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Praxis

Aus Sicht von Bundeskanzler Friedrich März (CDU) sind die Deutschen zu häufig krank. Aber stimmt es, dass Deutschland eine Nation der Blaumacher ist? ARZT & WIRTSCHAFT hat sich die Zahlen genauer angesehen: Was ist dran am Mythos der dauernd kranken Deutschen, ist die telefonische Krankschreibung Schuld an den hohen Fehlzeiten? Und was ist von den Forderungen nach einer Teilkrankschreibung zu halten?

Ist die telefonische Krankschreibung Schuld an den hohen Fehlzeiten?

Aus der Politik ist aktuell immer wieder zu hören, dass die telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) Schuld an den hohen Fehlzeiten der Deutschen sei. Der Verdacht, der mitschwingt: Die telefonische AU würde es Arbeitnehmern erleichtern blauzumachen. Analysen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung und der Barmer Krankenkasse zeigen jedoch, dass im Jahr 2022 maximal 1,2 Prozent der AU-Bescheinigungen telefonisch ausgestellt wurden, 2023 sogar nur 0,9 Prozent. Laut AOK-Bundesverband wurden 2024 rund 1,5 Prozent der atemwegsbedingten AU-Bescheinigungen per Telefon ausgestellt. Im Einzelfall mag es Missbrauch geben, ein systematischer Missbrauch lässt sich aus diesen Daten jedoch nicht herauslesen.

Sind Arbeitnehmer in Deutschland wirklich häufiger krank als in anderen Ländern?

Laut Statistischem Bundesamt waren Arbeitnehmer in Deutschland im Jahr 2024 durchschnittlich 14,8 Arbeitstage krankgemeldet. Gegenüber 2021 bedeutet das ein Plus von 3,6 Krankheitstagen. Grund dafür dürfte unter anderem die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung seit dem 1. Januar 2022 sein.

Im OECD-Ländervergleich (Absence from work due to illness) war Deutschland 2022 mit durchschnittlich 24,9 Krankheitstagen pro Mitarbeiter absoluter Spitzenreiter. Es folgten Lettland mit 20,4 Tagen sowie Tschechien mit 19,2 Tagen. Für Österreich weisen die OECD-Zahlen 14,9 Krankheitstage aus, für die Schweiz 9,7. Für ihre Statistik befragt die OECD die Unternehmen oder nimmt Schätzungen vor. Das erklärt die Abweichungen von den über die Krankenkassen gemeldeten Zahlen, die die Fehltage ihrer Versicherten ab Beginn der ärztlich attestierten Arbeitsunfähigkeit zählen – in der Regel ab dem vierten Tag der Krankheit.

Über die Ländergrenzen hinweg lassen sich die Daten sehr schwer vergleichen, da es unterschiedliche Meldesysteme gibt, die je nach Land unterschiedlich zuverlässig sind. Auch unterschiedliche Definitionen des Begriffs „Fehlzeiten“ führen zu einer eingeschränkten Vergleichbarkeit: So werden in Deutschland nicht nur die Ausfalltage gezählt, an denen Mitarbeitende aufgrund akuter Krankheit nicht zur Arbeit kommen, sondern auch Rehamaßnahmen oder Erkrankungen der Kinder.

Könnte die Einführung einer Teilkrankschreibung helfen, die Fehlzeitenquote zu senken? 

Bislang gilt: Entweder ist ein Beschäftigter arbeitsunfähig krank, dann kann er gar nicht arbeiten, oder er ist gesund und geht zur Arbeit. Halb krank gibt es nicht. In letzter Zeit mehren sich jedoch die Stimmen aus Politik und Wirtschaft, die über eine Teilkrankschreibung diskutieren. Und es stimmt: Es gibt Krankheiten, bei denen Beschäftigte zumindest stundenweise arbeiten könnten. Das müsste individuell ärztlich geprüft werden und dürfte den Heilungsverlauf nicht verzögern.

In einigen skandinavischen Ländern wie Schweden, aber auch in der Schweiz ist das Modell der Teilkrankschreibung bereits etabliert. So konnte Schweden offiziellen Angaben zufolge mit der Einführung der Teilkrankschreibung nicht nur die Höhe der AU-Tage reduzieren, sondern auch die Krankengeldzahlungen. Rund ein Drittel der Krankschreibungen erfolgen dort als Teilkrankschreibung.

Der Expertenrat der Bundesregierung für Gesundheitsfragen empfahl Anfang 2025 auch für Deutschland die Schaffung einer Teilkrankschreibung, etwa mit mobilem Arbeiten oder reduzierter Stundenzahl. Das Gremium riet übrigens zu einer Beibehaltung der telefonischen Krankschreibung, da diese nicht die Ursache für den hohen Krankenstand sei.

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