Viren beeinflussen das kardiovaskuläre Risiko
Marie SchickingerSpätestens mit Ausbruch der COVID-19-Pandemie wurden die letzten Zweifel ausgeräumt, dass zwischen Virusinfektionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein enger Zusammenhang besteht. Epidemiologische Daten aus aller Welt liefern jetzt tiefere Einblicke in die akuten und langfristigen Auswirkungen.
Auf der Liste der Todesursachen stehen Herz-Kreislauf-Erkrankungen weltweit ganz oben. Zu den Risikofaktoren gehören unter anderem Virusinfektionen, die eine akute Entzündung hervorrufen oder verstärken können. So zeigte sich im Rahmen des COVID-19-Ausbruchs, dass eine Infektion mit SARS-CoV-2 das Risiko für Schlaganfall undHerzinfarkt erhöhte. Ein ähnlicher Zusammenhang wurde auch für andere Erreger und Herz-Kreislauf-Erkrankungen festgestellt.
Metaanalyse wertet 155 Studien aus drei Kontinenten aus
In einer Übersichtsarbeit und Metaanalyse hat ein Forschungsteam jetzt eine umfassende Gesamtauswertung epidemiologischer Studien zu diesem Thema vorgenommen. Eingeschlossen wurden insgesamt 155 Studien, die meisten davon aus Nordamerika (n = 67), Europa (n = 46) und Ostasien (n = 32).
Bei der Auswertung zeigte sich, dass akute Infektionen mit Erregern wie Influenza oder SARS-CoV-2 vor allem mit einem erhöhten Risiko für akute kardiovaskuläre Ereignisse assoziiert sind.
SARS-CoV-2: Die ersten 14 Wochen nach Infektion sind besonders kritisch
In drei selbst kontrollierten Fallserien war das Risiko für einen akuten Herzinfarkt oder Schlaganfall in den ersten 14 Wochen nach einer SARS-CoV-2-Infektion erhöht (gepoolte Incidence Rate Ratio [IRR]: 3,35 bzw. 3,36). Darüber hinaus wurde das langfristige kardiovaskuläre Risiko in 14 Kohortenstudien evaluiert. Dabei stellte sich heraus, dass das Risiko für die koronare Herzkrankheit (KHK) und einen Schlaganfall innerhalb des ersten Jahres nach der Infektion erhöht bleibt (gepoolte adjustierte Risk Ratio [RR]: 1,74 bzw. 1,69).
Grippe: Höchste Gefahr in der ersten Woche
In sieben selbst kontrollierten Fallserien und zwei Fall-Kontroll-Studien wurde das kardiovaskuläre Risiko nach einer laborbestätigten Influenza-Infektion untersucht. Im ersten Monat traten Myokardinfarkte rund viermal häufiger auf als im Kontrollzeitraum (IRR: 4,01). Besonders hoch war das Risiko dabei in der ersten Woche. So lag die IRR während der ersten sieben Tage bei 7,20 und sank vom achten bis zum 14. Tag auf 1,87. Die Rate an Schlaganfällen war im ersten Monat nach der Influenza-Infektion rund fünfmal höher als im Kontrollzeitraum (IRR: 5,01).
Jahrelange Folgen: Was HIV, Hepatitis C und Gürtelrose gemeinsam haben
Hinsichtlich chronischer Virusinfektionen zeigten sich über Jahre erhöhte Risiken für KHK und Schlaganfall. Die Ergebnisse waren wie folgt:
HIV: 60 Prozent höheres Risiko für KHK, 45 Prozent höheres Risiko für Schlaganfall
Hepatitis C: 27 Prozent höheres Risiko für KHK, 23 Prozent höheres Risiko für Schlaganfall
Herpes zoster: 12 Prozent höheres Risiko für KHK, 18 Prozent höheres Risiko für Schlaganfall
Darüber hinaus fanden sich Hinweise auf ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko nach einer Infektion mit Hepatitis-A-, Herpes-simplex-, RS-, HP-, Dengue- und Chikungunya-Viren. Bislang reicht die Evidenz jedoch noch nicht aus, um den Zusammenhang zu bestätigen.
Prävention durch Impfung
Impfungen gegen Herpes zoster, Influenza und SARS-CoV-2 können das Risiko für Folgeschäden wie kardiovaskuläre Ereignisse senken. Besonders wichtig ist dies bei Älteren und Personen mit bestimmten Grunderkrankungen. Um Impflücken schneller zu schließen, ist auch eine Koadministration möglich.