Kritischer Trend setzt sich fort: Mehr Ärzte – aber immer weniger verfügbare Arztzeit
Marzena SickingDie neuen Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) für das Jahr 2025 bestätigen eine besorgniserregende Entwicklung: Obwohl die Zahl der Ärztinnen, Ärzte und Psychotherapeutinnen stetig wächst, steht für die direkte Patientenversorgung weniger Zeit zur Verfügung. Vor allem der Trend zu Anstellungen und Teilzeit verändert die ambulante Versorgung deutlich.
Mehr Ärzte pro Kopf – aber weniger Arztzeit in der Versorgung
Laut aktueller KBV-Arztzahlstatistik waren 2025 insgesamt 191.875 Ärztinnen, Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in der vertragsärztlichen Versorgung tätig. Das sind 2.324 mehr als im Vorjahr, ein Plus von 1,2 Prozent. Doch der Blick hinter die Zahlen zeigt deutliche Unterschiede:
Ärztlicher Bereich: +0,7 Prozent
Psychotherapie: +3,7 Prozent
Während die Gesamtzahl steigt, sinkt die für Patienten verfügbare Arztzeit – ein Effekt, der vor allem auf die zunehmende Teilzeit und Anstellung zurückzuführen ist. Besonders jüngere Medizinerinnen und Mediziner bevorzugen flexible Arbeitsmodelle.
KBV: Attraktive Rahmenbedingungen dringend nötig
KBV-Vorstandsvorsitzender Dr. Andreas Gassen warnt, dass Arztpraxen keine „beliebig verfügbare Ressource“ seien. Obwohl niedergelassene Ärztinnen und Ärzte weiterhin 97 Prozent der ambulanten Versorgung stemmen, bleibe die verfügbare Zeit begrenzt.
Gassen stellt klar:
Die Politik müsse Bürokratie abbauen.
Unausgereifte Sparvorschläge verschärften den Druck auf Praxen.
Der Trend zu Teilzeit und Anstellung müsse ernstgenommen werden.
Ohne stabile Rahmenbedingungen könne die ambulante Versorgung langfristig nicht gesichert werden.
Hausärzte: Rückgang setzt sich fort
Besonders kritisch zeigt sich die Situation in der hausärztlichen Versorgung. Obwohl die Zahl der Hausärztinnen und Hausärzte 2025 leicht um 0,6 Prozent gestiegen ist, sank die Zahl der vollen Sitze aufgrund des Teilzeittrends um 0,1 Prozent.
KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister verweist auf klar erkennbare Risiken:
Bereits heute sind rund 5.000 Hausarztsitze unbesetzt.
Die Babyboomer-Generation wird den Ärztemarkt in den kommenden Jahren weiter ausdünnen.
Ohne Strukturreformen droht eine Verschärfung der Versorgungslage.
Zu den dringendsten Maßnahmen gehören laut Hofmeister weniger Bürokratie und eine bessere Patientensteuerung.
Ärzteschaft wird jünger – und mehrheitlich weiblich
Ein weiterer Trend der Arztzahlstatistik: Die Ärzteschaft verändert sich strukturell.
Durchschnittsalter 2025: 53,9 Jahre
Jüngste Fachgruppe: Kinder- und Jugendpsychotherapie (50,8 Jahre)
Älteste Gruppe: Ärztliche Psychotherapeuten (61,1 Jahre)
Frauenanteil: 53,2 Prozent (2015: 44,1 Prozent)
KBV-Vorstandsmitglied Dr. Sibylle Steiner betont, dass moderne Arbeitsmodelle unerlässlich sind, um die Versorgung zukunftsfähig zu halten. Dazu gehören:
verlässliche digitale Infrastruktur
weniger Dokumentationsaufwand
flexible Arbeits- und Vertretungsmodelle
Abschaffung wirtschaftlicher Prüfungen
Nur so könne die Niederlassung für die wachsende Zahl junger Ärztinnen attraktiv bleiben.
Teilzeit auf dem Vormarsch – Mehrheit ab 2039?
Die Statistik zeigt deutlich, wie stark sich Arbeitsmodelle ändern:
knapp 60.000 Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeuten sind angestellt
über 70.000 arbeiten in Teilzeit, davon 45.795 Mediziner und 25.692 Psychologische Psychotherapeuten
Aktuell dominiert die Vollzeit zwar noch (98.447 Mediziner), doch der Trend zeigt in eine andere Richtung. Setzt sich die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre fort, wird 2039 die Mehrheit der ambulant Tätigen in Teilzeit arbeiten. Das hätte weitreichende Folgen:Um 25.000 Vollzeitkräfte, die in den kommenden 20 Jahren ausscheiden, zu ersetzen, wären aufgrund von Teilzeitmodellen rund 50.000 Ärztinnen und Ärzte nötig.