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Der Rückhalt in der Bevölkerung für einen grundlegenden Umbau des deutschen Gesundheitssystems ist größer als viele vermuten: Neun von zehn Personen halten grundlegende Veränderungen für sehr oder eher notwendig. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des Bosch Health Campus und der Bertelsmann Stiftung unter dem Dach des Health Transformation Hub, für die 2.301 Personen ab 18 Jahren zwischen Februar und März 2026 telefonisch befragt wurden. Für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte liefert die Studie aufschlussreiche Signale – denn viele der befürworteten Reformen betreffen den Praxisalltag direkt.

Hausarzt vor Facharzt: Bevölkerung trägt Steuerungsprinzip mit

Die Befragten sprechen sich deutlich für eine bessere Steuerung der Versorgungswege aus. 71 Prozent befürworten das Prinzip „Hausarzt vor Facharzt", 63 Prozent den Vorrang ambulanter vor stationären Eingriffen, sofern medizinisch vertretbar. Beides sind Grundsätze, die in der Fachwelt seit Jahren diskutiert werden – und die nun offenbar auch in der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden fallen.

Darüber hinaus wünschen sich viele Befragte eine Versorgung, die zu ihnen kommt: 79 Prozent befürworten mobile Sprechstunden in kleineren Gemeinden, 77 Prozent Vorsorgemaßnahmen in Alltagseinrichtungen wie Schulen oder Betrieben. Gesundheitszentren als Alternative zur klassischen Einzelpraxis würde die Mehrheit auch bei längeren Anfahrtswegen akzeptieren, wenn dadurch die Versorgung gesichert wäre.

Aufgabenteilung: Patienten sind offener als erwartet

Besonders relevant für den Praxisbetrieb: Die Bevölkerung zeigt sich aufgeschlossen gegenüber einer stärkeren Aufgabenteilung zwischen Ärzteschaft und geschultem Praxispersonal. 61 Prozent geben an, dass es ihnen keine Rolle spielt, wer ihre Symptome abklärt – solange es schnell geht. 77 Prozent ist es gleichgültig, wer eine Behandlung durchführt – solange sie gut ist. Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis, das Spielraum für neue Delegationsmodelle eröffnet und den Druck auf überlastete Praxen potenziell mindern könnte.

Digitalisierung: Ja zu Videosprechstunde, Skepsis gegenüber KI-Diagnose

Beim Thema Digitalisierung ist das Bild differenzierter. Telefon- und Videosprechstunden sowie der Einsatz von KI zur Analyse von Gesundheitsdaten finden bei der Mehrheit der Befragten Zustimmung. Einer KI-gestützten Einschätzung von Krankheitssymptomen stehen die meisten Befragten dagegen skeptisch gegenüber. Für die Praxis bedeutet das: Digitale Tools werden als Ergänzung akzeptiert, nicht als Ersatz für ärztliches Urteilsvermögen.

Reformbereitschaft quer durch alle Lager

Bemerkenswert an den Umfrageergebnissen ist ihre politische und demografische Breite. Die Zustimmung zu Reformen findet sich partei- und altersübergreifend. Jüngere Befragte bewerten digitale Lösungen erwartungsgemäß positiver, doch die grundsätzliche Reformbereitschaft zieht sich durch alle Altersgruppen.

Hintergrund dieser Haltung dürfte auch die Wahrnehmung einer schleichenden Verschlechterung sein: Zwar zeigen sich rund zwei Drittel der Befragten mit dem deutschen Gesundheitssystem insgesamt zufrieden – doch fast ebenso viele erwarten, dass sich die Lage in den nächsten fünf Jahren verschlechtern wird. Die Hälfte hat den Eindruck, dass sich das System bereits in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert hat.

„Das Gesundheitssystem ist ein zentraler Pfeiler eines funktionierenden Staatswesens – der jedoch immer mehr bröckelt„, sagt Brigitte Mohn, Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung. „Für die Politik darf es nun keine Ausreden mehr geben.“

Prof. Dr. med. Mark Dominik Alscher, Geschäftsführer des Bosch Health Campus, ergänzt: „Eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung wird nur mit einer belastbaren Primärversorgung funktionieren, die nah bei den Menschen ist. Dass ein Großteil der Bevölkerung offen dafür ist, sich in entsprechenden multiprofessionellen Gesundheitszentren behandeln zu lassen, sollte die Politik als positiven Impuls nehmen."

Das Bundesgesundheitsministerium hat die unabhängige Finanzkommission Gesundheit beauftragt, bis Ende 2026 Vorschläge für strukturelle, langfristig wirksame Verbesserungen vorzulegen. Wie eine moderne Gesundheitsversorgung konkret aussehen kann, zeigen Modellprojekte von der Ostsee bis zum Schwarzwald – dokumentiert auf der Website des Health Transformation Hub

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