Immunoseneszenz: Müde T-Zellen wecken
Martina FreyerIm Alter verändern sich das angeborene und das adaptive Immunsystem. Schützen Sie in der gynäkologischen Praxis ältere Patientinnen mit Impfstoffen, die für diese Altersklasse entwickelt wurden und auch spezifisch T-Zellen ansprechen.
Ein runder Geburtstag kann eine Chance sein: Die Ständige Impfkommission des Robert Koch-Instituts (STIKO) empfiehlt ab dem 60. Geburtstag eine Reihe von Impfstoffen, die spezifisch für diese Altersgruppe entwickelt wurden. Denn bei älteren Erwachsenen sind viele Impfstoffe weniger immunogen und wirksam als bei jüngeren Menschen. Auch Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus, die chronisch obstruktive Lungenerkrankung oder Nieren- und Herzinsuffizienz können Immunogenität und Wirksamkeit von Impfungen verringern. Eine chronisch niedriggradige Entzündungsaktivität kann die Immunabwehr zusätzlich beeinträchtigen.
Warum die Immunantwort im Alter abnimmt
Bereits ab dem mittleren Lebensalter nimmt die Leistungsfähigkeit des Immunsystems schrittweise ab, Menschen werden anfälliger für Infektionen, schwere Krankheitsverläufe und Komplikationen. Das betrifft vor allem die zelluläre Immunantwort: Die Anzahl naiver T-Zellen und damit das T-Zell-Repertoire nehmen ab und somit auch die Fähigkeit, auf Krankheitserreger effektiv zu reagieren. Denn selbst für die Bildung von Antikörpern sind T-Zellen ein wichtiger Aktivierungsschritt.
T-Zellen im Alter mit Vakzinen gezielt ansprechen
Da das alternde Immunsystem auf Impfungen oft schwächer anspricht, wurden hier spezielle Impfstoffkonzepte entwickelt: Einige dieser Impfstoffe enthalten moderne Adjuvantien oder sind höher dosiert, um eine stärkere Immunantwort auszulösen. Sie stimulieren vor allem die Aktivierung von T-Zellen und weiteren Komponenten der zellulären Immunität. Dadurch kann trotz Immunoseneszenz ein wirksamerer Schutz aufgebaut werden. Beispiele sind adjuvantierte Impfstoffe gegen Herpes zoster und RSV oder spezielle Hochdosis-Influenza-Impfstoffe.
STIKO-Impfempfehlungen ab 60: Welche Impfungen wichtig sind
Neben der Grundimmunisierung mit den in allen Altersklassen aufzufrischenden Impfungen (Tetanus, Diphtherie, Pertussis, Polyomyelitis) empfiehlt die STIKO für Menschen ab 60 folgende Impfungen in ihrem Impfkalender:
Pneumokokken: Standard ist PCV20
Herpes zoster: Standard ab 60 Jahren, bei Grunderkrankungen ab 50
Influenza: Jährliche Impfung im Herbst/Winter; inaktivierte Hochdosis- oder MF-59 adjuvantierte Influenza-Impfstoffe empfohlen
COVID-19: Jährliche Impfung bislang ab 60, seit Juli ab 75 Jahren, Indikationsimpfung bei Grunderkrankungen
Respiratorische Synzytial-Viren (RSV): Standard ab 75 Jahren, bei Grunderkrankungen bereits ab 60
Impfberatung vor Reisen: Saisonale Infektionen ganzjährig beachten
Auch wenn Influenza oder COVID-19 als saisonale Impfungen im Herbst empfohlen werden: Auf der Südhalbkugel findet die Erkältungssaison früher statt, sodass Menschen auf Reisen ganzjährig gefährdet sind: Kreuzfahrtschiffe etwa werden auch als schwimmende Inkubatoren beschrieben, die reiselustige Senioren nur gut durchgeimpft entern sollten.
Impfstatus in der gynäkologischen Praxis überprüfen
Viele Frauen halten der gynäkologischen Praxis über Jahrzehnte hinweg die Treue. Hier bietet sich eine wertvolle Gelegenheit, auch den Impfstatus zu überprüfen und an die von der STIKO empfohlenen Impfungen zu erinnern.
Impfungen schützen ältere Patientinnen und das Praxisteam
Ein hoher Impfschutz hat nicht nur Vorteile für die einzelne Patientin, sondern auch für das Umfeld. Dadurch kann die Zahl infektiöser Menschen in Wartezimmern und Praxen reduziert werden. Impfungen leisten somit einen Beitrag zum Schutz besonders vulnerabler Patientinnen sowie des gesamten Praxisteams.
Impfen als Anti-Aging-Mittel
Impfungen gegen Influenza reduzieren die kardiovaskuläre Mortalität, die Kardiologen empfehlen diese Impfungen seit Jahren. Jede vermiedene Infektion kann theoretisch Lebensjahre schenken.
Weinberber B et al. Z Gerontol Geriat 2025;58:517–527
RKI Epid. Bull. 4/26 und 28/26
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