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Pädiatrie
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Die Ätiologie der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist noch nicht ausreichend geklärt. Nach den Daten der aktuellen Leitlinie unterliegt die Erkrankung heterogenen Bedingungen und wird von verschiedenen, sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren gesteuert. Vor allem genetische Prädispositionen und Umwelteinflüsse, die prä-, peri- und postnatal auf die strukturelle und funktionelle Hirnentwicklung einwirken, sind von Bedeutung. 

Familiäre Häufung und genetische Disposition

Diese Annahme untermauern Untersuchungen, die zeigen, dass ADHS familiär gehäuft auftritt. Dabei haben Verwandte ersten Grades ein doppelt bis achtfach erhöhtes Risiko, ebenfalls an ADHS zu erkranken, und bei Geschwistern oder Eltern erkrankter Kinder liegt der Anteil Betroffener zwischen null und 35 Prozent. Auch Zwillings- und Adoptionsstudien bestätigen, dass die familiäre Häufung wesentlich auf genetische Faktoren zurückzuführen ist. 

Neue Studien: Bedeutung seltener High-Effect Genetic Variants

Die Ergebnisse einer aktuellen internationalen Studie geben nun Einblick, wie seltene genetische Varianten in Nervenzellen die Gehirnentwicklung beeinflussen und wie kognitive und Bildungsleistungen bei ADHS-Betroffenen damit assoziiert sind. Während nach bisherigen Kenntnissen der ADHS tausende genetische Varianten zugrunde liegen, die jedoch die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Entwicklung eher gering erhöhen, deckte die Studie auf, dass seltene, stark wirkende genetische Varianten, sogenannte High-Effect Genetic Variants, große Bedeutung für die Ausprägung der Erkrankung haben. 

Internationale Kooperation: Studiendesign und Teilnehmerzahl

Das Studienprojekt lag leitend in den Händen einer Wissenschaftlergruppe der Universität Aarhus, Dänemark, und wurde in Kooperation mit anderen internationalen Partnern wie auch dem Universitäts­klinikum Würzburg (UKW) umgesetzt. 

In die aktuelle Studie flossen genetische Analysen von fast 9.000 Personen mit ADHS und von 54.000 Personen ohne ADHS ein. Diese wurden mit Analysen der Gehirnzellfunktion und Registerdaten zu Bildung und sozioökonomischem Status kombiniert. Die Würzburger Forscher steuerten die diagnostische Evaluierung sowie Biomaterial von fast 1.000 erwachsenen Patienten mit ADHS bei. 

Zentrale Studienergebnisse: Erhöhtes ADHS-Risiko durch Genvarianten

Die Forscher fanden heraus, dass Personen mit seltenen Varianten in den drei Genen MAP1A, ANO8 und ANK2 ein deutlich erhöhtes ADHS-Risiko aufweisen, zum Teil um mehr als das 15-Fache. Diese Varianten beeinflussen insbesondere die Funktion dopaminerger und GABA-erger Neurone, jene Zelltypen, die für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Motivation eine große Rolle spielen. Die Veränderungen waren bereits ab dem fetalen Leben bis ins Erwachsenenalter nachweisbar.

Zusammenhang mit kognitiver Leistungsfähigkeit und Sozialstatus

Die seltenen genetischen Varianten bestimmen nicht nur mit, welcher Mensch ADHS entwickelt, sondern können wohl auch in einem Zusammenhang mit dem Bildungs- und Berufsweg des Betroffenen stehen. So stellte sich heraus, dass Personen mit ADHS und seltenen genetischen Varianten im Durchschnitt einen geringeren Bildungsstand und einen niedrigeren sozioökonomischen Status hatten als Betroffene ohne diese Varianten. In der Probandenstichprobe des Würzburger Klinikums wiesen Erwachsene mit ADHS eine durchschnittliche Abnahme des IQ-Werts um etwa 2,25 Punkte pro seltener Hochrisikovariante auf.

Quellen:

AWMF-Leitlinie 028-045

Pressemitteilung der Universitätskliniken Würzburg vom 18. November 2025

Demontis D et al. Nature 2025.https://doi.org/10.1038/s41586-025-09702-8