Harnwegsinfekt: Schnelltest verkürzt Antibiotika-Diagnostik
Dr. Dagmar van ThielEin neuer, beschleunigter Sensibilitätstest direkt aus dem Urin ermöglicht es, Harnwegsinfekte rasch mit dem geeigneten Antibiotikum zu therapieren, und hilft, den Resistenzentwicklungen vorzubeugen.
Die spezifische Wirksamkeit des Antibiotikums ist eine entscheidende Voraussetzung, um einen Harnwegsinfekt rasch in den Griff zu bekommen. Dem widerspricht jedoch vielfach die Praxis, nämlich die Notwendigkeit, die Therapie mit einem Breitband-Antibiotikum beginnen zu müssen, bevor noch das Laborergebnis des Antibiogramms vorliegt. Die gängigen Resistenztests nehmen etwa zwei bis drei Tage in Anspruch und werden zudem meist nur bei komplizierten Infektionen veranlasst. Beschleunigte Analyseverfahren könnten diese Probleme deutlich minimieren.
Direktanalyse aus dem Urin spart einen Tag Wartezeit
Tatsächlich ist es einer Forschergruppe der Technischen Universität München (TUM) gelungen, eine neue Methode zur verkürzten Diagnostik von Harnwegsinfekten zu entwickeln. Es handelt sich um eine Technik, bei der die Wirksamkeit von Antibiotika direkt in den Urinproben untersucht werden kann. Wie Prof. Oliver Hayden vom Heinz-Nixdorf-Lehrstuhl für Biomedizinische Elektronik und sein Team in einer Meldung der TUM erklärten, ist für das Verfahren nicht die im Labor übliche Standardisierung einer Bakterienkultur notwendig. Dadurch verkürzt sich die Zeit bis zum Vorliegen der Untersuchungsergebnisse im Vergleich zur herkömmlichen Analyse um bis zu 24 Stunden.
Innovative Methode ermöglicht Resistenztest ohne Bakterienkultur
Für die Untersuchung kann der Urin direkt auf eine Nährbodenplatte aufgetragen werden, auf der die Plättchen der zu testenden Antibiotika platziert sind. Zur Auswertung werden die Hemmhöfe um die Plättchen gemessen. Dabei wird ein Algorithmus eingesetzt, der die tatsächliche Bakterienkonzentration im Urin berücksichtigt und deren Einfluss auf die Hemmhöfe ausgleicht. Das Analyseverfahren erlaubt es nach dem Bericht der Münchner Forscher, Resistenzprofile auch ohne vorherige Standardisierung zuverlässig darzustellen.
Damit eröffnet sich die Möglichkeit, rasch mit einer adäquaten Therapie zu beginnen, anstatt ein breit wirkendes Medikament anzuwenden. Hayden betonte in der TUM-Meldung: „Je früher wir wissen, welches Antibiotikum wirkt, desto zielgerichteter können wir behandeln. Dann müssen wir seltener zu Breitband-Antibiotika greifen, die wir aus Gründen der Resistenzentwicklung eigentlich sparsam einsetzen sollten.“
Testergebnisse zeigen hohe Verlässlichkeit
Aus den Daten der aktuellen Forschungsarbeit geht hervor, dass die Testergebnisse aus dem beschleunigten Verfahren gut mit denen der üblichen Labormethode vergleichbar sind. Bei direkt getesteten Urinproben erreichen die Ergebnisse eine Übereinstimmung von rund 94 Prozent mit der Standardmethode.
Smartphone-basierter Test für die Praxis in Entwicklung
Parallel dazu arbeitet das Team an einem papierbasierten „Point-of-Care“-Gerät, das die Prinzipien des neu entwickelten beschleunigten Tests nutzt, um acht verschiedene Bakterienstämme mittels Farbcodierungen zu identifizieren und Resistenzen anzuzeigen. Dazu erklärte Henning Sabersky-Müssigbrodt, Erstautor der Publikation zur Entwicklung des neuen Testverfahrens und Doktorand der Translationalen Medizin am Heinz-Nixdorf-Lehrstuhl für Biomedizinische Elektronik: „Ziel ist ein kleiner, benutzerfreundlicher Test zur Anwendung in jeder Arztpraxis – und zukünftig zur Selbsttestung zu Hause – mittels papierbasiertem Test-Kit und Smartphone-Ergebnisanzeige.“ Die Technologie sei bewusst auch für ressourcenarme Regionen konzipiert, wo schnelle, zuverlässige Diagnostik entscheidend ist, so der TUM-Forscher.
Quellen:Pressemitteilung der TUM vom 16. Dezember 2025
Sabersky-Müssigbrodt H et al. Microbiol Spectr 2025;13(11):e0088825