Was Reinertrag wirklich bedeutet

Reinerlös ist nicht gleich Gewinn: Soviel bleibt Ärzten netto

Mediziner, vor allem niedergelassene Ärzte, werden häufig als Großverdiener dargestellt.  Tatsächlich führen sie viele Einkommensstatistiken. Darüber ärgern sich viele Niedergelassene – zu Recht! Denn in den Rankings werden durchschnittliche Reinerträge einer Arztpraxis mit Gewinn gleichgesetzt. Doch der Praxiserlös ist eben nicht das Netto-Einkommen des niedergelassenen Arztes.

Ärzte gelten als Deutschlands Top-Verdiener, das bestätigen diverse Gehaltsreporte jedes Jahr aufs Neue. Tatsächlich ist das Gehalt der angestellten Ärzte im Vergleich zu anderen Berufszweigen überdurchschnittlich hoch. Der persönliche Einsatz der Ärzte und die Zahl ihrer Überstunden allerdings auch. Wer in  einer Klinik arbeitet, kann ein Lied davon singen. Oft wird vergessen, dass Ärzte im Krankenhaus auch Nachtdienst und Wochenenddienst schieben und mehr Wochenstunden arbeiten, als der Durchschnitt der Arbeitnehmer. Der durchschnittliche Stundenlohn sieht dann also gar nicht mehr so rosig aus. Die meisten Menschen schauen hier jedoch nur aufs Brutto-Einkommen.

Und wenn der angestellte Mediziner schon so gut verdient, dann muss es dem niedergelassenen Arzt als selbständigem Unternehmer finanziell doch noch viel besser gehen als einem Mediziner, der im Krankenhaus arbeitet, oder? Aber haben Ärzte und Ärztinnen mit eigener Praxis tatsächlich eine Spitzenposition beim Einkommen?

Ärzte haben den Ruf als Großverdiener weg

Den Eindruck kann man durchaus bekommen, wenn man die Interessenvertreter der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen hört oder sich die Einkommensstatistiken anschaut. In letzteren werden Ärzte regelmäßig pauschal als “eine der bestbezahlten Berufsgruppen in diesem Lande” bezeichnet. Doch sowohl bei den angestellten Ärzten als auch bei den niedergelassenen Kollegen ist Arzt nicht gleich Arzt. Das Gehalt eines Oberarztes in einer Klinik unterscheidet sich natürlich von dem eines Assistenzarztes und verschiedene Fachärzte und Allgemeinmediziner mit eigener Praxis verdienen auch nicht das gleiche Honorar. 

Geht es um niedergelassene Ärzte, werden in der Regel die durchschnittlichen Reinerlöse der Praxen aufgezeigt. Manchmal wird noch darauf hingewiesen, welche Ausgaben hier bereits abgezogen wurden. Welche Kosten der Arzt vom Reinerlös aber noch bezahlen muss, diese Information fehlt in der Regel. Damit wird immer wieder der Eindruck erweckt, dass der Reinerlös tatsächlich der Nettoverdienst des Arztes ist. Dem ist aber nicht so.

Differenzierter Blick auf die Honorar-Entwicklung

Bei dieser Darstellung lässt man also mal wieder unter den Tisch fallen, dass Brutto eben auch bei Ärzten mit eigener Praxis nicht gleich Netto, sondern höchstens vergleichbar mit dem Bruttogehalt eines angestellten Arztes ist. “Reinertrag” klingt aber so und wird in der Medienberichterstattung auch häufig so interpretiert. Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus. So bedeutet “Reinertrag” oder auch Reinerlös lediglich, dass die Summe der Aufwendungen (z.B. für Sach- und Personalkosten) von der Summe der Einnahmen abgezogen wurde. Das ist aber nur ein Bruchtteil der tatsächlichen Kosten, die ein Praxisinhaber zu tragen hat: Ein niedergelassener Arzt mit eigener Praxis muss vom Reinertrag beispielsweise auch noch die Einkommenssteuer, alle Versicherungen für sich und seine Angehörigen zu 100 Prozent bezahlen (Renten-, Kranken – und Pflegeversicherung) sowie die Beiträge zu Versorgungseinrichtungen. Werden auf der Ausgabenseite sämtliche steuerlich relevanten Kosten in der Praxis und Ausgaben des Arztes für Altersvorsorge, Kranken- und Pflegeversicherung berücksichtigt, bleiben dem Arzt mit eigener Praxis netto im Durchschnitt gerade mal 23,5 bis 24,5 Prozent des Gesamthonorarumsatzes übrig.

Das sind oft nur etwa 5.000 Euro netto pro Monat (inklusive privatärztliche Einkünfte 5.442 Euro im Monat). Der Betrag liegt zwar deutlich über dem durchschnittlichen Haushaltseinkommen, dafür arbeitet ein niedergelassener Arzt allerdings auch etwa 60 Stunden pro Woche und hat normalerweise deutlich weniger Urlaub als ein Arbeitnehmer. Zudem müssen selbständige Ärzte von ihren Nettoeinnahmen in der Regel auch noch den Kredit bedienen, den sie für ihre Praxis aufgenommen haben. Und selbstständige Ärzte tragen das volle wirtschaftliche und haftungsrechtliche Risiko für ihre Tätigkeit.

Schade, dass diese Fakten vielen Medien keine Erwähnung wert sind. Fairerweise weist zumindest das Statistische Bundesamt in seinen Veröffentlichungen darauf hin. Zu den Ergebnissen der Kosten­struktur­erhebung von Arzt- und Zahnarzt­praxen sowie Praxen von psychologischen Psycho­therapeuten findet sich der Hinweis: “Dieser Ertrag ist nicht identisch mit dem Einkommen der Ärzte. Er stellt zwar das Ergebnis des Geschäfts­jahres der Praxis dar, berücksichtigt aber unter anderem nicht die Aufwendungen für die Praxis­übernahme und die Aufwendungen privater Natur für die Alters-, Invaliditäts-, Hinter­bliebenen- und Kranken­versicherung der Praxis­inhaber und deren Familien­angehörigen sowie die Beiträge zu Versorgungs­einrichtungen der Praxis­inhaber. Dieser im Rahmen der Kosten­struktur­erhebung bei Arztpraxen errechnete Reinertrag ist somit nicht mit einem Gehalt bzw. Brutto­jahresein­kommen eines niedergelassenen Facharztes gleichzusetzen.”

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