Männliche Fertilität bei Krebstherapie schützen
Dr. Dagmar van ThielDer Schutz und der Wiedergewinn der Fertilität krebsleidender Patienten ist das Anliegen der neuen S2k-Leitlinie. Im Folgenden stehen die Probleme betroffener Männer und männlicher Jugendlicher im Fokus.
Die fortschrittliche Entwicklung moderner Tumorbehandlungen auf den Gebieten Chemotherapie und endokrine Therapien sowie der Operationen und Strahlentherapien haben die Überlebensraten von Patienten mit malignen Erkrankungen signifikant verbessert.
Gonadenschädigung bei Männern und Frauen
Allerdings ziehen solche Behandlungsmaßnahmen sehr häufig bei Männern wie bei Frauen eine partielle oder komplette Schädigung der Gonadenfunktion mit dem möglichen Verlust der Keimzellen nach sich. Patienten, die an Krebs erkrankt sind, stufen die Tatsache, an einer lebensbedrohlichen Krankheit zu leiden, als ähnlich belastend ein wie die Aussicht auf eine spätere therapiebedingte, nicht wieder rückgängig zu machende Unfruchtbarkeit.
Kinderwunsch als zentrales Anliegen
Darauf weisen die neuen Leitlinien zum „Fertilitätserhalt bei onkologischen Erkrankungen“ hin. Danach wünschen sich 76 Prozent der an Krebs Erkrankten später ein Kind und jeder siebte würde sogar eine verminderte onkologische Sicherheit in Kauf nehmen, wenn dadurch ein späterer Kinderwunsch erfüllt werden könnte. Diese Zahlen belegen auch, welch großes Problem eine drohende vorzeitige Infertilität für die Betroffenen und ihre Angehörigen bedeutet.
Zudem fühlen sich die Patienten doppelt geschädigt, einmal infolge der malignen Erkrankung, zum zweiten wegen der möglichen Fortpflanzungsunfähigkeit. Vor diesem Hintergrund fordern die Leitlinienautoren, dass Konzepte zum Erhalt der Fertilität und für eine entsprechende Beratung integraler Bestandteil onkologischer Behandlungen von Patienten im reproduktiven Alter und auch von Betroffenen schon in der Pubertät sein müssen.
Risikofaktoren für männliche Unfruchtbarkeit
Für eine Ganadotoxizität oder eine Schädigung der reproduktiven Funktion bei Männern kommen folgende Ursachen infrage:
operative Eingriffe,
Strahlentherapie,
Chemotherapie,
Immunbehandlungen oder
andere zielgerichtete Therapien.
Männer und Jungen, für die solche Therapien indiziert sind, sollten vor Beginn der Maßnahmen über die Auswirkungen auf die Fertilität und die Möglichkeit fertilitätserhaltender Maßnahmen aufgeklärt und beraten werden.
Orchiektomien können beidseitig zu vollständiger oder einseitig zu bedingter Infertilität führen. Eingriffe im kleinen Becken oder Retroperitoneum können irreversible Ejakulationsstörungen oder Erektionsstörungen nach sich ziehen. Als Folge der Strahlentherapie kann eine reversible oder irreversible Azoospermie des Hodens entstehen. Die Erholung der Spermatogenese ist davon abhängig, in welchem Ausmaß die spermatogonialen Stammzellen zerstört werden.
Die Chemotherapie greift in die Zellteilung der Spermatogonien ein und bewirkt eine vorübergehende, kurz- oder langzeitige bis permanente Schädigung der Gonadenfunktion. Immuntherapien und zielgerichtete Therapien besitzen laut Leitlinie wahrscheinlich ein geringeres Risiko für Infertilität bei Männern.
Fertilitätsprotektion für Männer
Die Empfehlungen der neuen Leitlinie richten sich auch auf Methoden der Fertilitätsprotektion von Jungen und Männern. Dazu gehören:
Kryokonservierung von Ejakulat und Hodengewebe,
Gonadenschutz bei Bestrahlung sowie
experimentelle Ansätze.