Gegen Skepsis und Falschinformation: Impfgespräche mit der Sandwich-Methode führen
Ina ReinschWie reagiert man auf Skepsis und Falschinformation auf Seiten des Patienten beim Thema Impfen? Die Sandwich-Methode kann helfen, ein Impfgespräch zu strukturieren, Vertrauen aufzubauen und Fakten zu vermitteln. So geht‘s.
Es gehört zum Impfmanagement in jeder Hausarztpraxis, Patientinnen und Patienten auf Impfungen hinzuweisen, die die STIKO empfiehlt. Dabei entspinnen sich manchmal schwierige Dialoge. Während die Erinnerung an eine Tetanus-Auffrischung bei den meisten Patienten auf große Zustimmung stoßen wird, sieht es bei FSME oder Herpes zoster manchmal anders aus. „Das kriege ich nicht“ oder „Ich bin doch fit“ sind da noch harmlose Antworten. „Eine durchgestandene Krankheit stärkt das Immunsystem“ oder „Die ganzen Impfungen sind doch pharmagesteuert und sollen uns nur krank machen“ regt dagegen viele Ärzte zu deutlichem Widerspruch an.
Natürlich ist eine Impfentscheidung immer eine individuelle Entscheidung, die sich unter anderem nach Vorerkrankungen, Alter, Risiko und Bereitschaft des Patienten richtet. Doch wie geht man mit schwierigen Ansichten um? Wie reagiert man trotz knapper Zeit faktengesteuert und souverän? Wie erreicht man Patienten, die Falschinformationen aufsitzen oder schlicht verunsichert sind, und kommt ohne Druck und Bekehrungseifer ins Gespräch? Das Robert Koch-Institut (RKI) hat für häufig vorkommende Falschinformationen zu Impfungen sogenannte Fakten-Sandwiches entwickelt, die Ärztinnen und Ärzten helfen können.
Die für den Patienten schwierigen Fakten werden freundlich verpackt
Von der sogenannten Sandwich-Methode haben die meisten schon einmal gehört. Sie stammt aus der Psychologie und hilft, eine als schwierig wahrgenommene Information oder Kritik besser zu verpacken, indem man sie in zwei positive Aussagen einbettet wie Schinken und Käse in einem Sandwich. Die positiven Aussagen zu Beginn und am Ende einer Konversation bleiben im Gedächtnis haften. Die Nachricht in der Mitte wird zwar wahrgenommen, jedoch durch den positiven Rahmen besser verarbeitet. Die Methode kann auch dabei helfen, eine unangenehme Wahrheit zu transportieren, und lässt sich daher auf Impfgespräche übertragen.
Zunächst wird der Fakt genannt, dann die Falschinformation als solche benannt und anschließend erklärt, woher die Falschinformation kommt und wieso es sich um eine Falschinformation handelt. Abschließend wird der Fakt wiederholt.
Ein Beispiel soll das verdeutlichen (angelehnt an das RKI):
Ein 75-jähriger Patient sagt im Impfgespräch: „Die Impfung gegen Influenza schadet mehr als sie nutzt.“
Fakt: Impfungen bergen weniger Risiken, als die Infektionen und Erkrankungen, vor denen sie schützen.
Mythos: Die Impfung ist gefährlicher als die Infektion.
Erklärung: Durch die Erfolge von Impfprogrammen konnten viele Erkrankungen stark eingeschränkt oder sogar ganz eliminiert werden. Die meisten Menschen haben daher keinen Kontakt mehr zu diesen Erkrankungen. Es ist deshalb verständlich, dass der Eindruck entstehen kann, die möglichen Risiken einer Impfung seien bedrohlicher als das Risiko von Erkrankungen, mit denen man keine direkten Erfahrungen hat. Richtig ist jedoch, dass Impfungen erfolgreich viele, teils schwere Erkrankungen verhindert haben, die bei einem Sinken der Impfquote wieder erneut vermehrt auftreten würden.
Fakt: Die Infektion und ihre möglichen Komplikationen sind deutlich riskanter als die empfohlene Impfung.
Ein weiteres Fakten-Sandwich könnte in einem Arzt-Patienten-Gespräch etwa so aussehen (nach RKI):
Patient: „Wenn die Impfung einen 100-prozentigen Schutz liefern würde, würde ich mich ja impfen lassen – aber so: nein, danke.“
Arzt: „Der Schutz von Impfungen ist gut, beträgt aber nicht 100 Prozent." (Fakt)
"Dass Impfungen sinnlos sein sollen, weil sie gar nicht zu 100 Prozent schützen, stimmt nicht.“ (Falschinformation)
„Natürlich ist es wünschenswert, dass medizinische Behandlungen für alle Menschen und unter allen Bedingungen wirksam sind. Einen 100-prozentigen Schutz kann aber keine derzeit verfügbare Impfung garantieren. Es ist verständlich, dass dies unbefriedigend sein kann. Doch auch viele andere Behandlungen sind nicht zu 100 Prozent wirksam. Die Einnahme von Ibuprofen hilft zum Beispiel auch nicht zu 100 Prozent gegen Kopfschmerzen. Trotzdem vertrauen viele Menschen auf die gute Wirksamkeit des Medikaments, denn in vielen Fällen konnte das Medikament den Kopfschmerz lindern. Ähnlich ist es bei Impfungen: Auch wenn Impfungen nicht zu 100 Prozent wirksam sind, heißt das nicht, dass Impfungen grundsätzlich nicht schützen würden. Eine Wirksamkeit von zum Beispiel 90 Prozent gegen die Erkrankung senkt das Erkrankungsrisiko erheblich und schützt eine große Mehrheit der Geimpften.“ (Erklärung)
„Impfen ist sinnvoll, auch wenn der Schutz nicht 100 Prozent betragen kann.“ (Fakt)
Fertige Fakten-Sandwiches gibt es beispielsweise für die Aussagen „Impfungen im Säuglings- und Kleinkindalter werden zu früh durchgeführt“, „Impfungen verursachen die Erkrankungen, gegen die sie schützen sollen“ und „Impfungen fördern Allergien“.
Patienten auf anstehende Impfungen hinweisen
Um Patienten für Impfungen zu motivieren, bedarf es in der Praxis einer gezielten Ansprache und Information. Anlass dafür können sein:
der Erstkontakt in der Praxis
ein Termin für einen Check-up
U-Untersuchungen
Urlaubszeit, geplante Reisen
saisonale Anlässe (Grippeschutz, FSME)
besondere Ereignisse, wie Verletzungen oder Unfälle
Eintritt in Kindergarten oder Schule
Ärztinnen und Ärzte können auch besondere Personengruppen gezielt ansprechen, etwa bestimmte Altersgruppen, für die Impfungen empfohlen werden, oder Patienten mit Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus. Die Empfehlung einer Indikationsimpfung obliegt dem Arzt. Eine Impfsoftware für die Arztpraxis, welche die STIKO-Empfehlungen automatisiert an Alter, Geschlecht und Vorerkrankungen anpasst, kann dabei helfen.
Auch eine korrekte Dokumentation der Impfung ist aus haftungsrechtlichen Gründen wichtig. Im Impfausweis muss Folgendes eingetragen werden: Datum der Schutzimpfung, Bezeichnung und Chargennummer des Impfstoffes, Krankheit(en), gegen die geimpft wird, sowie Stempel und Unterschrift des verantwortlichen Arztes. Ganz wichtig: Die MFA darf nicht unterschreiben, dies darf nur der Arzt oder die Ärztin. Zusätzlich sollten Aufklärung und Impfung in der Patientenakte vermerkt werden.
Zur Dokumentation von durchgeführten Impfungen gehört nach dem Infektionsschutzgesetz auch, auf ein zweckmäßiges Verhalten bei ungewöhnlichen Impfreaktionen hinzuweisen sowie über notwendige Folge- und Auffrischungsimpfungen zu informieren.