Sturzprophylaxe im Alter: Wohnraumanalyse kann verordnet werden
Ina ReinschStürze sind eine der Hauptursachen für Verletzungen bei älteren Menschen und belasten diese oft schwer. Hausärztinnen und Hausärzte können zu einer Verbesserung der Situation beitragen, indem sie an die Verordnung einer Wohnraumanalyse über Ergotherapie denken. Was sie dabei beachten sollten.
Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko zu stürzen. Stürze können zu schwerwiegenden Verletzungen führen und für alte Menschen letztlich das Aus für ein Leben in den eigenen vier Wänden bedeuten. Hausärztinnen und Hausärzte sind bei älteren Patienten häufig mit dieser Problematik konfrontiert. Nicht selten stürzen betagte Patienten mehrfach im Jahr, was zu Sturzangst, einer Einschränkung der körperlichen Aktivitäten und einer Verringerung der sozialen Kontakte führt. Daher sollten Ärzte daran denken, dass sie etwas zur Sturzprophylaxe ihrer Patienten beitragen können, indem sie eine ergotherapeutische Wohnraumanalyse verordnen.
Wie geht das?
Hausärztinnen und Hausärzte können ebenso wie Orthopäden eine Heilmittelverordnung für Ergotherapie mit dem Vermerk „Umfeldberatung“ ausstellen. Dort muss als Leitsymptomatik eine akute Sturzgefährdung aufgeführt sein. Für die Risikobewertung müssen eine oder mehrere der folgenden drei Fragen mit „Ja“ beantwortet werden:
Unsicherheit beim Gehen?
Sturzangst?
Sturz in den letzten zwölf Monaten?
Ein Ergotherapeut führt dann einmal pro Behandlungsfall einen Hausbesuch durch. Dieser dauert inklusive Vor- und Nachbereitung 120 Minuten und erfolgt gemeinsam mit den Patienten und den Angehörigen. Bei Patienten mit langfristigem Heilmittelbedarf kann die Wohnraumanalyse zusätzlich einmal pro Quartal erbracht werden. Der Ergotherapeut berät entsprechend den Ergebnissen und empfiehlt Maßnahmen. Der verordnende Arzt sollte auf der Verordnung einen Therapiebericht anfordern.
Das individuelle Sturzrisiko setzt sich aus drei Faktorengruppen zusammen:
intrinsische Faktoren, verbunden mit der Person, zum Beispiel Alter, Vorerkrankungen,
extrinsische Faktoren, verbunden mit der individuellen Umwelt, zum Beispiel schlechte Beleuchtung, glatte Fußböden,
verhaltensbasierte Faktoren, zum Beispiel riskante Aktivitäten, mangelndes Gefahrenbewusstsein.
Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin empfiehlt die jährliche Befragung älterer Patienten nach zurückliegenden Stürzen als Teil des geriatrischen Assessments in der Hausarztpraxis. Daher sollten Hausärztinnen und Hausärzte gezielt danach fragen. Die ergotherapeutische Wohnraumanalyse stellt ein wichtiges Instrument zur Sturzprophylaxe dar. Denn ältere Patientinnen und Patienten und deren Angehörige schätzen die häusliche Situation oft völlig anders ein als Profis und sind nicht selten der Meinung, dass ihre Wohnung bereits mehr oder weniger barrierefrei sei. Das ist jedoch oft ein Trugschluss.
Maßnahmen umsetzen
Ein weiterer, weitverbreiteter Irrtum: Barrieren abzubauen, ist immer mit teuren Umbaumaßnahmen verbunden. Oft fehlen Haltegriffe oder Handläufe auch außerhalb des Badezimmers oder der Bodenbelag ist nicht für Rollatoren geeignet. Manchmal ist die Klingel nicht gut zu hören oder der Eingangsbereich nicht ausreichend beleuchtet.
Diese Wohnbedingungen für ältere Menschen besser zu gestalten, kostet nicht viel Geld. Eine Wohnung mit einem barrierefreien Bad oder Türen ohne Türschwellen und mit einer Breite, durch die auch Rollatoren oder Rollstühle passen, auszustatten, ist natürlich kostenintensiver. Hierfür gibt es aber Fördermöglichkeiten. Patienten und Angehörige können unverbindlich und kostenlos Hilfe und Beratung über die Wohnberatungsstellen der Bundesländer finden. Diese können Hinweise und Tipps zur Finanzierung geben, etwa über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die Pflegekasse oder eine Landesförderung.