ADHS-Screening in Hausarztpraxen: Wie ein kurzer WHO‑Test Fehldiagnosen reduziert
Marzena SickingEinfach, schnell und überraschend treffsicher: Der WHO‑Fragebogen ASRS‑5 könnte in deutschen Hausarztpraxen eine entscheidende Rolle spielen, wenn es um das frühzeitige Erkennen von ADHS im Erwachsenenalter geht. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, warum das Screening-Tool künftig häufiger zum Einsatz kommen sollte.
Viele Menschen verbinden ADHS noch immer mit Kindern, die im Unterricht kaum stillsitzen können. Doch die Störung begleitet zahlreiche Betroffene bis ins Erwachsenenleben – oft, ohne dass sie diagnostiziert wird. Ein Forschungsteam um Dr. Cora Ballmann aus München hat deshalb die deutsche Version des WHO‑Screening-Tests ASRS‑5 geprüft und kommt zu einem klaren Ergebnis: Der Fragebogen ist ein verlässliches und praktikables Instrument für die hausärztliche Versorgung.
Ein praxisnahes Tool für den Alltag
Der Charme des ASRS‑5 steckt in seiner Einfachheit. Sechs Fragen, leicht verständlich, schnell bewertet und das Ergebnis liegt innerhalb von Sekunden vor. Der Test ist kostenlos, mehrsprachig verfügbar und kann in jeder Praxis ohne technische Anforderungen eingesetzt werden. Werden mindestens vier Antworten in der markierten Zone angekreuzt, liegt ein Anfangsverdacht für ADHS vor, der weiter abgeklärt werden sollte. Für Hausärzte bedeutet das: minimaler Aufwand, maximale Orientierung.
Screening ersetzt keine Diagnose
Trotz seiner Stärken bleibt klar: Ein Screening ersetzt nie das ärztliche Gespräch. Darauf weist auch Dr. Matthias Rudolph, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Mitglied im Expertenrat ADHS, hin. Manche Patientinnen und Patienten neigen dazu, ihre Angaben zuzuspitzen, wenn sie dringend eine Erklärung für ihre Belastungen suchen. Erst konkrete Beispiele aus dem Alltag – von verpassten Rechnungen bis hin zu Konflikten am Arbeitsplatz – machen sichtbar, ob hinter den Beschwerden tatsächlich eine behandlungsbedürftige Störung steckt.
Der größte Nutzen entsteht im Zusammenspiel aus Fragebogen und persönlichem Austausch. Für Ärztinnen und Ärzte heißt das: mehr Klarheit bei wiederkehrenden unspezifischen Beschwerden und ein besseres Gespür dafür, wann eine Überweisung an Fachärzte angebracht ist.
Warum bleibt ADHS oft unerkannt?
Viele Symptome – etwa Erschöpfung, Vergesslichkeit, Überforderungsgefühle oder emotionale Impulsivität – werden häufig anderen Ursachen zugeschrieben. Betroffene durchlaufen nicht selten jahrelang verschiedene Arztkontakte, bevor eine korrekte Diagnose gestellt wird.
Wertvoll – auch wenn der Verdacht sich nicht bestätigt
Die Studie zeigt zudem eine solide Spezifität des ASRS‑5 von rund 72 Prozent. Das bedeutet: Nicht jeder Verdacht erweist sich als ADHS. Doch selbst dann hat das Screening einen Mehrwert. Denn es kann helfen, andere Ursachen wie Erschöpfung, depressive Symptome oder Konzentrationsstörungen sichtbar zu machen – Probleme, die sonst häufig über Jahre unerkannt bleiben.
Auch wirtschaftlich ist der Einsatz sinnvoll. Der Fragebogen kostet nichts, spart aber wertvolle Zeit und reduziert das Risiko, echte ADHS-Fälle zu übersehen. Praxisteams profitieren von einer einfachen Handhabung, Betroffene von einer schnelleren Orientierung.
Ein Gewinn für Versorgung und Gesellschaft
Früh erkanntes ADHS kann Krisen, Suchterkrankungen oder berufliche Schwierigkeiten verhindern. Der ASRS‑5 bietet damit eine echte Chance: Hausärzte erhalten ein handliches Werkzeug für den Alltag, Patientinnen und Patienten gewinnen Klarheit und Zugang zu einer möglichen Behandlung – und das Gesundheitssystem profitiert langfristig von geringeren Belastungen.
Was ist ADHS?
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die häufig bereits in der Kindheit beginnt und bei vielen Betroffenen bis ins Erwachsenenalter fortbesteht. Typisch sind dauerhafte Schwierigkeiten in drei Bereichen:
Unaufmerksamkeit: Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, Planungs- und Organisationsschwierigkeiten.
Hyperaktivität: innere Unruhe, das Gefühl „nie abschalten zu können“ – bei Erwachsenen oft weniger sichtbar als bei Kindern.
Impulsivität: vorschnelles Handeln, Schwierigkeiten mit Selbstregulation oder Abwarten.
Wie häufig ist ADHS bei Erwachsenen?
Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass ADHS deutlich öfter vorkommt, als lange angenommen. Laut einer Integrate-ADHD-Studie des Robert-Koch-Insituts sind etwa 4,7 Prozent der erwachsenen Deutschen betroffen. Internationale Metaanalysen berichten von einer durchschnittlichen Erwachsenenprävalenz von 4,61 Prozent, , in einkommensstarken Ländern etwas niedriger bei rund 3,25 Prozent.