Warum Ärzte bei der Darstellung von Risiken besonders aufpassen müssen
Marzena SickingWie Ärztinnen und Ärzte Risiken, Nebenwirkungen oder Erfolgsquoten formulieren, beeinflusst maßgeblich, wie Patientinnen und Patienten diese einschätzen. Ein aktueller Beitrag im Journal of the American Medical Association (JAMA Insights) zeigt, dass identische Zahlen je nach Formulierung völlig unterschiedliche emotionale Reaktionen auslösen können – mit Konsequenzen für Entscheidungen, Therapieadhärenz und Nocebo‑Effekte.
Warum Zahlen in der Aufklärung selten neutral wirken
Viele Patientinnen und Patienten tun sich grundsätzlich schwer damit, numerische Angaben richtig einzuordnen, insbesondere ohne Vergleichswerte oder Einbettung der Zahlen in einen Kontext. Die Psychologen Tobias Kube (Goethe‑Universität Frankfurt) und Winfried Rief (Universität Marburg) zeigen in dem aktuell veröffentlichten „Letter“ in der renommierten Fachzeitschrift JAMA, dass unterschiedliche Darstellungsweisen eines identischen Risikos die Wahrnehmung stark verändern können.
Ein Beispiel: Aussagen wie „90 Prozent überstehen die Infektion“ und„zehn Prozent überstehen die Infektion nicht“ sind mathematisch betrachtet zwar gleich, aber die emotionale Botschaft dahinter ist vollkommen verschieden. Die erste Formulierung wirkt auf das Gegenüber beruhigend, die zweite kann Ängste auslösen und Entscheidungsverhalten verzerren. Dieses Phänomen ist als Framing‑Effekt bekannt – und dieser ist in der Gesundheitskommunikation besonders stark ausgeprägt.
Der Framing -Effekt
Der „Rahmungseffekt“ erklärt, warum wir eine gleiche Information unterschiedlich bewerten, je nachdem wie sie sprachlich formuliert wird. Die Psychologen Daniel Kahnemann und Amos Tversky zeigten in ihren frühen Pionierarbeiten zu Entscheidungstheorie, dass zwei Aussagen mit identischem Inhalt durch unterschiedliche sprachliche Rahmen (Frames) gänzlich unterschiedliche emotionale Wirkungen und damit Entscheidungen bei Menschen auslösen. Gleicher Inhalt, aber gänzlich andere Wahrnehmung, andere Gefühlslage, andere Bewertung. Deshalb ist die genaue Sprache so wichtig, weil unser Gehirn nicht nur auf den Inhalt, sondern stark auf die emotionale Färbung reagiert.
Prozentangaben oder Häufigkeiten? Für Ärzte ein entscheidender Unterschied
Kube und Rief betonen deshalb, dass nicht nur der sprachliche Rahmen zählt, sondern auch das Zahlenformat:
„Einer von hundert stirbt“ wirkt für viele Patientinnen und Patienten drastischer
als „ein Prozent stirbt“,
obwohl es derselbe Sachverhalt ist.
Der Grund: Häufigkeiten erzeugen automatisch Bilder und konkrete Vorstellungen. Prozentzahlen sind abstrakter und wirken emotional distanzierter – was in Situationen mit negativen oder potenziell bedrohlichen Informationen hilfreich sein kann. Für Ärztinnen und Ärzte bedeutet das: Die Wahl zwischen Prozent und Häufigkeit ist kein technisches Detail, sondern beeinflusst das Angstniveau und die Entscheidungsfindung ihrer Patientinnen und Patienten. „Wenn man bei medizinischen Risiken ein negatives Framing in der Kommunikation einsetzt, ist es deutlich besser Prozentsätze zu verwenden, weil dies abstrakter von Patienten wahrgenommen wird und man sich nicht gleich als die eine mögliche Person von Hundert sieht, die betroffen sein könnte“, rät Prof. Rief von der Universität Marburg.
Zahlenkompetenz der Bevölkerung: begrenzt – auch im medizinischen Kontext
Die JAMA‑Studie von Brian Zikmund‑Fisher zeigt, wie schwer vielen Menschen selbst einfache Zahlenvergleiche fallen. Nur 34 Prozent von 4.637 erwachsenen Teilnehmenden konnten aus einer unsortierten Zahlenreihe den höchsten Wert identifizieren. Vor diesem Hintergrund empfehlen Fachleute, Begriffe wie „selten“, „häufig“ oder „unwahrscheinlich“ zu vermeiden, da sie ohne Vergleichswert wenig Aussagekraft besitzen und leicht zu Fehlinterpretationen führen.
Warum Framing für Ärztinnen und Ärzte so relevant ist: Evidenz aus der Forschung
Tatsächlich sind Framing‑Effekte in der Entscheidungspsychologie schon lange und umfassend dokumentiert. Systematische Analysen zeigen, dass unterschiedliche Formulierungen – Gain‑Frames versus Loss‑Frames – bei identischen Fakten das Gesundheitsverhalten beeinflussen können. Die Behandlungserwartung spielt zudem eine nachweislich große Rolle für Therapieeffekte. Weitere Forschungsgruppen aus Marburg und Hamburg zeigen, dass positive Erwartungen den Behandlungserfolg verstärken können.
Für Ärztinnen und Ärzte sind das klinisch relevante Erkenntnisse: Wie sie Risiken darstellen, beeinflusst somit nicht nur das Verständnis der Patienten, sondern auch deren Symptomwahrnehmung, das Nebenwirkungserleben und die Therapieadhärenz. Die Fragen, die sich jeder Arzt in Bezug auf die Kommunikation mit seinen Patienten stellen muss, lauten somit: Wie können sie in der ärztlichen Kommunikation Placebo-Effekte fördern und Nocebo-Effekte vermeiden? Welche besonderen Fallstricke sind zu vermeiden, wenn es darum geht Risiken, Heilungschancen und Nebenwirkungsraten bei der Aufklärung von Patienten zu kommunizieren?
So sind Zahlen in der medizinischen Kommunikation ein zentraler Bestandteil, sollten aber in Bezug auf die Framing-Effekte mit Bedacht gewählt werden und vor allem Patienten, die sehr ängstlich sind, bedürfen einer besonderen Ansprache und erweiterten Kommunikation. „Den ängstlichen und sehr besorgten Patienten sollte ausführlich erklärt werden, wie diese Zahlen zu verstehen sind“, erklärt Kube.
Praxisempfehlungen: Wie Ärztinnen und Ärzte Risiken verständlich und angstarm kommunizieren
Aus den aktuellen Analysen lassen sich noch weitere klare Empfehlungen für die ärztliche Praxis ableiten:
Positive Rahmung wählen, wann immer medizinisch vertretbar
Prozentangaben statt Häufigkeiten nutzen, wenn negative Risiken kommuniziert werden
Vergleichswerte nennen (z. B. Risiko im Alltag)
Komplexe Zahlen durch einfache Anker erklären
Bei ängstlichen Personen mehr Kontext und Nachfragen einplanen
Nachfragen, wie der Patient die Zahl verstanden hat
Nach Einschätzung von Kube ist positives Framing ohne Mehraufwand möglich und bietet Ärztinnen und Ärzten eine einfache Chance, unnötige Verunsicherung zu vermeiden.