Die wichtigsten Klima-Stellschrauben in der Praxis
Deborah WeinbuchDie größten Hebel für mehr Klimaschutz liegen nicht bei Energie oder Material, sondern bei medizinisch relevanten Prozessen. Das zeigt ein Toolkit der Goethe-Universität Frankfurt, das konkrete Maßnahmen für Hausarztpraxen systematisch einordnet.
Dass die CO2-Emissionen des Gesundheitssektors sinken müssen, darüber ist sich die Ärzteschaft weitgehend einig. Doch welche Maßnahmen erzielen welche Wirkung? Ein neuer, digitaler Werkzeugkasten der Goethe-Universität Frankfurt liefert darauf eine strukturierte Antwort (www.napra.info). Der Leitfaden „Nachhaltigkeit in Hausarztpraxen“ zeigt: Der größte Hebel liegt nicht bei LED-Leuchten oder Papierverzicht, sondern in der Verordnungspraxis.
„Je nach Situation entstehen 60 bis 90 Prozent der CO2-Emissionen einer Hausarztpraxis in der Pharmakotherapie“, betont Dr. Catriona Friedmacher vom Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität. Diese Emissionen entstehen primär durch Produktion und Lieferketten. Jede Verordnung ist somit auch eine ökologische Entscheidung.
Verordnung als Klimafaktor
Ein nachhaltiges Verschreibungsverhalten beginnt bei der Neuverordnung: Kleine Packungsgrößen und Probezeiträume (etwa bei Statinen oder Antihypertensiva) vermeiden Abfall, falls Unverträglichkeiten auftreten. Auch die Vermeidung einer nicht leitliniengerechten Verordnung, etwa bei Antibiotika, gilt als wichtiger Hebel.
Zentral bleibt die Überprüfung der Dauertherapie. Regelmäßige Medikationsanalysen im Rahmen von Check-ups oder DMP bieten die Chance zum Deprescribing. Das Absetzen nicht mehr indizierter Wirkstoffe reduziert nicht nur Emissionen, sondern senkt auch das Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen und verbessert klinische Outcomes wie Hospitalisierungsraten.
Besondere Relevanz hat die Wahl der Inhalativa: Treibgasbetriebene Dosieraerosole verursachen ein Vielfaches der Emissionen von Pulverinhalatoren. Eine Umstellung – unter Berücksichtigung von Patientenpräferenz und korrekter Technik – schont das Klima massiv. Zudem sollten Ärzte die Umweltpersistenz von Arzneimitteln beachten. Informationen hierzu stellt das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (bmuv.de) bereit.
Überversorgung vermeiden
Der Leitfaden, gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), umfasst insgesamt 132 Maßnahmen in 13 Handlungsfeldern – von Energie und Mobilität bis hin zur Praxisorganisation. Ein weiterer wichtiger Hebel ist die Reduktion von Überversorgung, also Leistungen ohne klaren Nutzen wie eine nicht indizierte Diagnostik. Studien legen nahe, dass 15 bis 30 Prozent aller diagnostischen Tests entbehrlich sein könnten, darunter auch Bildgebung und Laboruntersuchungen.
Bei Bluttests wird der Anteil unnötiger Bestimmungen auf bis zu 25 Prozent geschätzt. Auch EKG und Echokardiografien erfolgen häufig bei asymptomatischen Patienten ohne Risikofaktoren – mit einem geschätzten Überhang von 15 bis 30 Prozent.
Bei CT- und MRT-Untersuchungen liegt der Anteil unnötiger Verordnungen ebenfalls bei etwa 20 bis 30 Prozent. Diese Überversorgung kann Patienten und Patientinnen schaden und verursacht zusätzliche Emissionen durch energieintensive Verfahren, Materialverbrauch und nachgelagerte Prozesse. Eine gezielte Reduktion wirkt doppelt: Sie verbessert die Versorgungsqualität und senkt gleichzeitig den CO2-Ausstoß.
Jeder Weg zählt
Einer der größten Emissionsposten ist der Weg zur Praxis. Fahrten der Patienten und des Praxisteams können eine enorme kumulative Distanz darstellen und etwa 40 bis 60 Prozent der Emissionen ausmachen.
Terminbündelung: Mehrere Anliegen in einem Besuch zu klären oder Labortermine geschickt zu legen, reduziert die Anzahl der notwendigen Fahrten.
Digitalisierung nutzen: Videosprechstunden, eRezept und eAU vermeiden unnötige Praxisbesuche.