Fatigue nach Krebstherapie: Erschöpfung bleibt ein Thema
Marcus SefrinEin systematisches Fatigue-Screening ist im Rahmen der onkologischen Nachsorge auch viele Jahre nach Abschluss der Therapie noch notwendig, wie eine aktuelle Studie mit 6.000 Langzeitüberlebenden zeigt.
Fatigue tritt während der aktiven Therapie einer Krebserkrankung bei bis zu 85 Prozent der Patienten auf. Mit dem Ende der Behandlung geht dieses anhaltende Gefühl körperlicher, geistiger und emotionaler Erschöpfung zwar zurück, doch das gilt nicht für alle: Je nach Studie empfanden zwischen 20 und 60 Prozent der Krebsüberlebenden auch lange nach Abschluss der Therapie noch eine Fatigue.
Multidimensionalität der Fatigue: Affektive, kognitive und körperliche Aspekte
Es besteht Unklarheit darüber, ob die drei Domänen der Fatigue – affektive, kognitive und körperliche – verschiedene Formen eines einzigen Phänomens im Sinne eines multidimensionalen Konzepts sind oder ob Fatigue ein Sammelbegriff für diese verschiedenen Symptome ist. Vor diesem Hintergrund haben Forscher anhand von Daten der bevölkerungsbasierten CAESAR-Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums untersucht, wie prävalent die drei Domänen der Fatigue und Fatigue insgesamt bei Langzeitüberlebenden von Brust-, Prostata- und kolorektalem Krebs sind, welche Risikofaktoren es für affektive, kognitive und körperliche Fatigue gibt und ob ein Zusammenhang mit der Gesamtmortalität besteht. Die Forscher verglichen in ihrer Arbeit über 6.000 Langzeitüberlebende fünf bis 16 Jahre nach der Diagnose mit einer alters- und geschlechtsgematchten Kontrollgruppe aus der Allgemeinbevölkerung.
Fatigue Assessment Questionnaire (FAQ): Erfassung der Symptome
Die Teilnehmer hatten im Rahmen der CAESAR-Studie in den Jahren 2009 bis 2011 per Post den Fatigue Assessment Questionnaire (FAQ) beantwortet. Dieser umfasst insgesamt 20 Items, elf zu körperlichen, fünf zu affektiven und drei zu kognitiven Aspekten der Fatigue; ein Item erfasst nächtliche Schlafprobleme.
Risikofaktoren und Prognose: Fatigue als unabhängiger Mortalitätsfaktor
„Fatigue ist kein einheitliches Symptom“, betont Dr. Melissa Thong, Erstautorin der Studie. „Wir konnten zeigen, dass körperliche, kognitive und affektive Fatigue unterschiedliche Risikofaktoren haben und auch verschieden stark mit der Sterblichkeit zusammenhängen.“ Besonders häufig betroffen waren jüngere Überlebende, Personen mit niedriger Bildung, depressive Patienten sowie solche mit mehreren Begleiterkrankungen. Auch Lebensstilfaktoren wie Bewegungsmangel, Übergewicht und Rauchen trugen wesentlich zur Fatigue bei.
Häufigkeit von Fatigue und Schlafproblemen bei Krebsüberlebenden
Rund 34 bis 39 Prozent der Überlebenden von Krebserkrankungen berichteten von anhaltenden Erschöpfungssymptomen, 63 Prozent von Schlafproblemen; in der Allgemeinbevölkerung zeigten 28 bis 33 Prozent eine Fatigue und 47 Prozent Schlafprobleme.
Zusammenhang zwischen Fatigue und Mortalität: Ergebnisse der CAESAR-Studie
Symptome einer Fatigue zeigten eine starke Assoziation mit der Mortalität, mit einer unadjustierten Hazard Ratio (HR) zwischen 1,48 (kognitive Fatigue) und 2,40 (körperliche Fatigue). Eine Adjustierung, unter anderem für Lebensstil, Komorbiditäten und depressive Symptome, führte zu etwas niedrigeren HRs, doch nach wie vor erwiesen sich die affektive und insbesondere die körperliche Fatigue als unabhängige Risikofaktoren für die Mortalität. Letztere wies im Modell mit den umfangreichsten Adjustierungen immer noch eine HR von 1,66 auf.
Langfristige Nachsorge: Individuelle Betreuungskonzepte erforderlich
Für die Autoren unterstreichen die Ergebnisse die Notwendigkeit eines systematischen Fatigue-Screenings im Rahmen der onkologischen Nachsorge – und das auch viele Jahre nach Abschluss der Behandlung. Solche langfristigen Betreuungskonzepte müssten psychosoziale, körperliche und medizinische Aspekte umfassen und personifiziert auf die Bedürfnisse des Patienten ausgerichtet sein.
Therapieoptionen bei Fatigue: Bewegung als wichtigste Maßnahme
Einen Goldstandard gibt es bei der Therapie der Fatigue nicht. Bewegung ist nach den vorliegenden Daten am effektivsten bei Prävention und Linderung. Dies gilt in den Phasen der aktiven Behandlung und danach. Pharmakologische Fatigue-Therapien zeigten in Metaanalysen, verglichen mit Bewegung und psychologischen Interventionen, die geringste Effektivität.
Thong MSY et al. Br. J. Cancer 2025;doi:10.1038/s41416-025-03116-z