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Onkologie
Inhaltsverzeichnis

Die Leitlinie bewertet insgesamt elf besondere Ernährungsformen, darunter vegane und ketogene Kost sowie die Diäten nach Budwig oder Breuß. Die Fachgesellschaften kommen zu dem Schluss:

  • Für stark einschränkende Ernährungsformen liegt kein wissenschaftlicher Nachweis eines therapeutischen Nutzens vor.

  • Gleichzeitig besteht durch die reduzierte Energie- und Nährstoffzufuhr ein erhöhtes Risiko für Mangelernährung und weiteren Gewichtsverlust.

Für vegetarische oder vegane Ernährung trifft die Leitlinie keine Empfehlung in die eine oder andere Richtung, weil bisher belastbare Daten fehlen. Sie betont jedoch, dass diese Kostformen bei onkologischen Patientinnen und Patienten sorgfältig geplant werden müssen, um Nährstoffdefizite zu vermeiden.

Mangelernährung beeinflusst den Krankheitsverlauf

Viele Menschen mit Krebs verlieren durch Erkrankung oder Therapie an Gewicht. Die Leitlinie weist darauf hin, dass der Ernährungszustand maßgeblich den Behandlungsverlauf und die Verträglichkeit der Therapie beeinflusst. Professorin Jutta Hübner (Universitätsklinikum Jena), die die Überarbeitung koordinierte, betont:„Wird nicht rechtzeitig gegengesteuert, drohen Komplikationen, Therapieversagen und im schlimmsten Fall der Tod durch Mangelernährung.“

Neues Kapitel: Ernährung bei Tumoroperationen

Erstmals enthält die Leitlinie ein eigenes Kapitel zur Ernährung im Zusammenhang mit onkochirurgischen Eingriffen. Die neuen Empfehlungen sehen unter anderem vor:

  • den Ernährungsstatus vor und nach großen Operationen systematisch zu erfassen

  • künstliche Ernährung frühzeitig einzuleiten, wenn mehrere Tage keine orale Ernährung möglich ist

  • bei hohem Risiko eine präoperative Ernährungstherapie durchzuführen – auch dann, wenn sich dadurch der Eingriff verschiebt

Damit unterstreicht die Leitlinie die Bedeutung einer strukturierten Ernährungsbetreuung im chirurgischen Behandlungsverlauf.

Palliativversorgung: Ernährung an Therapiezielen ausrichten

Für die Palliativphase empfiehlt die Leitlinie, regelmäßig zu prüfen, ob eine enterale oder parenterale Ernährung noch den individuellen Therapiezielen entspricht. Entscheidungen sollen gemeinsam mit Patientinnen, Patienten und Angehörigen getroffen und bei Bedarf angepasst werden.

Um Konflikte zwischen Betroffenen und Angehörigen zu vermeiden, empfiehlt die Leitlinie eine klare, proaktive und empathische Kommunikation durch das Fachpersonal. Bei Ernährungsstörungen sollten grundsätzlich qualifizierte Ernährungsfachkräfte eingebunden werden.

Leitlinie umfassend überarbeitet – weitere Themen folgen

Die S3-Leitlinie wurde nach zehn Jahren vollständig aktualisiert und erstmals in das Leitlinienprogramm Onkologie integriert. Federführend beteiligt waren die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM), die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) sowie die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG), unterstützt von 43 weiteren Fachgesellschaften und Organisationen. Im nächsten Aktualisierungsschritt sollen unter anderem Ernährung bei Radio‑ und systemischer Tumortherapie sowie Screeningverfahren zur Mangelernährung weiter vertieft werden.

Die neue S3-Leitlinie ist auf dieser Webseite abrufbar https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/ernaehrung-und-ernaehrung... oder im Leitlinien-Hub unter https://hub.leitlinienprogramm-onkologie.de/

Häufige Mythen zur Ernährung bei Krebs

Mythos 1: „Man kann den Krebs aushungern.“

Fakt: Die Leitlinie betont, dass Fastenprogramme keinen wissenschaftlich belegten Nutzen haben. Sie erhöhen jedoch das Risiko für Mangelernährung, die den Krankheitsverlauf verschlechtern kann.

Mythos 2: „Ketogene Ernährung stoppt das Tumorwachstum.“

Fakt: Für ketogene Diäten gibt es laut Leitlinie keine belastbaren Daten, die einen therapeutischen Vorteil belegen. Die starke Einschränkung der Nahrungszufuhr birgt das Risiko von Nährstoffmängeln.

Mythos 3: „Die Breuß- oder Budwig-Diät kann Krebs heilen.“

Fakt: Die Leitlinie rät klar von beiden Diäten ab. Es gibt keine Evidenz für einen Nutzen, aber ein erhebliches Risiko für Mangelernährung.

Mythos 4: „Vegane oder vegetarische Ernährung ist automatisch gesund für Krebspatient*innen.“

Fakt: Die Leitlinie spricht weder eine Empfehlung dafür noch dagegen aus. Verlässliche Studien fehlen. Ohne sorgfältige Planung besteht das Risiko von Nährstoffdefiziten.

Mythos 5: „Nahrungsergänzungsmittel sind bei Krebs unbedingt notwendig.“

Fakt: Die Pressemitteilung äußert sich nicht zu Nahrungsergänzungsmitteln. Die Leitlinie macht deutlich: Entscheidend ist der Ernährungszustand – Zusatzpräparate sind nur bei nachgewiesenem Mangel indiziert.

Mythos 6: „Mangelernährung ist harmlos.“

Fakt: Die Leitlinie betont, dass Mangelernährung zu Komplikationen, Therapieabbrüchen und im schlimmsten Fall zum Tod führen kann. Sie sollte unbedingt vermieden werden.

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