Herzinfarkt bei Frauen: Der individuelle Infarkt
Marcus SefrinUngefähr gleich viele Frauen wie Männer sterben in Deutschland am Herzinfarkt. Und doch gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede, die für Prävention, Diagnostik und Therapie relevant sein können.
Der Herzinfarkt zählt zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland mit rund 44.000 Sterbefällen, rund 186.000 Patienten pro Jahr werden wegen Herzinfarkt vollstationär behandelt.[1] Betroffen sind auch Frauen, und zwar mit rund 20.000 Infarkt-Todesfällen pro Jahr nur unwesentlich seltener als Männer. Trotzdem wird die Gefahr eines Herzinfarkts bei Frauen oft immer noch unterschätzt und Symptome häufig übersehen – von den Betroffenen selbst und von den Behandlern.[2] Dabei gilt für beide Geschlechter, dass sowohl Art als auch Schwere der Infarktsymptome individuell unterschiedlich sein können, was die Diagnose erschweren kann.
Frauen: Höheres Sterberisiko bei Herzinfarkt
Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau ihren Herzinfarkt nicht überlebt, ist doppelt so hoch wie beim Mann. In einer Studie, die im Mai 2023 beim Kongress der European Society of Cardiology (ESC) vorgestellt wurde, waren 30 Tage nach einem Herzinfarkt knapp fünf Prozent der betroffenen Männer gestorben und knapp zwölf Prozent der Frauen. Die Ursachen sind vielschichtig. Gerade bei älteren Frauen sind die Herzinfarktsymptome weniger charakteristisch. Der typische Brustschmerz, der auch in verschiedene Körperregionen ausstrahlen kann, kommt generell zwar bei Frauen ähnlich häufig vor wie bei Männern, macht sich aber manchmal weniger heftig bemerkbar. Frauen berichten eher von einem Druck- oder Engegefühl in der Brust. Viele dieser Beschwerden können zum Beispiel mit einer harmlosen Magenverstimmung verwechselt werden. Die MEDEA-Studie des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung hat allerdings gezeigt, dass das Fehlen von Brustschmerz ein Alterseffekt und nicht typisch weiblich ist – der fehlende Brustschmerz konnte bei älteren Männern annähernd so oft beobachtet werden wie bei älteren Frauen.[3] Auch bei Übelkeit und Erbrechen konnte die Studie keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern feststellen.
Statistisch haben Frauen beim Herzinfarkt mehr Begleitsymptome. Sie sind oft nicht spezifisch, Beispiele sind Atemnot sowie Angstzustände oder eine unerklärliche, starke Müdigkeit. Plötzliche Kiefer-, Nacken- oder Rückenschmerzen zwischen den Schulterblättern sowie Schmerzen im Oberbauch werden ebenfalls als Beschwerden genannt, die bei Frauen auf einen Herzinfarkt deuten können.
Herzinfarkt: Frauen in der Menopause besonders gefährdet
Ein relevanter Unterschied ist, dass Herzinfarkte bei Frauen statistisch gesehen zehn Jahre später als bei Männern auftreten. Wendepunkt ist die Menopause: Vor den Wechseljahren profitieren Frauen von einem schützenden Effekt der Östrogene, die auch Entzündungsreaktionen und die Blutgerinnung beeinflussen und erweiternd auf die Blutgefäße wirken. Auf diese Weise können Östrogene vor der Bildung von arteriosklerotischen Ablagerungen in den Gefäßen schützen und vor einer koronaren Herzkrankheit bewahren. Nach der Menopause steigt das Infarktrisiko dann bei Frauen rascher an als bei Männern.
Ältere Frauen leben häufig allein und haben dann im Notfall niemanden, der Hilfe holen könnte. Auch sind sie oft zurückhaltender und möchten ihren Mitmenschen nicht zur Last fallen. Nach der MEDEA-Studie verging bei Frauen über 65 Jahren mit Symptomen eines Herzinfarktes im Schnitt über viereinhalb Stunden, bis sie in die Notaufnahme kommen – bei Männern gleichen Alters dauert es nur dreieinhalb Stunden.
Warum werden Frauen seltener reanimiert?
Frauen werden im Notfall seltener reanimiert. Als ein Grund werden Berührungsängste genannt.[4] Eine einfache Forderung zur Verbesserung der Erstversorgung sind daher Erste-Hilfe-Kurse mit weiblichen Reanimationspuppen, um Hemmschwellen abzubauen. Forscher der Harvard Business School haben in einer Studie gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, an einem Herzinfarkt zu sterben bei Frauen höher ist, wenn sie von jüngeren männlichen Ärzten behandelt werden – und nicht von Ärztinnen oder von älteren männlichen Ärzten, die mehr Erfahrung haben.
Der Einfluss der fünf bekannten Risikofaktoren von Herz-Kreislauf-Erkrankung – Bluthochdruck, Diabetes, Hypercholesterinämie, Rauchen sowie Übergewicht und Adipositas – ist bei Frauen größer als bei Männern. Im Umkehrschluss bedeutet das ein besonders großes Potenzial für Prävention bei Frauen. Denn auch bei Frauen können die Risikofaktoren zu einem Infarkt schon in jüngeren Jahren, in den 40er oder 50ern, führen. Und die Zahl der akuten Koronarsyndrome bei jüngeren Frauen nimmt zu.
Lipidsenkende Therapie wird bei Frauen vernachlässigt
Das Präventionspotenzial wird aber nicht konsequent genutzt. Frauen mit atherosklerotisch bedingter Herz-Kreislauf-Erkrankung, die durch Allgemeinmediziner betreut werden, erhalten aber häufiger gar keine lipidsenkende Therapie und haben entsprechend höhere LDL-Cholesterin-Werte.[5] Zum Aktionstag für Frauenherzgesundheit 2026 hat die Forschungsdatenplattform Honic in anonymisierten Versorgungsdaten die Versorgungslücke zwischen Männern und Frauen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen untersucht. Eine Analyse der Laborergebnisse von mehr als zwei Millionen Männern und Frauen aus Bayern fand dabei, dass bei Frauen seltener diagnostische Tests von Blutfetten durchgeführt wurden. Dabei steigt nach der Menopause auch die Konzentration des LDL-Cholesterins, gleichzeitig nimmt das HDL-Cholesterin ab. Bekannt ist zudem, dass Männer durch Sport wesentlich besser ihre Blutfettwerte senken können als Frauen, um bis zu 20 Prozent
Menschen mit Diabetes haben ein deutlich erhöhtes Herzinfarktrisiko. Bei Männern ist es zwei- bis vierfach erhöht, bei Frauen sogar um das Sechsfache. Als Gründe für diese stärkere Risikoerhöhung werden Unterschied bei Komorbiditäten wie Übergewicht und chronische Entzündungen sowie ungünstige Veränderungen im Gerinnungssystem und in der Endothelfunktion diskutiert.[6] Auch kann Diabetes in Folge von neuropathischen Schäden dazu führen, dass Schmerzen als typische Warnsignale eines Herzinfarktes nicht wahrgenommen werden können und die Diagnose sich so verzögert.
Frauen leiden häufiger an psychischen Erkrankungen
Frauen leiden häufiger an psychischen Erkrankungen, die kardiovaskuläre Erkrankungen mit sich ziehen und erwiesenermaßen prognostisch ungünstig sind.[7] Als ein Grund wird die Doppelbelastung aus Beruf und Familien genannt. Stress wurde auch in der VIRGO-Studie als wichtiger Risikofaktor für das Auftreten und den schlechten Verlauf eines Myokardinfarktes bei Frauen identifiziert.[8]
Das Bewusstsein für das kardiovaskuläre Risiko beeinflusst sowohl bei Patienten als auch bei Ärzten die Bedeutung, die Symptomen beigemessen wird, und kann ein Grund für Verzögerungen in der Diagnosestellung sein.
Auch Geschlechterunterschiede in der Pathophysiologie der kardialen Ischämien können klinisch relevant sein. Bei Frauen liegt häufiger als bei Männern eine nicht-obstruktive KHK vor, die auch mit relevanten Ischämien und Symptomen einhergehen kann. Die Plaque-Last als alternativer Risikoprädiktor zum Stenosegrad spielt bei Frauen eine noch größere Rolle als bei Männern. Je nach Bildgebungsstrategie kann dies zu Unterschieden in der Diagnose und Versorgung führen.
In der Theorie unterscheidet sich die Therapie des Herzinfarkts bei Frauen und Männer derzeit nicht.[9] In der Praxis haben Studien Unterschiede bei der Häufigkeit von perkutanen Koronarinterventionen (PCI) zur Wiederherstellung der Sauerstoffversorgung des Herzmuskels nach dem Gefäßverschluss gezeigt, zu welchem Anteil diese auf klinische Unterschiede zurückzuführen sind, ist offen.[10] Bei Frauen kommt es bei der PCI leichter zu Komplikationen, als ein Grund wird angegeben, dass die Gefäße etwas kleiner und empfindlicher sind als bei Männern.
Auch die Auswahl der Medikamente und ihre Dosierung unterscheidet sich nicht – bisher. Denn zur Herzgesundheit mangelt es an geschlechterspezifischen Erhebungen, Studienauswertungen und systematischer Berichterstattung. Frauen sind in großen klinischen Studien häufig unterrepräsentiert, sodass eventuelle Unterschiede bei Wirkungen und Nebenwirkungen nicht evident werden. In der Versorgungsrealität nötige Dosisanpassungen können dann als Off-Label-Use gelten und wiederum zu einer Unterversorgung von Frauen führen, wenn Regresse gefürchtet werden. Bekannt ist, dass einige häufig gebrauchte Betablocker geschlechtsspezifisch über CYPp450-Isoenzyme metabolisiert werden, was zur Akkumulation bei Frauen führen kann. Antikoagulanzien müssen unter Umständen vor und nach Katheterintervention an das Körpergewicht und die Nierenfunktion bei Frauen angepasst werden, um Blutungskomplikationen zu vermeiden.
Quellen:[1] Deutsche Herzstiftung (Hrsg.), Deutscher Herzbericht – Update 2025, September 2025
[2] Banco D et al. J Am Heart Assoc 2022;11:e024199; DOI: 10.1161/JAHA.121.024199
[3] Ladwig KH et al. Am J Cardiol 2017; DOI: 10.1016/j.amjcard.2017.09.005
[4] Perman SM et al. Circulation 2019;139:1060–1068
[5] Weingärtner O et al. Clin Res Cardiol 2025; https://doi.org/10.1007/s00392-025-02751-z
[6] Donahue RP et al. Diabetes Care 2007;30:354–359
[7] Wedegartner SM, Kindermann I. Pid – Psychotherapie im Dialog 2021;22:54–58; https://doi.org/10.1055/a-1215-0861
[8] Xu X et al. Circulation 2015;131:614–623
[9] Byrne RA et al. European Heart Journal 2023;44:3720–3826
[10] Sambola A et al. European Cardiology Review 2023;18:e06; https://doi.org/10.15420/ecr.2022.24