Neue Europäische Leitlinie klassifiziert Harnwegsinfektionen
Martina FreyerDie Europäischen Gesellschaft für Urologie (EAU) verzichtet in der Neufasung ihrer Leitlinie zu Harnwegsinfekten auf die Zweiteilung in „unkompliziert“ und „kompliziert“. Sie unterscheidet stattdessen zwischen „lokalisierten“ und „systemischen“ Infektionen.
Harnwegsinfektionen (HWI) haben viele Gesichter, treten mit unterschiedlichen klinischen Symptomen und Pathomechanismen an verschiedenen Stellen der Harnwege auf. Bisher wurde dabei zwischen „unkompliziert“ und „kompliziert“ unterschieden: Unkomplizierte Formen treten bei gesunden, nicht schwangeren Frauen auf, während bei komplizierten Infekten Grunderkrankungen oder Risikofaktoren die Behandlung erschweren können.
HWI-Einteilung nach Symptomen statt Risikofaktoren
Mit Blick auf die klinische Manifestation hat die Europäische Gesellschaft für Urologie in der aktualisierten Leitlinie diese Dichotomie aufgegeben und beschreibt HWI praxisnah nach dem klinischen Bild:
Lokalisierte HWI: Beispielsweise Zystitis mit typischen Symptomen wie häufigem Harndrang oder Schmerzen, ohne Anzeichen einer systemischen Infektion, bei beiden Geschlechtern, die in der Regel ambulant behandelt werden kann.
Systemische HWI: Infektion mit Anzeichen und Symptomen einer systemischen Infektion (Fieber, Schüttelfrost), mit oder ohne lokalisierte Symptome (Pyelonephritis oder Prostatitis), die von einer beliebigen Stelle im Harntrakt beider Geschlechter ausgehen. Beginnende Anzeichen einer Sepsis können eine intensivere Diagnostik und auch eine stationäre, intravenöse Therapie notwendig machen.
Bei der Therapieentscheidung sollten immer auch Risikofaktoren für einen schweren Krankheitsverlauf oder Therapieversagen berücksichtigt werden, etwa Anomalien der Harnwege, Blasenkatheter, antibiotische Vortherapie und Grunderkrankungen wie Diabetes, Nierenfunktionsstörungen und neurologische Erkrankungen, die den Verlauf von HWI erheblich beeinflussen können. Sie sollten jedoch unabhängig vom Infektionstyp betrachtet werden.
Behandlung ohne Antibiotika: Neue Optionen bei Blasenentzündung
In der Leitlinie wird das Konzept der antimikrobiellen Stewardship betont, inklusive regelmäßiger Schulungen aller Mitarbeiter und leitliniengemäßer Therapie, im Austausch mit Mikrobiologen. Antibiotika werden gezielt eingesetzt, wenn Symptome persistieren oder sich verschlechtern. Bei unkomplizierten Zystitiden wurde ein eigener Abschnitt zu nicht-antibiotischen Behandlungsansätzen aufgenommen, etwa der symptomorientierten Therapie, Prävention, dem Einsatz von Probiotika und Phytotherapie oder auch antientzündlichen Schmerzmitteln (nicht-steroidale Antirheumatika). Damit kann bei stabilen Patientinnen ohne Risikofaktoren initial auf Antibiotika verzichtet und symptomatisch behandelt werden. Nicht-antibiotische Präventionsstrategien (z. B. Immunprophylaxe, vaginale Östrogene postmenopausal) werden früher und strukturierter empfohlen. Eine dauerhafte antibiotische Prophylaxe bleibt Ultima Ratio und sollte streng individualisiert erfolgen.
Behandlung bei Pyelonephritis und Urosepsis
Bei systemischer HWI wie Pyelonephritis oder Urosepsis betont die Leitlinie die frühe Risikostratifizierung, sowohl klinisch als auch nach Labordiagnostik, um die Entscheidung für eine ambulante oder stationäre Therapie zu treffen. Ziel ist ein früher Therapiebeginn, initial oft parenteral, mit frühzeitiger Deeskalation nach Erreger- und Resistenzlage. Bei Urethritis ist die Diagnostik stärker erregerbasiert, inklusive gezielter mikrobiologischer Tests. Therapien sollen pathogen- und altersabhängig erfolgen, um Über- und Fehltherapien zu vermeiden.
Keep it simple ...
... ist das Leitmotiv der aktualisierten Leitlinie laut Prof. Gernot Bonkat, Basel, mit klarer, praxisnaher und wissenschaftlich konsistenter Klassifikation von Harnwegsinfektionen.
Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Urologie (EAU) zu Harnwegsinfekten