Deutsche Ärzteschaft: Europameister im Schlafen, Schlusslicht beim Glücklichsein
Melanie HurstEine länderübergreifende Befragung zeigt, wie sehr Ärztinnen und Ärzte in Deutschland am Limit sind. Ihre europäischen Kollegen scheinen viel glücklicher und gesünder zu sein. Nur in drei speziellen Bereichen belegt Deutschland den Spitzenplatz.
Im Vergleich zu ihren europäischen Kollegen erreichen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland nur selten Spitzenplätze – zumindest was die Work-Life-Balance, ihre sportlichen Aktivitäten oder die Pflege von Freundschaften betrifft. Das brachte nun eine Medscape-Umfrage unter 5.722 Ärzten aus sechs europäischen Ländern (Deutschland, Italien, Spanien, Portugal, Frankreich und das Vereinigte Königreich) ans Tageslicht. Demnach gaben nur etwa 25 Prozent der in Deutschland Befragten an, mit ihrer Work-Life-Balance „sehr zufrieden“ zu sein. Damit landen sie auf einem der hinteren Plätze. Frankreich und Spanien erreichen jeweils rund 40 Prozent Zufriedenheit, das Vereinigte Königreich sogar knapp 45 Prozent.
Noch deutlicher wird der Rückstand beim Blick auf das Leben außerhalb der Arbeit: Hier bewerten lediglich 20 Prozent der heimischen Ärztinnen und Ärzte ihre Situation als „sehr zufrieden“ – gemeinsam mit dem Schlusslicht Italien. Frankreich und Großbritannien liegen mit etwa 40 Prozent doppelt so hoch.
In Deutschland wurden die Work-Life-Balance und das psychische Wohlbefinden negativ beurteilt
Beim mentalen Wohlbefinden setzt sich dieses Muster fort: Nur etwa 20 Prozent stufen ihren psychischen Zustand als „sehr gut“ ein, während Frankreich und Spanien rund 30 Prozent erreichen und das Vereinigte Königreich mit 40 Prozent die Spitze bildet.
Ein besonders bedenkliches Muster zeigt sich bei der deutschen Ärzteschaft auch, was die Pflege sozialer Kontakte angeht: Während in anderen Ländern meist Zeitmangel als Haupthindernis für eine geringe Pflege von Freundschaften genannt wird, geben 23 Prozent der Ärzte hierzulande an, dass soziale Beziehungen sie schlicht zu viel Kraft kosten – der höchste Wert im europäischen Vergleich. Dies deutet auf eine tiefergehende Erschöpfung hin, die selbst für private Kontakte kaum noch Reserven lässt.
Die Ursachen liegen in zu viel Bürokratie und Personalmangel
Die Ursachen für diese Missstände liegen auf der Hand: Häufige Bereitschaftsdienste sowie zu viel Bürokratie gepaart mit Personalmangel und der damit verbundenen Arbeitsdichte wirken sich in Deutschland negativ auf das Wohlbefinden der Ärzte aus. Denn all diese Faktoren belasten ihren Alltag stärker als in vielen anderen europäischen Ländern. Kein Wunder, dass sich diese Situation auch in den Burnout-Zahlen niederschlägt. Bei der Umfrage liegt Deutschland mit 22 bis 23 Prozent betroffener Ärzte im oberen Mittelfeld – nur Spanien verzeichnet mit 38 Prozent höhere Werte. Frankreich, Italien und Portugal bewegen sich mit zwischen 10 und 17 Prozent deutlich darunter.
Daher wäre es für Ärztinnen und Ärzte in Deutschland besonders wichtig, auch ihrer eigenen Gesundheit Achtsamkeit zu schenken. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Während in Frankreich neun von zehn Kollegen die eigene Gesundheit als Priorität betrachten, setzt mehr als die Hälfte der Ärzte hierzulande in diesem Bereich keine Schwerpunkte. Diese Haltung spiegelt sich auch in der Bereitschaft wider, zugunsten einer besseren Work-Life-Balance auf Honorar zu verzichten: Nur 39 Prozent der Kolleginnen und Kollegen in Deutschland würden finanzielle Einbußen akzeptieren, während britische Ärzte mit 48 Prozent Zustimmung deutlich kompromissbereiter sind.
In anderen Ländern treiben Ärztinnen und Ärzte mehr Sport
Auch bei der sportlichen Betätigung hinkt Deutschland hinterher. Nur etwa 20 Prozent der heimischen Ärzteschaft schätzt sich als „sehr aktiv“ ein – ein Wert, der in Spanien, Frankreich und Großbritannien bei rund 30 Prozent liegt.
Bei der gesunden Ernährung zeigt sich hingegen ein solideres, aber noch ausbaufähiges Bild: 15 Prozent der Befragten in Deutschland bewerten ihre Ernährung als sehr gesund, ähnlich wie Frankreich und Italien. Portugal (17 %), Großbritannien (22 %) und Spanien (25 %) erreichen jedoch höhere Werte.
Paradoxe Spitzenplätze: von viel Schlaf bis Alkohol
Umso überraschender sind die drei Bereiche, in denen die deutsche Ärzteschaft laut der Umfrage europaweit führen: ausreichend Schlaf, die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln und Alkoholkonsum. Diese paradoxen Spitzenplätze werfen Fragen auf – möglicherweise kompensieren heimische Ärztinnen und Ärzte ihre unzureichende Work-Life-Balance und Erschöpfung durch diese Bewältigungsstrategien.
Immerhin klappt es in Deutschland mit der Selbstfürsorge etwas besser, wenn es um das Thema „Urlaub“ geht. Dabei bewegt sich Deutschland im oberen Mittelfeld: Etwa 20 Prozent nehmen drei bis vier Wochen im Jahr frei, 45 bis 50 Prozent kommen auf fünf bis sechs Wochen und rund 10 Prozent sogar auf mehr als sechs Wochen. Frankreich liegt mit 75 Prozent der Ärzte, die mindestens fünf Urlaubswochen haben, jedoch deutlich vorne. Am anderen Ende des Spektrums steht Großbritannien, wo 7 Prozent der Befragten auf weniger als eine Woche kommen.
Die Ergebnisse zeigen deutlich: Die Belastungen für Ärztinnen und Ärzte in Deutschland sind im europäischen Vergleich besonders hoch. Es ist also höchste Zeit, die dringend notwendigen Reformen im Gesundheitsbereich zur Reduzierung der Bürokratie und des Fachkräftemangels umzusetzen, um die Arbeitsrealität der Ärzteschaft wieder auf ein besseres Niveau zu heben.
ARZT & WIRTSCHAFT fragte die Kolleginnen und Kollegen: Gönnen Sie sich Urlaubszeit?
Mein nächster Urlaub steht bald an: Es geht nach Malta
Der Begriff „Work-Life-Balance“ ist für mich ein Reizwort. Als Begriff wird das so hochgespielt und auf alles und jeden angewendet. Unser Kanzler hat das ganz gut gesagt. Mit unserem Freizeitverhalten lässt sich unser Wohlstand nicht erhalten. Teilzeit ist natürlich angebracht, wenn es darum geht, Kinder und/oder Angehörige zu versorgen. Aber nur um mehr Freizeit zu haben, dem Arbeitgeber aufzudrängen, einen Ersatz zu finden, ist diesem nicht zuzumuten. Ich selbst bin 77 Jahre alt, aber weiter in meiner Privatpraxis mit zehn Arbeitsstunden in der Woche tätig sowie in einem Dialysezentrum mit 25 Stunden. Für mich ist das ein wunderbarer Zeitvertreib. Ich genieße es, in der Praxis und im Dialysezentrum die Verantwortung zu übernehmen. Meinen Urlaub kann ich mir trotzdem frei einteilen. Am liebsten reise ich nach Italien, vor allem nach Sizilien. Der nächste Urlaub steht auch schon an. Den werde ich dieses Mal auf Malta verbringen.
Dr. med. Joachim L., Hausarzt aus Baden-Württemberg
Ich führe ein entspanntes, zufriedenes Leben
Ich habe mich dem Problem von mangelnder Freizeit entzogen, indem ich eine Privatpraxis betreibe. Ich arbeite nur, wenn Patienten eingetragen sind. Dazwischen habe ich genügend Pausen. Auch Hausbesuche sind sehr selten. Natürlich beginnt mein Arbeitstag manchmal auch frühmorgens, wenn ich zum Beispiel E-Mails beantworte, oder ich arbeite mitunter bis spätabends, da ich mich nach den Zeitwünschen der Patienten richte. Ich habe mich als Privatarzt auf dem Land auf Homöopathie spezialisiert und einen stabilen Patientenstamm aufgebaut. Mein Arbeitsmodell erlaubt es mir, in die Berge oder in den Urlaub zu fahren, wenn ich das möchte. Meine Work-Life-Balance ist absolut zufriedenstellend. Es kommt vor, dass ich von Kollegen beneidet werde, nur die Rosinen herausgepickt zu haben. Aber ich führe ein entspanntes, zufriedenes Leben.
Dr. med. Paul B., Hausarzt aus Bayern