als Verlust versteht, sondern als nächsten Abschnitt des eigenen Berufslebens. Es geht nicht darum, etwas wegzugeben – sondern etwas weiterzugeben. Und gleichzeitig Raum zu schaffen für das, was danach kommt.
Wie kann die lebensphasenbiografische Perspektive – also der Blick auf die unterschiedlichen Lebensphasen von Menschen – ganz konkret helfen, einen passenden Nachfolger zu finden – also jemanden, der nicht nur fachlich passt, sondern auch in seiner Haltung und Entwicklung?
Indem man die zentrale Frage erweitert. Nicht nur: „Was kann jemand?“ Sondern auch: „Wie denkt und handelt diese Person – und was bringt sie in das bestehende Team ein?“ Braucht die Praxis gerade mehr Stabilität oder mehr Veränderung? Mehr Struktur oder mehr Impuls? Diese Perspektive hilft, bewusster zu entscheiden – und nicht nur nach Lebenslauf oder Sympathie.
Welche Rolle spielt nach Ihrer Erfahrung die Kommunikation, wenn Nachfolgen scheitern?
Viele Gespräche drehen sich um Zahlen, Verträge und Abläufe. Gleichzeitig wird kaum darüber gesprochen, wie man miteinander arbeitet, welche Erwartungen es gibt oder wo Unsicherheiten liegen. Die Beziehungsebene wird unterschätzt, auch in Bezug auf das bestehende Praxisteam. Wenn diese Ebene ungeklärt bleibt, entstehen Missverständnisse – selbst bei fachlich guten Lösungen. Gelingende Nachfolge braucht deshalb beides: Klarheit in der Sache und Klarheit in der Beziehung.
Welche wirtschaftlichen oder organisatorischen Fehler beobachten Sie in Nachfolgeprozessen besonders häufig – und wie lassen sie sich vermeiden?
Ein häufiger Fehler ist, zu einseitig zu denken. Entweder wird alles auf Sicherheit ausgerichtet – dann fehlt die Weiterentwicklung. Oder es wird alles auf Veränderung gesetzt – dann fehlt die Stabilität. Beides kann wirtschaftlich problematisch werden. Die Herausforderung besteht darin, beides auszubalancieren: Bewährtes zu sichern und gleichzeitig Neues zu ermöglichen.
Wenn Sie zum Schluss einen einzigen Rat geben dürften: Was sollten Ärztinnen und Ärzte jetzt tun, wenn sie ihre Praxis in den nächsten Jahren übergeben wollen?
Fangen Sie früh an – nicht organisatorisch, sondern innerlich. Nehmen Sie sich Zeit, Ihre eigene Situation zu reflektieren: Wo stehe ich? Was will ich weitergeben? Was kommt danach? Wer diese Fragen früh klärt, gestaltet den Übergang aktiv – statt von ihm überrascht zu werden.