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Medizin trifft Zahnmedizin: Der interdisziplinäre Podcast

In Deutschland werden 43 Prozent der über 65-Jährigen mit fünf oder mehr rezeptpflichtigen Medikamenten gleichzeitig behandelt, bei den über 79-Jährigen ist es sogar fast jede zweite Person. Das ergab eine Umfrage, die im Auftrag der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) im März 2021 durchgeführt wurde. Diese Polypharmazie, also die parallele Einnahme mehrerer Medikamente der Dauermedikation, kann nicht nur für Ärzte und Patienten kompliziert werden, sondern auch unerwünschte Folgen haben.

In dieser Folge des Podcast geht es daher um die häufigsten verschreibungspflichtigen Medikamente, deren Einsatzgebiete und auch darüber, wie Medikamente eine Zahn-Mund-Kieferbehandlung beeinflussen. Darüber spricht Günter Nuber, Gesamtredaktionsleiter Deutschland der MedTriX Group, mit Zahnmediziner Prof. Dr. Dirk Ziebolz und Allgemeinmediziner Prof. Dr. Markus Bleckwenn.

Polypharmazie und Medikamente in der Allgemeinmedizin

“Eins muss man klarstellen: Viele Medikamente sind ja nicht prinzipiell falsch”, sagt Allgemeinmediziner Bleckwenn im Podcast, “Ich habe ganz viele Patienten, die sind super damit eingestellt. (...) Also klassisch Patienten, die 80 Jahre alt sind, haben zehn Präparate. Denen geht es bestens. Und da weiß ich als alter Hausarzt: Niemals irgendwas ändern. Wenn du da irgendein Medikament änderst, dann geht es schief. Also von daher, die Aufmerksamkeit sollte vor allem auf den Patienten sein, wo es eben nicht gut funktioniert.”

Eine der häufigsten Medikamentengruppe seien die Hypotensiva, so Bleckwenn. “Das ist sicher so die Volkserkrankung: Bluthochdruck, ganz klar”, sagt der Allgemeinmediziner. Es freue ihn, wenn er Patienten gut einstellen und schon in jungen Jahren vor einem Herzinfarkt oder Schlaganfall bewahren könne. “Danach folgt sicherlich schon der Diabetes, der für die Patienten auch erfreulicherweise zunehmend ja jetzt nicht mehr Insulin-behandelt ist, sondern auch durch Tablettengabe”, fährt der Allgemeinmediziner fort, “Dann wird es schon relativ breit und dann merken wir natürlich gerade Psychiatrie, Antidepressiva, neurologische Präparate, Schmerzpräparate.”

Wie oft Patienten Allgemeinmediziner Bleckwenn auf chronische orale Erkrankungen oder eine zahnmedizinische Behandlung hinweisen, welche Besonderheit er in Bezug auf Medikamente in der Hausarztpraxis auf dem Land beobachtet, hören Sie im Podcast.

Die Auswirkungen von Polypharmazie in der Zahnarztpraxis

Welche Medikamente die Patientinnen und Patienten nehmen, kann für Zahnmediziner wie Ziebolz einen Einfluss auf die Bewertung der Behandlungsmöglichkeiten haben, so der Zahnarzt. Er sagt: “Und daher ist es schon sehr, sehr relevant für uns im Klinikalltag oder im Praxisalltag die Medikamente aber auch die ursächlichen Erkrankungen zu identifizieren, um eine Risikobewertung zu machen im Hinblick darauf: Hat das einen Einfluss auf meine Behandlung, muss ich was Spezielles berücksichtigen, kann ich überhaupt unter der Medikation meine Patienten unkompliziert behandeln? Und das zweite ist eben auch: Hat möglicherweise eben auch ein Medikament oder mehrere Medikamente einen solchen Einfluss auf die Mundgesundheit oder die orale Gesundheit, dass sogar Erkrankungszeichen entstehen können, also Nebenwirkungen sozusagen, die sich im Mund manifestieren können?”

Eine der häufigsten Auswirkungen der Medikamente sei die Mundtrockenheit, die etwa eine Nebenwirkung von Antihypertensiva, neurologischen Medikamenten oder Antidepressiva sein könne, so Ziebolz. “Gerade wenn bei den besagten Patienten ja auch diese Polypharmazie ist (...), dann beobachten wir diese ausgeprägte Mundtrockenheit. Das fördert natürlich das Entstehen von Karies und Parodontitis”, sagt der Zahnmediziner.

Medikamente zur Blutverdünnung seien außerdem auch sowohl auf hausärztlicher als auch aus zahnärztlicher Perspektive immer ein großes Thema gewesen. “Also kann ich unter der Blutverdünnung Zähne ziehen, chirurgische Maßnahmen machen? (...) Das ist aus meiner Sicht heute relativ klar leitlinienorientiert gelöst. Da gibt es wirklich ganz klare Handlungsanweisungen”, sagt der Zahnmediziner. Bei anderen Medikamenten müssten sich Zahnärzte aber immer fragen, ob sie Antibiotika, Schmerzmittel und Lokalanästhesie verabreichen können, ohne Einfluss auf die Medikation zu nehmen.

Warum Zahnmediziner im Kontext von Polypharmazie manchmal verunsichert sind, das erklärt Ziebolz im Podcast. Außerdem spricht er über weitere Medikamente, die etwa Gingivawucherungen oder Kiefernekrosen auslösen können oder aber bestimmte Anpassungen der zahnärztlichen Behandlung erfordern.

Sprechen Hausärzte und Zahnärzte über die Medikation ihrer Patienten?

Wie kommunizieren Zahnmediziner und Mediziner über die Medikation ihrer gemeinsamen Patienten? “Wir Zahnmediziner brauchen zur Interpretation und auch zu bestimmten Fragen, die wir aufgrund der komplexen Medikation haben, häufiger auch mal den Allgemeinmediziner, um uns abzusichern.”, sagt Ziebolz, “Aber inwieweit das wirklich stattfindet oder auch wirklich eine Kommunikation auf Augenhöhe stattfindet, das lässt sich schlecht festmachen. Ich glaube, dass bei vielen Zahnmedizinern auch über die Jahre (...) eine gewisse Ernüchterung eingetreten ist, weil man das Gefühl hat, den Allgemeinmediziner nicht zu erreichen oder nicht wahrgenommen zu werden, nicht auf Augenhöhe.” Es sei allerdings sehr wichtig, in den Austausch zu kommen, um den Patienten eine sichere und bessere Behandlung zu ermöglichen, sagt der Zahnmediziner im Podcast.

Allgemeinmediziner Bleckwenn findet, dass die Kommunikation besser geworden ist, auch etwa durch die S3-Leitlinie zur Blutverdünnung. Außerdem betont er die Relevanz von lokaler Verknüpfung und Austausch. "Wir haben jetzt nur noch eine große zahnärztliche Praxis vor Ort und die hat dann auf jeden Fall meine Handynummer”, sagt Bleckwenn. Er schätzt, dass die zahnärztliche Praxis etwa zweimal oder dreimal im Monat bei ihm anruft. Der Allgemeinmediziner berichtet, dass es auch zu zufälligen Treffen – etwa beim Spaziergang im Wald - käme und dabei zum Austausch über interessante Fälle. “Ich bin ein großer Freund des Regionalen”, sagt Bleckwenn im Podcast. Er empfiehlt, sich mit Kolleginnen und Kollegen in der eigenen Region auch unabhängig von akuten Situationen auszutauschen.

Warum Zahnärztinnen und Zahnärzte auch für die Erkennung von systemischen Erkrankungen wichtig sind, erklärt Ziebolz im Podcast. Außerdem hören Sie im Podcast, wie wichtig der Patient als Schnittstelle sowohl für Ziebolz als auch für Bleckwenn ist und welches Potential Technik – etwa die ePA oder KI - für den Umgang mit Polypharmazie haben könnte.

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Disclaimer: Aus Gründen der besseren Verständlichkeit wird in diesem Podcast hin und wieder nur das generische Maskulinum verwendet. Die hier verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich jedoch – sofern nicht explizit kenntlich gemacht – auf alle Geschlechter.    

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